Fo’ shizzle my nizzle! Die R&B- und HipHop-Kolumne mit Hanna

Die Musikkolumne für alles, was zwischen Eastcoast und Aggro Berlin herumflowt. Hanna hält einmal im Monat für uns das Ohr an die Straße. Heute mit Snoop Dogg, Pete Rock und Woroc.
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Snoop Dogg – Ego Trippin

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Illustration: Julia Schubert

Ist er nun ein genialer Musiker, der neue Wege im Hip Hop beschreitet, oder doch nur ein zugekiffter Rapper, der seine street credibility abgibt und stattdessen in die Popszene abdriftet, nur um noch mehr Kohle zu scheffeln? Auch ich bin mir nicht sicher, was ich von D-O-Double-G halten soll. Er schockt und fasziniert zugleich und bricht Grenzen im Hip Hop. Nur - sind wir schon bereit für einen Westcoast-Rapper, der in einem engen 80er-Jahre-Discostyle-Anzug "singt" und die EMAs in Lederhosen moderiert? Wie zu erwarten weckt auch Snoop Doggs neueste Platte zwiespaltige Gefühle. Wer noch immer auf ein weiteres Gangsta-Rap-Album im Stile von Doggystyle hofft, dem ist vom Kauf abzuraten. Denn auf „Ego Trippin“ wird der Hörer mit Synthie-Disco-Beats und funkigen Grooves der frühen 80er Jahre konfrontiert. Hinzu kommen satirische Countrylieder, wie etwa eine Hommage an Johnny Cash. Es ist eine bunte Mischung aus Rap, Soul, Jazz und anderer Retromusik. Umhauen tut einen das allerdings nicht. Denn wirklich viel Abwechslung und neuen Stoff gibt es nicht zu hören. Vielleicht hätte Snoop mal die Grassorte wechseln sollen. Hier das funkige Video zu „Sensual Seduction“:

Zum direkten Vergleich gibt es hier das „Back-to-the-Westcoast“-Video zu „Neva Have 2 Worry“:

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Pete Rock – NY’s Finest

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Illustration: Julia Schubert

Er spiegelt den Sound der 90er Jahre wider. Er ist der Held für die SP1200-vernarrte Hip-Hop-Generation. Er ist der Macher von simplen Beats unterlegt mit genial eingesetzten Samples. Kurz: er ist Pete Rock. Und der Produzent, DJ und Rapper hat es noch immer ordentlich drauf. Mit seinem neuen Producer-Album „NY’s Finest“ verbindet er groovende Hip-Hop-Beats mit jazzigen Sounds. Hinzu kommen Gäste wie Redman, Little Brother, Masta Killa, Papoose und Styles P. Auch die schon fast in Vergessenheit geratenen Hip-Hop-Größen Royal Flush und The Lords of The Underground tummeln sich auf dem Kopfnicker-Album und beweisen, dass sie noch längst nicht eingestaubt sind. Pete Rock schafft es, für jeden seiner Gäste einen ordentlichen Musikmantel zu basteln, der perfekt zu sitzen scheint. Auch er selbst greift überraschend oft zum Mic. Nichts wirkt überspitzt, aufgesetzt oder unreal. Einzig und allein das Reggae-inspirierte „Ready Fe Ware“ passt nicht so ganz ins Konzept. Klar, auch die Idee des „back to the days“ ist nicht neu. Doch im heutigen Rapzeitalter macht die Platte einfach nur Spaß. Guter alter Hip Hop mit Soul, so wie es sein sollte. Pete Rock, Redman und der legendäre DMC in einem Video? Kein Problem in „Till I Retire / Best Believe“:

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Janet Jackson – Discipline

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Illustration: Julia Schubert

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich mit den neuen Platten von Janet und Erykah Badu nicht so richtig anfreunden kann. Zwar erhalten die Zwei äußerst gute Kritiken im Internet, doch mein Ding ist es irgendwie nicht. Besonders schlecht finde ich Janets Platte. Mithilfe ihres Freundes und Produzenten Jermaine „J.D“ Dupri., der ja ein bisschen von Musik versteht, hat sie anscheinend krampfhaft versucht, ein zeitgenössisches Album mit modernen Songs auf die Beine zu stellen. Aber Janet, du bist über 40, mach doch Verdammt nochmal einfach die Musik, die dir auch wirklich gefällt! Auf „Discipline“ hört sich das alles sehr emotionslos an und der Sound, als wäre es nicht ihr eigener. Nehmen wir zum Beispiel „Feedback“, eine Mischung aus Madonna und Danity Kane. Und was, um Himmels willen, macht Janet da auf dem Mond?

