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„WAAAS? Du kennst nicht Emil, die Flasche zum Anziehen?"

Illustration: Lucia Götz

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Wenn ich auf der Straße oder in einer U-Bahn einen Mann mit einem Kind sehe, dann nicke ich ihm zu. Es ist kein forsches Nicken, wie es mein Opa gemacht hat auf seinen Spaziergängen, wenn er einen Passanten grüßte und dabei seinen Hut vom Kopf nahm. Eher so ein angedeutetes Zeitlupen-Nicken, als würde ein Baywatch-Rettungsschwimmer jemandem zunicken, während er am Strand entlangläuft. Ich schließe dabei kurz die Augen und ziehe den Mund zu einem Lächeln auseinander. Ich will ihm damit signalisieren: „Hey, ich kenn’ das. Du bist nicht alleine.“ 

Seit Sonja und ihre beiden Kinder Dante (11) und Paul (8) bei mir eingezogen sind, fühle ich mich mit anderen Vätern sehr verbunden. Ich verstehe diese Männer – und sie verstehen mich. Ich fände es schön, wenn wir uns einmal in der Woche treffen würden. Ich stelle mir vor, wie wir auf Stühlen in einem Kreis sitzen und ich aufstehe und sage: „Mein Name ist Max Reich und ich habe Emil kaputt gemacht.“ Und die anderen Väter würden die Luft zwischen den Zähnen einsaugen und das Gesicht schmerzlich verziehen, weil sie wissen, was das bedeutet. Meine Freunde tun das leider nicht. 

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Kumpel. Wir wollten Pizza bestellen und auf der Playstation Fifa zocken. Ich kam eine halbe Stunde zu spät. Als er mir die Tür aufmachte, entschuldigte ich mich: „Sorry, ich musste noch ein Paket abholen und in der Post-Filliale war die Hölle los.“ 

„Kein Ding. Hat ich gestern auch.“

„Was hast du dir bestellt?“, fragte ich. 

„Die Süße hier“, sagte er und deutete auf einen lächerlich-großen Fernseher im Wohnzimmer an der Wand. 

„Wow.“ 

„Das Schätzchen hat 55 Zoll und führt dir gleich deine Fifa-Klatsche in UHD 4K vor.“

„Smart TV?“

„Klar.“

„Geil.“ 

„Und was hast du abgeholt?“

„Eine Kinder-Trinkflasche namens Emil.“

„Ah. Ok.“ 

Schweigen.

Das meine ich: Meine Freunde verstehen mich nicht mehr. Sie kennen nicht die absurde Welt, in der ich jetzt lebe, wo es nicht mehr um Frauen und die besten Anti-Kater-Mittel geht, sondern um ergonomische Tragesysteme bei Schulränzen und Lieder in der Dauerschleife von den Lochis. Ein Vater hätte gesagt: „Oh Gott, hör mir mit Emil auf. Da kann ich dir Geschichten erzählen ...“ Und dann hätten wir darüber Witze gemacht, mit was für einem Quatsch wir uns teilweise beschäftigen, seit wir Kinder haben. Naja. Wenigstens habe ich diese Kolumne, um darüber zu reden. 

 

Jeden Tag nehmen Dante und Paul eine Trinkflasche aus Glas mit in die Schule. Zum Schutz steckt die Flasche in einem Stoffsack. Als ich die Flasche von Paul aus ihrer Hülle genommen habe, um sie auszuspülen, ist sie mir auf den Boden gefallen und zersprungen. Gut, dann trinkt er halt aus einer anderen Flasche, hab ich gedacht, und aus dem Berg von Pfandflaschen in unserer Küche eine leere Lipton-Eistee-Flasche gezogen. Kein Problem. Wie gesagt: Hab ich gedacht. Ich bin halt noch nicht so lange Vater. Denn selbstverständlich geht das auf gar keinen Fall. 

 

Das Kind, das gestern noch fragte: „Wie viel bekomme ich, wenn ich das Spülmittel trinke?“ hält nun Vorträge über chemische Schadstoffe

 

„Wo ist Emil?“ hat Paul gefragt, als ich ihm die neue Flasche gab. 

„Wer ist Emil?“

„WAAAS? Du kennst nicht 'Emil, die Flasche zum Anziehen'?“ 

„Nein, Entschuldigung. Ich habe leider nur Fachabitur.“ 

„Wie?“

„Egal. Was ist so besonders an Emil?“ 

„Aaaaalso...“ fing Paul an. „Erstmal geht sie nicht kaputt.“

Ich guckte auf das Kehrblech in der Küchenecke mit den Scherben. „Aha. Und zweitens?“ 

„Ja, also nicht so leicht auf jeden Fall wegen der Hülle. Und sie hat kein Bisphenol.“ 

„Was soll denn Bisphenol sein?“

„Das sind so Teile an Flaschen, die abgehen und dann trinkt man die mit. Das soll man nicht.“

Klar. Das Kind, das gestern noch fragte: „Wie viel bekomme ich, wenn ich das Spülmittel trinke?“ – hält nun Vorträge über chemische Schadstoffe in Nahrungsmitteln. 

