Yolo, jetzt wird performt!

Der Erfinder des Begriffs "Fashionista" hat sich offiziell für seine Wortneuschöpfung entschuldigt. Wir hätten da noch ein paar Worte, für die sich ihre Erfinder entschuldigen müssten.
jetzt-redaktion

Es gibt Worte, die kann man eigentlich gar nicht sagen und es ernst meinen. Der US-amerikanische Journalist Stephen Fried hat vor 20 Jahren so ein Wort erfunden: "Fashionista". 1993 verwendete er es in seinem Buch "Thing of Beauty - The Tragedy of Supermodel Gia" zum ersten Mal als Sammelbegriff für alle, die an der Entstehung eines Magazinfotos oder einer Print-Anzeige beteiligt sind: Fotografen, Moderedakteure, Art Direktoren, Stylisten für Haare und Make-up, deren Assistenten und Models. 

20 Jahre später steht das Wort auf dem Cover von fast jeder Modezeitschrift und jedes semi-modeinteressierte Teenagermädchen bezeichnet sich als "Fashionista". Im Duden wird es mit "sehr modebewusster Mann" oder "sehr modebewusste Frau" übersetzt. Stephen Fried tut das heute alles sehr leid :"I suppose I should apologize to all users of language for my crime against nomenclature", schreibt er in seiner Entschuldigung im US-Magazin "The Atlantic".

Zum Trost können wir sagen: Stephen Fried ist nicht allein. Wir haben hier ein paar Worte gesammelt, für die sich deren Erfinder auch entschuldigen müssten: 

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Illustration: Julia Schubert

Die Jorts 

Der Amerikaner an sich hat ja bekanntlich sehr wenig Zeit, weil er so viel arbeiten muss und dann noch in seiner knapp bemessenen Freizeit noch sein in der Verfassung verankertes Recht auf Glück verwirklichen muss. Also muss er Zeit sparen, wo es geht. Zum Beispiel beim Essen - Stichwort "Drive Thru". Oder im Einkaufszentrum, wo man von der Unterwäsche bis zum Auto alles in einem Aufwasch besorgen kann. Und weil Informationsübermittlung (formerly known as Gespräch) von Mensch zu Mensch ebenfalls irre lang dauert, sind die Amerikaner Experten darin, mehrere Begriffe zu einem zusammenzuziehen und daraus dann ein Frankensteinwort zu basteln, mit dem sich Information viel schneller übertragen lässt. "Brangelina" zum Beispiel - ist doch viel schneller als "das Liebespaar, bestehend aus Brad Pitt und Angelina Jolie" zu sagen. Oder "Brunch" oder "WTF" oder oder... 

Einer dieser schrecklichen Wortzusammenführungs-Neologismen, für den sich deren Erfinder bitte dringend an der Rezeption melden und das Packerl Watschn abholen müsste, das dort für ihn oder sie hinterlegt wurde, sind die "Jorts". Die Bedeutung des Wortes lässt sich erst dann nachvollziehen, wenn man weiß, dass das Wort eine Zusammensetzung aus den beiden Begriffen "Jeans" und "Shorts" ist. Dass also jene ominösen "Jorts" nichts anderes bezeichnen als abgeschnittene Jeanshosen. Aber klar, kürzer ist das Wort. 

Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass es Ansichtssache ist, ob ein so alltägliches Kleidungsstück unbedingt eine neue Begrifflichkeit braucht, wäre es doch schön, wenn der Erfinder des Wortes "Jorts" wenigstens ein Wort gewählt hätte, das sich mehr nach Klamotte und weniger nach ernsthafter Magenverstimmung anhört. Den Erfinder des Wortes "Jeggins" kann er übrigens gleich mitbringen zum Gesprächstermin.

Christina Waechter

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Illustration: Julia Schubert

Die Blogosphäre

Ich kenne keinen vernünftigen Menschen, der das Wort "Blogosphäre" ausspricht, ohne es ironisch zu betonen oder mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft zu zeichnen. Vielleicht liegt das daran, dass der Erfinder, ein Autor namens Brad L. Graham, es als Scherz meinte, als er den Begriff zum ersten Mal verwendete. 1999 regte er sich über das Wort "Blog" auf, das damals noch ziemlich neu war. Er tat das in einem Blogeintrag. Den damals aber wohl kaum jemand so genannt hätte. "Wird Blog- (oder -blog) das Präfix/Suffix des nächsten Jahrhunderts?" fragte er und erfand dann neue Worte für das neue Phänomen: "Goodbye, cyberspace! Hello, blogiverse! Blogosphere? Blogmos?" Einmal verwendete er sogar das Wort "Blogorrhö". 