Erykah Badu – New Amerykah

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Illustration: Julia Schubert

Erykah Badu trifft schon eher meinen Geschmack. Obwohl ich mir auch hier mehr erhofft hatte. Nur 10-Tracks gibt es, wovon die wirklich guten Nummern an einer Hand abzuzählen sind. Natürlich gibt es allein schon dafür Pluspunkte, dass die Frau einen eigenen Sound hat, der nicht Richtung Mainstream geht. Doch irgendwie vermischt sie diesmal ein bisschen zu viel von allen möglichen Musikrichtungen. Man kann den Groove nicht immer spüren und auch die Texte ergeben nicht immer Sinn. Von der sonst so kritischen und selbstbewussten Badu bleibt in manchen Songs nur noch ein scheinbar unendliches La-La-La-La-Gedöns übrig, ohne Inhalt. Unter dem Titel „New Amerykah“ hätte ich mir eindeutig mehr Kritik und politisches Bewusstsein gewünscht. Schade. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Guilty Simpson – Ode To The Ghetto

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Illustration: Julia Schubert

Schon allein die Mischung aus dem Stones Throuw-Sound von Madlib und Oh No und den straighten Detroit-Beats von Black Milk, Mr. Porter und J.Dilla machen „Ode To The Ghetto“ zu einer Hip-Hop-Perle. Doch auch Guilty Simpson, der vom Leben auf der Straße erzählt und eben einfach mal das „Ghetto“ heraushängen lässt, zeigt sich rap-technisch auf hohem Niveau. Die Texte sind nicht unbedingt kreative Meisterwerke, doch das Konzept des Albums verfolgt eben, wie der Titel schon vermuten lässt, das Leben im Ghetto. In dieser Hinsicht bietet Simpson straighten Hip Hop mit vor allem tollen Beats. Insgesamt ein gutes Paket, das allerdings auch keine Klassiker hervorbringt. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ J. Holiday – Back Of My Lac

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Illustration: Julia Schubert

Kommen wir nun endlich mal zu zwei sehr erfreulichen Werken. J. Holiday dürfte dem ein oder anderen bereits bekannt sein. Mit den herrlich anzuhörenden Songs „Bed“ und „Suffocate“ konnte J. bereits ein wenig auf sich aufmerksam machen. Nun ist auch endlich sein Debütalbum in Deutschland erhältlich. Zum Glück, denn was Holiday präsentiert, ist richtig guter R&B, der nicht dem üblichen 08/15-Pfad folgt. Er selbst nennt seine Musik „Street Soul“. Und das passt. Mal ruhig, mal langsam, dann wieder schnell, dann hier eine Portion Funk und dort ein bisschen Trompete und Drums. Holiday zeigt auf spielerische Art, wie sich innovativer R&B anhören kann.

Kenna - Make Sure They See My Face

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Illustration: Julia Schubert

Noch innovativer wird es allerdings mit dem nächsten Künstler. Kenna nennt sich der Gute, der ein bisschen wie Lupe Fiasco aussieht und wie Pharrell Williams singt. Innovative Musik bedeutet in diesem Zusammenhang eine Mischung aus HipHop, Neo-Soul, New Wave und Synth-Pop. Alles hört sich sehr funky an und erinnert manchmal sogar etwas an Electro und die 80er-Disco-Szene. Diese Beschreibung dürfte einige Hip-Hop- und R&B-Freunde sicherlich abschrecken, doch nachdem man sich auf die Musik eingelassen hat, macht die Platte Laune auf mehr.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Woroc & Dissput – Manischdepressiv

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Illustration: Julia Schubert

„Hip Hop steckt in einer Sackgasse. Was den meisten heutzutage fehlt, ist die Wurzel des Hip Hop.“ Auch Woroc, der zu den renommiertesten Beatbastlern der Berliner Hip-Hop-Szene zählt, und Dissput haben das erkannt und das Thema direkt zum Aufhänger ihres Kollabo-Albums gemacht. Aber ob ausgerechnet die beiden den Hip Hop retten können, bleibt fraglich. Worocs Beats sind zwar abwechslungsreich und mit typischen Loops und Synthietunes unterlegt, doch raptechnisch haben die beiden es einfach nicht drauf. Ich finde zumindest, dass Dissputs Rapstil nur einer schlechten DMX-Imitation nachkommt. Auch das Konzept „Wir retten Hip Hop“ geht im Laufe der Spielzeit verloren und wir finden uns erneut in Battle-, Street- und Representertracks wieder. „Manischdepressiv“ wird man tatsächlich beim Hören der Platte, aber was bringt diese ganze Ohrfolter? Nur die Erkenntnis, dass Woroc und Dissput eindeutig nicht die Revolutionäre sind für die sie sich anscheinend halten. Hip Hop ist tot? Ja, aber das schon seit Nas.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Zascha Moktan - The Bottom Line

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Illustration: Julia Schubert

Last but not least möchte ich euch diese Dame und vor allem das Album ans Herz legen. Die gebürtige Hamburgerin hat bereits 2004 in Deutschland einige Shows als Support von Craig David gegeben und anschließend Alicia Keys und John Legend auf US-Tour begleitet. Wieso Zascha bei uns noch nicht so bekannt ist? Ich habe nicht den geringsten Schimmer. Denn mit ihrem Debütalbum „The Bottom Line“ beweist die 25-Jährige, dass auch Deutschland noch Soul hat. Ein verspieltes und romantisches Album zugleich und mit einer Menge Musikeinflüssen aus dem Soul-, Blues-, Jazz- und Swingbereich. Daneben überzeugt Zascha mit ihrer wirklich herausragenden Stimme. Zaschas Debütsingle „Ouch!“:

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