Gestatten, Ich Ichsen!

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Den Wert eines Namens kann man auch daran ermessen, wie er im englischen Sprachraum wirkt. Bis zum Jahr 1997 war das für Menschen meines Namens ein kompliziertes, aber im Zweifel belangloses Thema. Er klingt ein wenig wie Truthahn, aber gut. Dann brachte Paul Thomas Anderson den Film "Boogie Nights" in die Kinos und auf einen Schlag änderte sich alles: Die Geschichte des von Mark Wahlberg dargestellten Pornostars verschob die Wirkung meines Namens so grundlegend, dass ich fast immer auf diesen Film angesprochen werde, wenn ich mich irgendwo vorstelle: Dirk Diggler heißt der Charakter, der die Wirkung meines Namens nachhaltig prägte.

Glücklicherweise gibt es einen anderen den Amerikanern bekannten Dirk, der nicht wegen seines Geschlechtsteils populär wurde: Dirk Nowitzki befördert von Dallas aus eine für meinen Vornamen eher vorteilhafte Fan-Kultur, die Wortkreationen wie Dirkalicious und T-Shirts wie dieses hier mit sich bringt.

dirk-vongehlen



Meine Mutter ist auf den Namen Feline gestoßen, als sie mit mir schwanger war und bei H&M einkaufen war. Dort hatte eine Frau den Namen ihrer Tochter gerufen, die so hieß. Meine Mutter wusste zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich gar nicht, was der Name bedeutet, sie fand ihn einfach nur schön.

Wenn ich mich irgendwo vorstelle, muss ich mich sehr darauf konzentrieren, meinen Namen deutlich und langsam auszusprechen. Die allermeisten verstehen nämlich „Felina" oder „Celine", manchmal aber auch „Melina". Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum mir Leute, die sich meinen Namen direkt richtig merken, so sympathisch sind. Als ich für ein Praktikum anderthalb Monate bei einer Gastfamilie wohnte, wurde ich durchgehend „Felin" genannt, egal wie oft ich wiederholte, dass ich so nicht heißen würde. Die Reaktionen auf meinen Namen sind meistens „oh, wie schön" oder „das ist aber ein ausgefallener Name". Darüber freue ich mich. Ich bin froh, keinen Allerweltsnamen wie Lisa oder Laura zu haben, weil ich glaube, dass die meisten hinter einem interessanten Namen auch eine interessante Person vermuten.

Die einzige negative Bemerkung zu meinem Namen habe ich mal in einer Kneipe mitbekommen, als ein Typ meinte „das klingt ja voll technisch". Leute, die meinen Namen zum ersten Mal hören, haben häufig Bilder dazu im Kopf. Der Chef von einem Klamottenladen, in dem ich arbeite, fragte mich beispielsweise während des Vorstellungsgespräches, ob ich denn nicht auch Felinchen kennen würde, das Knäckebrot. Das sollte wahrscheinlich charmant rüber kommen, aber ich fand die Bemerkung irgendwie blöd. Wer will schon gerne mit einem Knäckebrot in Verbindung gebracht werden?

Feline heißt übrigens auch die Freundin von Bambi. Das weiß ich aber nur, weil es mir schon so viele Leute gesagt haben, als sie meinen Namen gehört haben. Mein Nachname hingegen ist weniger interessant: Gerstenberg, „wie Gersten und Berg", sage ich am Telefon, wenn mich jemand fragt, wie das geschrieben wird. Am liebsten würde ich mich aber nur mit meinem Vornamen vorstellen, weil Gerstenberg so bäuerlich und fad klingt. In der Grundschule wurde ich manchmal Gerstenkorn genannt, das fand ich aber nicht schlimm. Ich beneide die Leute, deren Vor- und Nachnamen perfekt zueinander passen, als hätten sie ihn in einem Katalog bestellt. Aber man schließlich nicht alles haben. 