Graham kann man also eigentlich keinen Vorwurf machen. Er hat nur herumgealbert, mit einem Wort, das damals ziemlich komisch geklungen haben muss. Aber irgendwie hat sich der Begriff "Blogosphäre" verbreitet, irgendwelche Medienmenschen haben ihn aufgegriffen und einfach vollkommen ernsthaft verwendet. Weil er sich wahrscheinlich gut dazu eignete, um über-60-Jährigen eine einigermaßen bildhafte Vorstellung vom Internet zu geben. Eben wie der berühmte "Cyberspace", das kann ja heute auch keiner mehr sagen, ohne zu kichern. Denn jedes Wort, das das Internet mit Begriffen zu beschreiben versucht, die eigentlich den Rest der Welt beschreiben, klingt konstruiert, bemÜht und unbeholfen. Sei das nun der Weltraum wie beim "Cyperspace", die AtmosphÄre wie bei "Blogosphäre" oder auch die "Datenautobahn". 

Die Blogosphäre überdauert nun schon 14 Jahre. Jeder Blogger, der ernsthaft sagt, er gehöre zur "Blogosphäre" leidet vermutlich an Selbstüberschätzung, trägt T-Shirts mit witzigen Sprüchen drauf und hat den Schuss nicht gehört. Denn dieses Wort sollte endlich in der Mottenkiste der Wörter verschwinden. Wer auch immer seine Ausbreitung verbrochen hat: Melde dich und sag das Wort ganz oft hintereinander! So lange, bis du es nur noch mit in die Luft gemalten Gänsefüßchen sagen kannst! Und dann noch mal so lange, bis du es nicht mehr ertragen kannst! Und dann ist es endlich vorbei.

Nadja Schlueter 

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Illustration: Julia Schubert

YOLO

Meine Abneigung begann an einem harmlosen Abend: Ich saß mit ein paar deutschen und 20 amerikanischen Politikstudenten am Inn, wir tranken Wein aus Plastikbechern. Die Amerikaner waren für zwei Wochen an meiner Uni, wir hatten ein gemeinsames Seminar und sollten uns an diesem Abend anfreunden. Das hätte vielleicht funktioniert, wenn sie nicht ständig dieses eine Wort gesagt hätten: „YOLO“, kurz für „You only live once“.  Die ganzen zwei Wochen lang war es ihr Schlachtruf, sich wie Elftklässler auf der Berlinfahrt zu benehmen. Nur mit zwei Aspirin aufrecht im Seminar sitzen können? „Yolo, bitches.“

Die Vergänglichkeit des Moments, des ganzen Lebens, gebündelt in vier Buchstaben. In einer Abkürzung, die sich wie ein Joghurt anhört, das die Verdauung anregen soll. Menschen, die „Yolo“ sagen, sind so interessant, tiefsinnig und aufregend wie die Besitzer von „Carpe Diem“-Fußmatten. Geboren wurde „Yolo“ als Hashtag auf Twitter, endgültige Berühmtheit erlangte es durch das Lied „The Motto“ vom amerikanischen Rapper Drake. Mittlerweile ist das Wort so ausgelutscht, dass es sich sogar schon Zac Efron auf die Hand tätowiert hat.

Klar, das Leben, die Tage, Minuten und Sekunden sind vergänglich. Aber wenn ich „Yolo“ höre, wünsche ich mir, dass mein Leben noch viel schneller vorbeigeht. Das Einzige, das mich in dieser Situation noch trösten kann: die Hymne „Yolo“ vom amerikanischen Comedy-Trio „The Lonely Island“. Für sie gibt es nur eine Schlussfolgerung aus der "Yolo"-Erkenntnis: Jeder muss sterben, sogar der Pyjama kann einen im Schlaf erwürgen. Deswegen sollte man lieber ein Leben ohne Freunde, Reisen und Spaß führen, in einem Bunker im Keller wohnen. Genau das Leben, das ich auch dem Erfinder von "Yolo" wünsche.

Dorothea Wagner 

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Illustration: Julia Schubert

Der Flausch

 

Ich mochte das Wort "flauschig" doch so und auch das dazugehörige Substantiv "Flausch" ( Duden.de : dicker, weicher Wollstoff mit gerauter Oberfläche ). Derjenige, der dafür gesorgt hat, dass aus diesem schönen Wort ein inflationär gebrauchtes, irgendwie von den Piraten besetztes, trotteliges Internetwort geworden ist, soll sich bitte sofort bei mir melden! Es gibt doch schon den Candystorm, um das Gegenteil eines Shitstorms auszudrücken. Nur, um noch ein Synonym dafür zu haben, hätte man mir doch nicht eines meiner absoluten Lieblingsworte wegnehmen müssen. 

