Die Hochzeitskolumne. Heute: Brautkleid kaufen, oder zumindest es probieren (Teil 2)

Theresa heiratet. Jede Woche ein bisschen mehr
theresa-selig

München, erster Laden Also. Als ich nach dem Händewaschen aus dem Badezimmer trete, drückt mir die Verkäuferin einen Katalog in die Hand. Ich bin enttäuscht. Katalog finde ich doof, ich will die Kleider angucken, sie aus ihren Plastiksäcken zerren, den Stoff begrapschen, wozu habe ich mir denn bitte die Hände gewaschen? Ich deute unschlüssig auf dieses und jenes Modell. Jedes Mal sagt die Verkäuferin: „Ja, ganz süß.“ Dann greift Sie gezielt nach ein paar Plastiksäcken. In der Kabine muss ich eine Korsage anziehen, besser gesagt anziehen lassen, und mir dann die Kleider überstülpen lassen. Dann arbeitet die Frau ohne Übertreibung 20 Minuten daran, eine Art Mieder an meinem Rücken zuzuschnüren. Als sie fertig ist, bekomme ich keine Luft mehr und Nina ist vor der Kabine über der „Gala“ eingenickt. Als ich mit rotem Gesicht aus der Kabine stakse, erschrickt sie sich sehr vor mir, dem Tüllungetüm, dann kichert sie und sagt: „Das sieht ja noch bescheuerter aus als mein Kommunionkleid.“

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Illustration: Julia Schubert

München, zweiter Laden Im nächsten Laden ist uns ein sehr junges Mädchen behilflich, das stark lispelt und sagt, als ich ein sehr hübsches Kleid mit Puffärmeln und Paillettenborte trage und mir gerade ziemlich schön vorkomme: „Also nehmen Sie´s mir nicht übel, aber ich finde, das macht Sie dick.“ Ich nehme es ihr übel, und ich finde: Verkäuferinnen, die in einem Workshop mal gelernt haben, dass immer alles toll finden unglaubwürdig ist und sich deshalb ab und zu um eine authentische Dosis Ehrlichkeit bemühen, sind schlimm. „Äh, ach ja“, sage ich beleidigt und möchte das rote Samthöckerchen, auf das ich raufturnen musste, um mich im goldgeschnörkelten Spiegel zu bestaunen, verlassen. Dabei verheddere ich mich in der kilometerlangen Schleppe und das lispelnde Mädchen muss mich stützen, damit ich nicht zu Boden gehe. Erschöpft schleiche ich in die Kabine, wo mir das Mädchen das Kleid über den Kopf wurschtelt. Ich verlasse den Laden durchgeschwitzt und gehe mit Nina statt Prosecco erstmal einige Gläser Rotwein trinken. Berlin, dritter und letzter Laden In dem Hochzeits-Newsletter einer großen Frauenzeitschrift, den ich neuerdings abonniert habe, stand zum Thema Brautkleidkauf: „Nehmen Sie Ihre Mutter mit. Oder Ihre beste Freundin. Denn: Alleine zum Brautkleidkauf, das ist schon ein bisschen traurig, finden Sie nicht?“ Finde ich nicht, und vereinbare einen Termin für mich allein. Der Laden befindet sich in einer Seitenstraße vom Kurfürstendamm und heißt „Balayi Magazasi.“ Das erste, was ich beim Betreten des Ladens sehe, ist eine Art Laufsteg. Am Ende dieses Laufsteges befinden sich ein riesiger Spiegel und die Umkleidekabinen. An beiden Seiten des Laufsteges sitzen mehrere gut gelaunte Grüppchen vor kalten Getränken. Gerade als ich reinkomme, kommt ein sehr hübsches Mädchen mit einem Schleier bis zum Boden aus der Kabine und stolziert den Catwalk entlang. Jemand aus ihrem Grüppchen ruft „Mensch Süße, sieht echt me-ga-geil aus!“ Das Mädchen lächelt gütig, dreht sich vor dem Spiegel mehrmals um die eigene Achse und marschiert zurück in die Kabine. Mir wird heiß. Unter keinen Umständen werde ich diesen Laufsteg betreten. Meine Brautkleidanzieherin, die sich als Dani vorstellt, ist sehr nett und sucht mit mir Plastiksäcke aus. In der Kabine befindet sich ein Spiegel. Ich atme auf. Dani sagt, ich müsse unbedingt einen Schleier anprobieren, und fummelt in meinen Haaren herum. Der Schleier ist so schwer, dass mein Kopf nach hinten gezogen wird. Dani ist euphorisch. „Das sieht so hammergeil aus, du musst unbedingt nach draußen!“ Ich komme mir vor wie ein verschüchtertes Kleinkind, das hinter dem Vorhang der Kindergartenbühne steht und sich beim Krippenspiel nicht auf die Bühne traut. Oder wie Sarah in der letzten Folge von „Germany´s Next Topmodel“, als sie sich beim Unterwäsche-Shooting als einzige nicht im „Zwei Piece“ (sagte Heidi Klum, gemeint war ein Zweiteiler) fotografieren lassen wollte, weil sie so einen hässlichen Bauch hat. „Och, schon OK, ich krieg hier eigentlich einen ganz guten Eindruck…“ sage ich. Dani sagt „Ach komm“ und schubst mich vor den Vorhang. Ich stolpere auf den Laufsteg und schäme mich ganz schlimm und weiß nicht, wo ich hingucken soll. Der Anhang links und rechts, von dem keine einzige Person zu mir gehört, unterbricht sein Geplauder und starrt mich an, nur sagt keiner, dass ich hammergeil aussehe. Mein einziger Support ist Dani, die netterweise aus der Kabine hinterherkommt. „Hm, echt schön“, sage ich. „Sorry, aber kannst du vielleicht mal bisschen Platz machen vorm Spiegel, ich will jetzt raus“, ruft da eine genervte Stimme hinter dem Vorhang. Als ich gedemütigt und ausgebrannt wieder auf dem Kurfürstendamm stehe, entscheide ich mich für einen Trostausflug zu h&m. Und während ich in der großartigen Kabine ein pinkfarbenes Hängerkleidchen für 14,90 Euro anprobiere und mich wahnsinnig gut dabei fühle, weil es keinen Laufsteg gibt, und keine Dani, die mich schubsen könnte, fasse ich den Entschluss: Ich werde in einigen Jahre anstatt eines eigenen Kuchencafés ein Brautmodengeschäft aufmachen. Eines, in dem man sich so wohl fühlt wie bei h&m, nur mit besserem Licht in den Kabinen. Wer so einen Laden schon kennt, der möge mir bitte ganz schnell Bescheid geben. Teil 1 der Kleider-Suche findest du hier

Text: theresa-selig - Illustration: Katharina Bitzl

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