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Mein Vorname ist, vor allem in Bayern, nicht gerade außergewöhnlich. Am Gymnasium waren wir drei Kathrins in der Klasse, dazu kamen noch Katrins, Katharinas und Karins. Trotzdem mag ich meinen Namen. Wenn meine Mama sich durchgesetzt hätte, würde ich Jasmin heißen. Ich bin froh, dass sie es nicht geschafft hat. Nicht, weil ich etwas gegen den Namen Jasmin habe, sondern weil ich mich einfach nicht wie eine Jasmin fühle, sondern wie eine Kathrin.

Ich denke manchmal darüber nach, ob ich anders wäre, wenn ich Jasmin heißen würde. Jasmin klingt auf jeden Fall ungewöhnlicher als Kathrin. Das durfte ich mir in manchen Redaktionen schon anhören, wenn ich auf der Suche nach einer Protagonistin für einen Artikel war: Eine „Kathrin", wohl stellvertretend für alle langweiligen Namen dieser Welt, komme eher nicht in Frage, und wenn sie noch so viel zu erzählen habe. Eine Alessandra oder Delia sei viel interessanter. Da muss ich natürlich passen, die fragwürdige Anweisung lasse ich mal unkommentiert. Ich mag Kathrin trotzdem (ganz wichtig: mit Betonung auf der ersten Silbe, nicht Kathriiin).

Und auch meinen Nachnamen, der, so einfach und kurz er ist, immer wieder Verwirrung stiftet, wenn ich ihn irgendwo angebe. „So wie Frau Holle?" – „Nein, nicht wie die mit den Betten und dem Schnee. Hollmer." – „Hollmann?" – „Nein, HollMER." Natürlich, um dann eine E-Mail mit der Anrede „Sehr geehrte Frau Holmir" zu bekommen. In der Schule gab es das Gerücht, dass die letzte Ziffer der Personalausweisnummer aussagt, wie oft es den Namen in Deutschland gibt. Bei mir steht da eine Eins. Ich habe diesen Mythos gerne geglaubt. Es stimmt natürlich nicht, aber man fühlt sich ja gerne irgendwie einzigartig. 

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Ich habe drei Vornamen, die ich jeden für sich allein, vor allem aber im Dreiklang mag: Juliane Charlotte Maria. Auch wenn natürlich nur in den alleroffiziellsten Dokumenten alle drei aufgeführt sind und ich nur mit meinem Rufnamen unterschreibe, würde ich auf keinen von ihnen verzichten wollen. Denn einerseits verbinden sie mich mit meiner Familie - meine Omas hießen Charlotte und Maria. Zugegeben, womöglich würde ich das anders sehen, hätten sie Gertrud und Hannelore geheißen. Andererseits stelle ich mir gerne vor, wer wohl diese Schülerin namens Juliane war, die meine Mutter als Junglehrerin Anfang der 80er Jahre an einem westfälischen Gymnasium unterrichtete und die ihr so sympathisch war, dass sie beschlossen hat, ihre erste Tochter ebenfalls Juliane zu nennen (mein Vater hatte keine Einwände). Ich mag den Gedanken, so eine tolle Namenspatin zu haben.

Wer aber wie ich schon aus der Vornamen-Vergabe topzufrieden herausgeht, der darf sich vermutlich nicht beschweren, wenn er seinen Familiennamen nicht leiden kann. Frisse, das klingt eben fast wie „Fresse" und reimt sich auf (hier einen vulgären Ausdruck für Urin einsetzen). Früher habe ich deshalb immer scherzhaft gesagt, dass ich später unbedingt heiraten muss, damit ich diesen Nachnamen loswerde. Heute würde ich ihn genauso wenig eintauschen wollen wie meine Vornamen. Denn er und ich sind seit über 27 Jahren miteinander verbunden. Ich bin nun mal „die Frisse". Genau wie mit den Charakterseiten und Körperstellen an mir, die ich nicht mag, habe ich deshalb auch mit ihm inzwischen meinen Frieden gemacht. Das nennt man wohl erwachsen werden.