 

"Flausch" und "flauschig" fallen für mich in die Kategorie "Plüsch" und "plüschig". Worte, die man nicht oft braucht und, um ernst genommen zu werden, auch nicht zu oft benutzen sollte. Aber wenn man sie verwendet, dann sind sie die einzig richtigen.

Flausch, so wie es jetzt etwa seit einem Jahr die ganzen Internetmenschen verwenden, macht mich wahnsinnig. Es ist wie mit "Troll". Gegen den Ur-Troll habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Aber seit jeder - und zwar dauernd - damit Internet-Stänkerer bezeichnet, reagiere ich allergisch auf diese Buchstabenkombination. 

 

Genauso ist es mit dem "Flausch". Flausch als Internetbegriff kann ich nicht mehr hören. Da gibt es die AG Flausch der Piratenpartei, Stefan Niggemeiers "Flausch am Sonntag", Weihnachts- und Osterfläusche, ständig schreibt ein Blogger über "Flauschcontent" (steht in der Regel synonym für Cat Content), alles und jeder wird geflauscht und alle haben sich lieb. Für einen"flauschigeren Umgang unter den Mitgliedern der Piratenpartei" will die AG Flausch sorgen, schreiben sie und definieren das Wort als "Harmonie und yeah". Bei mir bewirkt es das Gegenteil: Internetfläusche machen mich aggressiv.

Sagt doch einfach wieder Candystorm oder, noch besser, lasst es gleich bleiben!

 

Kathrin Hollmer

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Illustration: Julia Schubert

Performen

 

Ich gehöre nicht zu den Ramsauers unseres Landes, Leuten also, die sich gegen Anglizismen sträuben, als würden sie eine Krankheit übertragen. Ich sage weder Klapprechner statt Laptop noch Datenprojektor statt Beamer wie unser Bundesverkehrsminister es seinen Untergebenen nahegelegt hat. Aber einen Anglizismus bringe ich nicht ohne Schaudern oder Ironie über die Lippen: performen.

 

Ich kann nicht genau sagen, wer dafür verantwortlich ist, dass Musiker nicht mehr auftreten, singen, rappen oder was sie eben sonst so auf einer Bühne tun. Aber ich habe Detlef D Soost im Verdacht, dem Wort maßgeblich zu seinem Höhenflug verholfen zu haben. Und ich würde ihn gerne bitten, sich dafür zu entschuldigen.

 

Denn in diesem kleinen Wörtchen kommt so kompakt wie nirgends das ganze Elend des Formats Castingshow zum Ausdruck, dieser Geißel des Fernsehpublikums, dieser Plage, die in immer neuer Form auftaucht, sobald sich im Privatfernsehen ein Sendeplatz auftut. Wegen dieser Übersättigung müssen immer neue Superlative her - noch tollere Stimmen, noch stümperhaftere Bewerber, noch fiesere Juroren. Und natürlich reicht für einen Sieg nicht, gut singen zu können - selbst wenn die mit dem Rücken zum Sänger gedrehten Stühle bei "The Voice of Germany" uns das glauben machen wollen. Um in einer Castingshow lange zu bestehen, braucht man eine rührende Geschichte, muss besonders toll oder besonders beknackt aussehen, ein Schlampen- oder Zickenimage haben. Vor allem aber muss man auf der Bühne maximal seine Arme und Beine in alle möglichen Richtungen schmeißen oder bei Schnulzensongs ganz fest die Hand aufs Herz pressen und herzerweichend in die Kamera schauen. Musik machen reicht nicht - man muss performen. 

 

Das Schlimme ist: Das Wort ist eine Lüge. Es gibt vor, dass der Mensch auf der Bühne mehr liefert als nur Musik. Geboten wird nicht nur eine tolle Stimme oder virtuoses Beherrschen eines Instruments, nein, krachbumm, jetzt gibt's ordentlich was auf die Augen. Im Gegensatz zu einem Michael Jackson zum Beispiel, wo Musik und Show sich tatsächlich ergänzten, soll das Performen bei den meisten Castingshow-Bewerbern und bei Stars wie Justin Bieber nur davon ablenken, dass da eigentlich nur musikalischer Durchschnitt geboten ist.

 

Christian Helten

Ganz schön fly sein - äh what?

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