Was mir das Herz bricht: Rundmails ohne Antwort

„Toni hat die Konversation verlassen.“
Von Jan Stremmel
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Illustration: Katharina Bitzl

Die Facebook-Nachricht kommt von Jens, den ich sehr lange nicht gesehen habe, ohne es zu merken. „Jungs, der Zivildienst ist jetzt zehn Jahre her! Höchste Zeit für ein paar Helle im Biergarten, würd ich sagen. Dieses Wochenende mal Chinesischer Turm?“  

Jens hat die Nachricht an neun Leute geschickt, die Namen kommen mir entfernt bekannt vor. Unter seinem Text hängt ein graues Häkchen: Gesehen von allen. Toni hat geschrieben: „Sorry, bin leider grad ziemlich im Prüfungsstress.“ Darunter steht: „Toni hat die Konversation verlassen.“ Sonst steht da nichts. Keiner der restlichen acht Adressaten hat geantwortet.  

Es gibt eine besonders traurige Szene in der ohnehin wunderbar herzensbrecherischen US-Komödie „Old School“. Will Ferrell alias „Frank the Tank“ ist auf einer Collegeparty, für die er etwa 20 Jahre zu alt ist, und im Suff kommt ihm eine mega Idee: Alle flitzen nackt über den Campus! Er zieht sich aus und rennt jubelnd auf dem Mittelstreifen der Haupstraße durch die Stadt. Erst Kilometer später merkt Frank: Er rennt da ganz alleine. Niemand von der Party ist ihm gefolgt.    

Knack!

Die gleichgültige Stille, die auf Jens' freudige Rundmail folgt, ist auf ähnliche Art herzzerreißend wie der einsame Nacktlauf von Frank the Tank. Beide, Jens und Frank, merken viel zu spät: Ihre Idee interessiert keine Sau. Schlimmer noch, sie selbst interessieren keine Sau. Ihr Tatendrang, ihr offensiv geäußerter Wunsch nach Gemeinschaft ist ohne Widerhall verpufft, wie ein ausgelassener Torjubel in einem leeren Fußballstadion.  

Eines macht Jens' Rundmail im Vergleich zum einsamen Nacktlauf besonders schlimm: Sein Publikum ist da. Wir alten Zivildienstkollegen haben ihn nicht einfach übersehen. Wir haben seine Nachricht gelesen. Wir wissen, was er will. Es ist uns nur verdammt nochmal egal. Und auch wenn wir durchaus gern im Biergarten am Chinesischen Turm ein paar Helle trinken, wollen wir das nunmal nicht mit Jens und sieben längst vergessenen Gesichtern tun.

Rundmails und Status-Updates ballen im schlimmsten Fall so ziemlich alles Fiese, was unsere soziale Totalvernetzung so mit sich bringt. Denn wir haben zwar die Möglichkeit, mit jedem, der irgendwann mal unser Leben gestreift hat, in Kontakt zu treten. Nur lässt sich nun zweifelsfrei nachweisen, dass es oft einen guten Grund gibt, warum Menschen unser Leben nur gestreift und nicht langfristig betreten haben: Niemand kann unendlich viele Kontakte pflegen. Und das ist in Ordnung so. Tragisch wird es nur, wenn öffentlich sichtbar wird, dass wir jemandem weniger egal sind als er uns. Dann knirscht es leise in der Brust, und zwar genau an der Stelle, an der es schön warm wird, wenn uns die richtigen Leute mit einer Mail zeigen, dass sie an uns denken.

Ein Samstag im Biergarten mit den alten Zivi-Kollegen klingt nur für Jens nach einer tollen Idee. Er hat sich getäuscht, und alle sehen es. Und allen ist es unangenehm. Aber zum Glück nur kurz, denn eigentlich ist es allen: egal.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist das erste Mal am 15. Mai 2014 erschienen. Er wurde am 4. August 2020 erneut publiziert und dafür aktualisiert.

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