Was mir das Herz bricht: Erstklässler mit zu großen Schulranzen

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Morgens ist es besonders schlimm. Morgens scheint die Last die winzigen, noch bettwarmen Körper besonders zu deformieren. Vielleicht, weil zur Müdigkeit auch noch Angst kommt. Angst macht jeden kleiner. Angst staucht. Und für Angst gäbe es ja schon Anlass. Morgens steht am Ende des Weges schließlich die Ursache für das Leid: die Schule.  

Man muss kein Feind unseres Bildungssystems sein, um bei diesem Anblick erst sehr traurig und dann wütend zu werden – aber es hilft: Riesige Schulranzen auf dürren Beinchen, Kinder, die ständig so aussehen, als würde die Last des kastenförmigen Tornisters sie jeden Moment auf den Rücken kippen. Ich kann mir wenig vorstellen, das so sehr die Grausamkeit und Härte der Welt bebildert wie Erstklässler, denen man viel zu große Rucksäcke auf die Rücken gewuchtet und sie dann auf die Straße geschickt hat. Das Gewicht scheint die Unschuld der Kindheit zu zerquetschen. "Jeder hat sein Kreuz zu tragen", sagt es. "Du jetzt auch!" Aber das ist ja noch lang nicht alles.  

Wer den Ausspruch "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens" für spießbürgerliches Blabla hält, muss nur Kindern hinterher schauen, die vom Gewicht schlingernd die Straße hinunterwaten als kämpften sie mit schwerem Gegenwind. Er wird das Unverständnis spüren und vielleicht auch die einsetzende Erkenntnis, dass das ja erst der Anfang ist. Denn das ist es doch, was die Tortur den Kleinen vermittelt: "Das machst du jetzt erstmal die kommenden 12 Jahre. Zweimal so lang, wie du auf dieser Welt bist. Dein Weg wird beschwerlich sein – aber dafür lang. Und übrigens gehst du ihn alleine. Willkommen zum Rest deines Lebens." Bestialisch ist das!  

Vor ein paar Wochen habe ich ein Mädchen gesehen, das an der Hand seiner Mutter aus der Haustür kam. Schon schwer bepackt. Die beiden unterhielten sich – über die Schule, darüber, ob die anderen Kinder nett seien, die Lehrerin, die Erzieher (eher schon – aber es schwang viel Skepsis in den Antworten mit). An der ersten Kreuzung trennten sich die Wege. Die Mutter bog nach links ab, das Mädchen blickte ihr hinterher. Lange. Taumelnd. Bis ein zweites Mädchen zu ihr stieß und sie – Ranzen an Ranzen – losschwankten. Da knallte ein knackender Doppeldonner hinter ihnen her. Weil ich erkannte, dass eine andere Phrase hier leider nicht greift: Geteiltes Leid ist keineswegs halbes Leid – es ist doppeltes.

Text: jakob-biazza - Illustration: katharina-bitzl

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