Was mir das Herz bricht: verwaiste Pavillons

Gestern beherbergte er noch eine sprudelnde Party-Crowd, heute sprudelt auf ihn nur noch der Regen: Beim Anblick von zurückgelassenen Pavillons bricht unserer Autorin das Herz. Folge vier der Kolumne über Momente, in denen es leise Knack macht.
charlotte-haunhorst

Es ist Frühjahr, es ist eigentlich noch zu kalt zum Grillen oder soll zumindest heute Nacht noch regnen, aber das ist egal, denn: Über euch spannt sich das schönste, temporäre Firmament des Sommers. Ein Pavillon, vielleicht sogar noch unterfüttert mit der wohligen Wärme eines Heizpilzes. Irgendjemand sagt: „Gut, dass wir das Ding noch hatten“ und alle prosten sich zu. Kostet ja auch nicht viel so ein Pavillon und sogar ein Schimpanse kann ihn locker aufbauen. Feine Sache also. Der Rest der Nacht verschwindet in der weichen Bierbeschwipstheit, Anekdoten aus der Schulzeit und Kartoffelsalat mit Mayo. Aufräumen? Können wir noch morgen!  

Das geschieht dann auch: Die leeren Flaschen, der fremde Typ mit der Blumenkette - sogar das Klo wird irgendjemand putzen. Ein Gegenstand bleibt allerdings garantiert immer stehen. Vielleicht, weil er billig war, einfach zu ersetzen. Vielleicht, weil man bei seinem Abbau die Planen wieder in geordnete Bahnen legen muss und die dazugehörige Pappschachtel nach der einmaligen Herausnahme konsequent zu schrumpfen scheint. Oder einfach, weil man in unserer schnelllebigen Gesellschaft schon wieder vergessen hat, was einem gestern noch das größte Glück beschwert hat: Für den Pavillon gibt es nach einer Party keine Liebe mehr.  

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Illustration: Julia Schubert

Knack!

Er bleibt stehen, alleine und unbeachtet. Manchmal wird er sogar unverschuldet zum Objekt des Hasses, weil er einem ein schlechtes Gewissen macht. Der sommerliche Nieselregen tropft von seinem Spitzdach, abgelöst von sengender Hitze. Kleine, grüne Wucherungen bilden sich an seinen Füßen. Die ersten Algen nehmen von ihm Beschlag, wie von einem toten Fisch. Doch anstatt zu reflektieren, dass man selbst ihn wie ein Waisenkind dort ausgesetzt hat, nehmen Gedanken wie „eigentlich könnte ich ihn auch wegschmeißen“ die Oberhand.

Und das ist es auch, was am Ende passiert: Ein Windstoß hat ihn vielleicht vorher noch in die Knie gezwungen, nach Tagen des standhaften Rumstehens im Garten. Und dann macht es nicht nur „knacks“ im Herzen sondern auch in seinem Gestänge. Er bricht zusammen. Und endlich hat man einen Grund, ihn nie wieder in seine Schachtel zurückzupacken, sondern im Müll zu versenken. Der Patient ist tot und das Herz seines Besitzers sticht nicht mehr wegen des schlechten Gewissens. Meins ist dafür endgültig gebrochen.  

Pavillon bedeutet übersetzt „Lustzelt“ und das fasst das gebrochene Herz perfekt zusammen: Lust ist etwas kurzfristiges. Man genießt sie, so lange sie brennt. Ist sie gestillt, bleibt, wenn überhaupt, nur etwas Müll zurück. In diesem Fall ein trauriger Pavillon.

Text: charlotte-haunhorst - Illustration: Katharina Bitzl

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