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Als ich zehn war, zwang ich meine Mutter dazu, mich in der Öffentlichkeit "Lilly" zu rufen. Ich hatte keinen Bock mehr auf die Leute, die sich umdrehten, als wäre ein Alien gelandet, wenn sie am Strand oder im Supermarkt meinen echten Namen rief. Auf "Lilly" fand ich, hatte ich deshalb einen Anspruch, weil ich so hätte heißen sollen, wenn mein Vater sich nicht kurz vor meiner Geburt noch für "Mercedes" begeistert hätte. Er hatte in einem Artikel über den Künstler Gottfried Helnwein gelesen, dass dessen Tochter so hieß. Mir war der Name als Kind aber viel zu groß und exzentrisch, nur Erwachsene machten mir Komplimente, Gleichaltrige machten Autowitze. Jedes Vorstellen in größeren Gruppen war eine Qual. Das mit "Lilly" ging übrigens ebenfalls nicht lange gut, es fühlte sich verlogen an und klang albern. Eine Zeit lang wollte ich einfach gar nicht mehr heißen.

Erst als ich sechszehn, siebzehn Jahre alt war, änderte sich plötzlich etwas: Kaum jemand, dem ich mich vorstellte, sagte noch: „Haha, und ich bin BMW/Porsche/Audi." (Wer solche Witze heute bringt, langweilt mich übrigens so kolossal, dass er bei mir als einfallsloser Proll sofort unten durch ist). Stattdessen hörte ich immer öfter: „Oh schöner Name, hast du südamerikanische Wurzeln?" oder „Toller Name, die wenigsten Leute wissen ja, dass das gar kein Autoname sondern der Name der Tochter von Carl Benz war, nicht wahr?" Einmal war ich, wie viele andere Mädchen mit dem Namen Mercedes zum 100. Geburtstag der Firma Mercedes-Benz eingeladen. Dort erfuhr ich, dass Mercedes gar nicht die Tochter von Carl Benz, sondern von seinem Kumpel Emil Jellinek war. Dieser Tag trug übrigens gewaltig dazu bei, dass ich Frieden mit meinem Namen schloss. Plötzlich hießen alle um mich herum so wie ich! Omas, Frauen, coole große Mädchen, kleine Mädchen, Babys. Ich war endlich nicht mehr allein.

Heute würde ich nicht mehr anders heißen wollen. Kaum einer vergisst meinen Namen, viele machen mir Komplimente für das harmonische Zusammenspiel von Vor- und Nachnamen und fragen, ob es ein Künstlername ist. Dann kann ich cool sagen: Nö nö, ich heiße wirklich so. Mich irgendwo neu vorzustellen finde ich trotzdem noch schwierig. Es fällt mir schwer, langsam zu sprechen und so brauche ich immer einige Sekunden Meditationszeit, um verständlich zu sagen: Ich bin Mer-ce-des Lau-en-stein. Viel zu oft verstehen die Leute Matthias (am Telefon IMMER), Mathilda, Mette oder sonst was, nur eben nicht Mercedes.

Ich habe immer das Gefühl, dass mein Name schöner klingt, wenn andere ihn sagen. Spanier, Franzosen oder Engländer sowieso, aber auch Deutsche. Bei mir schwingt trotz aller Liebe zu ihm bis heute eine gewisse hektische Scham mit. Manchmal habe ich Angst, dass es Leute gibt, die mich von vorneherein wegen meines Namens unsympathisch finden. Die vielleicht denken, es sei erfunden, um interessanter zu wirken. Oder die mir einen versnobten oder mindestens angestrengt pseudowichtigen Hintergrund unterstellen. Denn mein zweiter Name „Leona" und mein Nachname sind ebenfalls nicht unbedingt aus der Schublade Hansen oder Schröder. Trotzdem: Ich würde das ganze Ensemble meiner Namen nie wieder tauschen. Nicht mal um den Namen meines Freundes anzunehmen, und der hat wirklich einen schönen.

mercedes-lauenstein


Text: jetzt-redaktion - Foto: _Ben. / photocase.com

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