Die Fernbeziehungskolumne. Heute: Das Wiedersehen

Wie Moritz Kathrin im Dirndl fast nicht erkennt, sich später eine dicke Frau trotzdem auf sie draufsetzt, der Begrüßungs-Sex nachgeholt wird und man insgesamt ganz schön viele Sachen beim ersten Wiedersehen lieber nicht machen sollte.
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Nämlich so Wir haben uns endlich wieder getroffen. Nicht in Kufstein, sondern in München, meiner alten Heimat. Um unserem Wiedersehen einen feierlichen Rahmen zu geben, war die Stadt München so nett, auf der Theresienwiese ein paar Bierzelte und Fahrgeschäfte aufbauen zu lassen. Kathrin und ich hatten uns also um drei am Bahnhof verabredet. Damit wir uns zwischen den vielen Leuten auch finden, haben wir ein Erkennungszeichen ausgemacht: Lederhose oder Dirndl anziehen. Diese Wahl war nicht sehr glücklich, denn andere hatten die selbe Idee. Glücklicherweise haben wir uns aber gerade noch an den Gesichtern erkannt. Der Nachmittag und Abend waren sehr schön. Nach U-Bahn und Riesenrad sind wir dann auch Bierzelt gefahren. Dort stießen wir immer wieder auf unser Wiedersehen an, bis sich auf Kathrins Kopf eine dicke Frau gesetzt hat, die sich nach dem „Auf der Bank-Tanzen“ wieder hinsetzen wollte. Kathrin hat nun einen schiefen Hals. Ich habe mir später eine blutige und schiefe Nase im Teufelsrad geholt. Das mit dem Begrüßungs-Sex hat nach den paar Maß Bier auch nicht mehr so recht geklappt.

Moritz, der Wildschütz Gut geklappt hat aber: Noch schneller Reden. Normalerweise rede ich schon sehr schnell. Aber um in der kurzen Zeit neben den ganzen „Ich liebe dichs“ auch möglichst viele Informationen unterzubringen, habe ich die Silbenzahl per Minute noch deutlich hochgeschraubt. So tun, als ob alles wie immer ist. Und Wörter wie „Montag Abend“ und „Heimfahren“ geschickt vermeiden. Grundsätzlich Essen gehen. Um nicht wertvolle Zeit mit Nahrungsmittel-Akquise, Kochen, Geschirr Ein- und wieder Ausräumen zu verschwenden.

Fischsemmel spart Zeit Auf der Hinfahrt trotz massiger Verspätung nicht die Nerven verlieren. Obwohl der stark transpirierende fränkische Sitznachbar im auf offener Strecke stehenden Regionalzug alle fünf Minuten „Ja, Schneggele, mer ham noch amol fünf Minude mehr Verspätung!“ in sein Handy brüllte. „Schneggele“ hat ihn trotzdem nicht vom Bahnhof abgeholt, Kathrin mich aber schon. Ällerbätsch. Billigflüge buchen. Köln-Innsbruck, Innsbruck-Köln. Leider erst im Dezember. Außerdem haben wir in den Tagen: Bei Kufstein zwei Berge bestiegen, sehr viel Muskelkater gehabt. In Kufstein keine Bar gefunden, dafür ein Konzert in Wörgl besucht. Das mit dem Begrüßungs-Sex ausgebügelt, lange geschlafen. Zwei Hunde gestreichelt, mit Mama und Papa Kuchen gegessen. Festgestellt, das auch die Kufsteiner türkischen Mädchen mit Kopftuch super zwar Ösi-Dialekt sprechen können, dafür aber sehr schlecht Deutsch. Gute Musik im Radio und von Kathrins Vermieter gehört, dass Kathrin „bestimmt mal eine gute Sekretärin wird“, weil sie „so selbstbewusst ist und eine gute Aussprache hat“. Schlunzkrapfen und Käsenocken gegessen. Was man am gemeinsamen Wochenende auf keinen Fall machen sollte: Den in der neuen Freiheit angewöhnten Egotrip weiterfahren. Sondern besser mal sagen: „Genau so machen wir es, Spatzerl.“ Sich zu viel Programm vornehmen. Denn gemeinsames Rumhängen ist eigentlich der beste Zeitvertreib. Und alte Freunde bleiben auch alte Freunde, wenn man sie wann anders besucht. Zuwenig Geld mitnehmen. Siehe auch: Grundsätzlich Essen gehen. Nachrechnen, wie viele Tage man sich dieses Jahr noch sieht. Senkt die Laune. Und deswegen Klingt jetzt floskelhaft, ist aber wahr: Die Zeit ist rasend schnell vergangen. Kaum angekommen, lag die ganze Wäsche, die ich mitgenommen hatte, schon benutzt im Wäschekorb. Ein untrügliches Zeichen, dass es ans Heimfahren geht. Der Abschied war dann gewohnt unromantisch: Ich habe meinen Zug nach Köln knapp verpasst, Kathrin musste mich schnell zur nächsten Bahnstation fahren. So habe ich ihn doch noch erwischt. Auf der Fahrt sang Superpunk im Autoradio den Song „Bitte verlass mich“. Das, liebe Superpunker, war sehr unpassend.

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