Was mir das Herz bricht: Marode Fußballtore im Dschungel

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Es ist wahrscheinlich egal, in welchen Teil der Welt man reist, und wahrscheinlich ist es auch egal, ob man sich in einer Großstadt befindet, auf einer kleinen Pazifikinsel oder in einer Wüste. Es ist immer dasselbe: Wo es Menschen gibt, gibt es auch einen Fußballplatz. Aber jeder Fußballplatz ist anders. Vor allem, was emotionale Reaktionen angeht.  

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Illustration: Julia Schubert

Wenn ich, nur zum Beispiel jetzt, mit der S-Bahn am Fußballplatz des FC Neufahrn vorbei fahre, löst das in mir rein gar nichts aus. Amateurfußball, Parkplatz, Fluchtlichtanlage, Vereinsheim. So what. Die Menschen, die hier Fußball spielen oder ihren Kindern dabei zusehen, tun das, weil es ihr Leben weniger langweilig macht oder weil sie es immer schon getan haben. Es ist ihr Hobby. Es ist ihre Freizeitbeschäftigung.   Wenn ich aber, auch nur zum Beispiel, solche Tore wie auf einer Reise im Senegal sehe, ist es anders. Dort standen auf einer kleinen Halbinsel in einem abgelegenen Flussdelta, in der staubigen Ebene zwischen zwei Dörfern, zwei einsame, verbeulte Tore ohne Netz. Sie sahen aus, als würde jeder beherzte Pfostentreffer ihre Existenz gefährden. Ungefähr in der Mitte zwischen ihnen waren zu allem Überfluss noch die Spuren des Eselkarrens zu sehen, der hier gerade durchgefahren war, wie jeden Tag, weil er irgendwas vom Bootssteg in die Dörfer brachte. So ein Anblick bricht mir das das Herz.   Zuerst ist da diese Rührung, die einen überkommt, wenn man das Gefühl hat, etwas Purem und Wahrhaftigem zu begegnen. Eine Fläche und zwei Tore darauf, mehr braucht der Mensch nicht zum Glück. Fußball ist ein so simples Spiel, es funktioniert hier genauso wie in der Welt der Vereinsheime und Flutlichtanlagen und es hat sich überall durchgesetzt, bis in die entlegensten Winkel des Planeten. Aus diesem Grund drückt in einer Reisegruppe, die durch ein Dschungeldorf im Amazonas und dabei an einem maroden Dritte-Welt-Tor vorbei wandert, auch garantiert mindestens einer den Instagram-Auslöser. Denn das Bild sagt: Seht, ich habe wahre Schönheit erkannt.Gleichzeitig macht das marode Tor aber den Unterschied zwischen Wohlstandswelt und Armut besonders deutlich. Theoretisch müssten Fußballplätze immer gleich aussehen, weil dort, egal wo sie sich befinden, immer dasselbe Spiel gespielt wird. Tun sie aber nicht. Hier gibt es kein Vereinsheim, sondern einen Baum, unter dem manchmal ein paar Alte sitzen, wenn die Jungen spielen. Hier gibt es kein Flutlicht und die Solarlampen, die ein UN-Hilfsprojekt im Dorf aufgestellt hat, stehen eben nur im Dorf und nicht bei den Toren. Hier ist Fußball keine Freizeitbeschäftigung, weil kaum jemand Arbeit hat. Im Gegenteil: Die Tore sind Projektionsfläche für die Hoffnung, die manche der Jungen hier haben. Sie kennen die Geschichten von den Stars, die es aus kleinen Dörfern, dunklen Vorstädten oder Slums in die Weltspitze geschafft haben. Sie sind Vorbilder für die Jungen, die auf die Dschungel- und Steppentore schießen. Aber die allermeisten dieser Hoffnungen werden enttäuscht, der Großteil der Jungen wird mit seinem Freistoß nie einen anderen Pfosten treffen als den einen, den sie schon ihr ganzes Leben lang immer mal wieder getroffen haben.  Am Donnerstag beginnt die WM in Brasilien. Vier Wochen lang werden Millionäre in hochmodernen Stadien unter Beobachtung von sehr vielen, über den ganzen Globus verteilten Menschen Fußball spielen. Aber das ändert nichts daran, dass jeden Tag über den ganzen Globus verteilt sehr viele arme Menschen auf schlechten Plätzen mit schiefen Toren Fußball spielen. Unter Beobachtung von niemandem.Text: christian-helten - Illustrationen: katharina-bitzl

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