„Na gut, ich kümmere mich drum“, habe ich gesagt und Paul wieder in sein Zimmer geschickt. Dann habe ich die Eistee-Flasche zurück in die Leergut-Tüte gesteckt und stattdessen eine Adelholzener-Multivitamin-Schorle-Flasche rausgezogen. Damit bin ich zu Paul ins Kinderzimmer gegangen. 

„So, bitteschön. In denen ist kein Bisphenol enthalten.“ Das ist das Schöne bei achtjährigen Kindern: Man kann ihnen alles erzählen. 

„Gar nicht“, hat Dante gerufen, der daneben stand. „Glaub dem nicht alles, Paul. Das ist da genauso drin.“ Das ist das Blöde an elfjährigen Kindern: Man kann ihnen leider nicht mehr alles erzählen. Dante ist der ältere von den Beiden und passt immer auf seinen kleinen Bruder auf. Ich finde das rührend. Normalerweise jedenfalls. Aber jetzt müsste ich eigentlich einen Artikel fertig schreiben und habe keine Zeit mir Gedanken zu machen, wo ich eine neue Emil herbekomme. 

 

Eine Patchworkfamilie besteht aus zwei Teilen, die unterschiedliche Gewohnheiten und Werte haben. Paul ist noch klein, deswegen kann ich ihn noch leichter beeinflussen und Ansichten von mir vermitteln. Dante ist schon älter, deswegen ist es bei ihm ein bisschen schwieriger, ihn in Punkten, bei denen ich mich von seiner Mutter unterscheide (hauptsächlich beim Thema Ordnung und dem angeblich notwendigen Verzehr von Gemüse), auf meine Seite zu holen. Das ist auch völlig in Ordnung. Sonja hat die Kids großartig erzogen. Aber das führte eben dazu, dass ich ihn nicht überzeugen konnte, dass er wohl auch mit einer handelsüblichen PET-Flasche im Schulranzen seinen 60. Geburtstag erleben wird. Oder zu Situationen wie neulich: 

 

Ich hatte einen, zugegeben, ziemlich hässlichen Werbe-Wandkalender im Flur aufgehängt, damit wir alle unsere Termine reinschreiben können. 

Ich: „Jungs, schaut mal was ich hier habe. Wo sollen wir den hinhängen?“ 

Paul: „Ich will ihn festkleben.“

Ich: „Ok, hier hast du Powestrips. Ich halt ihn fest.“ 

Dante (mit besorgtem Blick): „Ich glaub nicht, dass Mama den gut findet, wenn sie zurückkommt.“ 

Ich: „Ich bin hier genauso der Boss im Haus wie Mama. Wenn ich sage, dass wir ihn aufhängen, dann ist das schon in Ordnung. Mach dir keine Sorgen, Dante.“ 

Paul: „Ist das so gut?“

Ich: „Lass mal gucken.“

Ich machte einen Schritt zurück und betrachtete unser Werk. Das Ding hing windschief. 

Dante: „Wollen wir nicht lieber auf Mama warten?“ 

Ich: „Wir müssen ihn noch mal abmachen.“

Leider haben die Powerstrips dabei den Putz der halben Wand mit runtergerissen. Wo gerade noch die Ecken des Kalenders klebten, waren nun handtellergroße Löcher. 

Dante (schüttelt den Kopf): „Das wird Mama gar nicht gefallen.“ 

Hat ihr wirklich nicht gefallen. Ist ja klar. Aber zumindest habe ich bei der Gelegenheit noch eine Sache kennengelernt, die nur Eltern kennen: Das Phänomen des „leise Streitens“.

 

Es ist unmöglich einen Streit zu gewinnen, wenn du flüstern musst, wie ein Schlumpf im Schlafsaal

 

Wenn ich es richtig verstanden habe, funktioniert das so: 

Die Frau schimpft lautstark.  

Der Mann schimpft in der gleichen Lautstärke zurück. 

Dann sagt die Frau: „Nicht so laut. Die Kinder können dich hören und kriegen Angst!“  

Das ist der Moment, wo der Mann verloren hat. Es ist unmöglich einen Streit zu gewinnen, wenn du flüstern musst, wie ein Schlumpf im Schlafsaal. Ich kenne Pärchen, die schmeissen Geschirr an die Wand, wenn sie streiten. Bei uns geht das nicht, so ein zerschellender Teller ist ja schließlich viel zu laut. Wenn es bei uns richtig heiß hergeht, dann fliegt Toastbrot durchs Zimmer. Erst ,wenn dir ein ungerösteter „Golden Toast – Butter Toast“ am Ohr vorbeisegelt, weißt du: Jetzt ist die Kacke am Dampfen. 

 

„Und was soll ich jetzt tun?“ habe ich Dante und Paul gefragt. Die Plastik-Flasche immer noch in der Hand. 

„Du musst eine neue kaufen“, hat Dante gesagt.  

Also habe ich mich grummelnd mit Paul an den Laptop gesetzt und auf der Homepage eine neue Flasche ausgesucht, als mich ein Kumpel anrief: 

„Hey, was machst 'n grad?“

„Ich diskutiere mit Paul ob die neue Emil einen Piraten-Anzug oder einen T-Rex-Anzug bekommen soll.“ 

„Wer ist 'n Emil? Check ich nicht.“

„Ich weiß“, hab ich geseufzt und aufgelegt. Ich ruf ihn später an. Am liebsten sehr viel später. Wenn er auch Kinder hat. 

 

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