Die Fernbeziehungskolumne. Heute: It´s hard to become a Strohwitwer

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Erstmal: Was los ist Es soll ja Leute geben, die das mögen. Kai zum Beispiel. Seit dem Abi bis vor kurzem: Immer Fernbeziehungen. Denn: „Da kannste während der Woche Saufen gehen, an jedem zweiten Wochenende haste aber deine Freundin.“ Oder – ganz ein anderer Fall und ebenfalls bis vor kurzem – Thomas: Hat so eine Art Fernbeziehung geführt, obwohl seine Freundin in derselben Stadt wohnte. Immerhin am anderen Ende der Stadt, was aber Grund genug war, sich auf Stelldicheins am Wochenende zu verlegen. Ich hingegen: Bin nach drei Monaten bei meiner Freundin eingezogen. Auch, weil ich auf das elterliche Reihenhaus im Vorort keine Lust mehr hatte. Acht Monate später bin ich dann mit Kathrin nach Köln gezogen. Da leben wir jetzt. Richtiger: Da lebten wir bis jetzt. Denn Kathrin zieht weg. Zum Studieren nach Kufstein, zu den Österreichern. Und ich, ich bleibe in Köln, fertig studieren. Also dürfen wir jetzt bei dem große Experiment mitmachen, das so viele in unserer Generation bestreiten: Der berufbedingten Fernbeziehung, in unserem Fall sogar grenzüberschreitend.

Alpenpanorama in Kufstein? Nein, Fototapete und Kathrin in der alten Küche. Was ist zu tun? Als erstes: Kathrin eine Wohnung in Kufstein suchen. Das geht bei dem überschaubaren Kufsteiner Mietmarkt schnell. Der Mietvertrag wird rekordverdächtige zweieinhalb Stunden nach der ersten Ankunft in Kufstein unterschrieben. Der Mitbewohner der direkt am Inn in einem Postkartenmotiv-Häuschen gelegenen Wohnung ist zwar zurzeit in den Semesterferien, durch eine kurzen Internetrecherche lässt sich aber herausfinden, dass dieser Dominic a) Liebesgedichte schreibt b) gerne Wodka Bull trinkt und rote Gauloises raucht c) in Bad Tölz als Britpop-DJ aktiv ist. Klingt ja ganz nett. Der zweite Schritt: Eine neue Wohnung für mich finden. Damit ich nicht einsam in unserer ehemaligen Pärchen-Wohnung stehend, profane Lichtschalter streichele. Und dabei vor mich hin sage: „Hier hat sie stets das Licht angeknipst, meine Kathrin… Ach wär sie doch bei mir, und könnt` mit ihren samtenen Händen mich und den Lichtschalter berühren.“ Ein kurzer Blick in den Mietvertrag vertrieb dann sowieso sämtliche sentimentalen Zweifel und brachte stattdessen die Gewissheit, bei der rosarot-bebrillten Ankunft in Köln dem übelsten Miethai von NRW aufgesessen zu sein. Neue Wohnung gefunden, und schon fängt sie an: Die letzte Woche zusammen in Köln Eigentlich habe ich mir die letzte Woche zusammen in Köln so vorgestellt: Montag: Gemeinsame Lieblingslieder hören, zusammen weinen Dienstag: Für uns besondere Plätze besuchen, zusammen weinen Mittwoch: Fotoalben anschauen, zusammen weinen Donnerstag:Ein bisschen zanken, wem welche Sachen gehören, zusammen weinen Freitag: Zukunftspläne machen, zusammen weinen. Samstag, Sonntag: An besonderen Orten Fotoalben anschauen, weinend Zukunftspläne machen und um Sachen zanken. Zum Weinen sind wir nur ein einziges Mal gekommen. Tatsächlich war es auch gar keine gemeinsame letzte Woche, denn in Wirklichkeit sah es so aus:

Umzugshelfer Montag: Noch nichts gepackt! Alles schnell in Kisten schmeißen. Folge: Lieblingsaschenbecher kaputt. Abends: Überraschungen hinter dem Wandbehang entdecken: Ein Freund hat beim Einzug feine Obszönitäten an die Wand gepinselt. Beim Versuch, die zu überstreichen, kommt uns die Tapete entgegen. Dem Putz gefällt es ohne seine alte Freundin Tapete auch nicht mehr an der Wand, er geht ebenfalls zu Boden. Große Löcher in der Wand und noch größere Ratlosigkeit bei uns. Dienstag: Morgens: Sperrmüll, Baumarkt. Elf Uhr: Übergabe neue Wohnung. Danach: Hektisches Kistengepacke, Baumarkt. Umzugshelfer einfangen. Drei Uhr: Sprinter abholen und umziehen. Mittwoch: Neun Uhr: Sich von Horst Verputzen beibringen lassen. Danach: Baumarkt. Ab 10 Uhr: Erstes Bier, Verputzen. Zwischendrin: Baumarkt. Fünf Uhr: Wohnungsübergabe alte Wohnung. Sechs Uhr: Kathrin zum Bahnhof bringen. Familienangelegenheiten zuhause. Sieben Uhr bis Mitternacht: Zimmer einräumen, Kisten auspacken.

Schritt eins in der neuen Wohnung: Weltkarte aufhängen. (Noch machen: Kufstein darauf suchen!) Donnerstag: Baumarkt, Küche bauen, auspacken. Zum Frisör gehen, Haube abschneiden lassen. Deckenverschalung aus dem neuen Wohnzimmer herausreißen. Im destruktiven Überschwang anfangen, die Wohnzimmertapete abzumachen. Installateur für alte Wohnung besorgen. Freitag: Acht Uhr: Elektriker und Fliesenleger kommen in die neue Wohnung. Später: Strom, Telefon und mich selbst ummelden. Noch später: Sehr schiefe Spüle bauen. Falsche Wasser-Schläuche gekauft, Überflutung, wieder Baumarkt. Jetzt pleite. Samstag, Sonntag: Tapetekratzen, Bier trinken. Leider keine Sportschau. Montag: Kathrin nicht vom Bahnhof abholen, weil: 26 Mitbewohner casten. Aber nur ein Zimmer frei. So kam es, dass das typische Telefonat sich diese Woche so anhörte: Kathrin: „Hi, ich war grad mit meinen Eltern essen.“ Ich: „Könnt ich auch mal wieder. Vergess` ich grad immer.“ Kathrin: „Und, schon gut eingelebt?“ Ich: „Ach, die scheiß Tapete.“ Kathrin: „Immer noch nicht ab?“ Ich: „Nee. Auaaaaa!“ Kathrin: „Was ist denn los? Bastelst du wieder am Strom, ohne die Sicherung rauszunehmen? Du Spinner!“ Ich: „Nein, ich hab mir den Schraubenzieher in die Hand gerammt. Fuck, das blutet! Du, ich ruf dich später an, ja? Und könntest du dich noch um Installateur kümmern? So ne Kacke echt, ich sau hier alles voll. Kuss!“

Schön aber leer: Die neue Wohnung Zur Illustration und zum Abschluss Köln-Kufstein in Zahlen 1.005.867 Einwohner hat Kufstein laut Statistik weniger als Köln. Bald sind es nur noch 1.005.865 weniger. 010017 ist die billigste Vorwahl nach Österreich 660 Kilometer trennen Köln, Kufstein, Kathrin und mich jetzt. 104,6 ist die Frequenz des besten Radiosenders in Österreich. 57,5 Euro kostet der ICE Köln-Kufstein, via München mit Bahn Card, einfach. 4 Jahre sind wir jetzt ein Paar. 3 Jahre davon haben wir zusammen in Köln gewohnt. 1 Woche ist es her, dass es zum ersten Mal geklappt hat, dass Kathrin nicht auf dem Bauch liegend, sondern mit dem Kopf auf meiner Schulter eingeschlafen ist. ¼ Stunde hat es gedauert, dann war mein Arm eingeschlafen.

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