Die Hochzeitskolumne. Heute: Erkenntnisse im Baumarkt

Theresa heiratet. Jede Woche ein bisschen mehr.
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Sich höchst offiziell und vor über hundert Leuten und noch dazu in der Kirche gegenseitig zu versprechen, den Rest des Lebens miteinander zu verbringen, ist schon ein ziemlich großes Ding, finde ich. Darüber denke ich zurzeit sehr oft nach, manchmal habe ich ein bisschen Angst. Aber nur manchmal. Mir ist da nämlich etwas aufgefallen, vielleicht ist euch sogar schon etwas Ähnliches passiert, also: Vor ewigen Zeiten, Johannes und ich waren erst zwei Wochen zusammen, waren wir fürs Kino verabredet (nur nebenbei: Ich schlug „The Beach“ vor. Johannes glaubte damals noch, mich mit einem vorgetäuschten Nouvelle Vague-Filmgeschmack beeindrucken zu können, und sagte am Telefon: „Hm, ich weiß nicht, ich bin ja eigentlich eher Cineast.“) Nun, Johannes erschien vor dem Kino und trug eine Mütze, die ich wahnsinnig unmöglich fand. Ganz und gar schrecklich fand ich diese Mütze sogar. Dabei konnte die Mütze objektiv betrachtet wirklich nichts dafür. Sie war schwarz und hatte einen kleinen Schirm. Auf jeden Fall fand ich plötzlich nicht nur diese Mütze, sondern auch Johannes das Aller-, Allerletzte.

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Illustration: Julia Schubert

Erst mit einigem Abstand konnte ich mir diese extreme Gefühlswallung erklären: Wenn eine Beziehung frisch ist und man sich noch keine abschließende Meinung gebildet hat, was eigentlich von ihr zu halten ist, dann reicht manchmal eine winzige Kleinigkeit, um die eigenen Gefühle ins Wanken zu bringen. Weil sich die Unsicherheit mit geballter Ladung gegen diese winzige Kleinigkeit richtet. Damals fand ich es beängstigend und nicht ganz normal, dass die Schirmmütze solche Gefühle in mir auslöste. Als ich mich meiner Freundin Lena anvertraute, wusste sie sofort, was ich meinte. Ich war unglaublich erleichtert. In Lenas Fall traf die geballte Ladung ein Jackett mit kariertem Innenfutter. Lena war erst wenige Wochen mit Alex zusammen, als der sie von der Schule mit seinem schwarzen Golf abholte. Er entstieg also dem schwarzen Golf, und Lena erinnert sich mit Schaudern, wie sie entsetzt feststellen musste, dass Alex ein schwarzes Jackett mit kariertem Innenfutter trug. Exakt dieselbe Frage wie bei mir damals vor dem Kino habe da wild in ihrem Kopf gekreist, sagt Lena: Du kannst doch nicht im Ernst mit einem Typen zusammen sein, der ein Jackett mit kariertem Innenfutter trägt! Mit der Geschichte von der Mütze und dem Innenfutter will ich auf Folgendes hinaus: Es ist ein tolles Gefühl, irgendwann zu merken, dass einen solche Vorfälle nicht mehr aus der Bahn werfen. Es gibt auch heute immer mal wieder Momente, in denen ich Johannes ganz, ganz schrecklich finde und mich schäme. Neulich im Baumarkt: Nach einer Dreiviertelstunde Farbpröbchenpalette-Angucken, nach der wirklich alle Mint- und Lindgrün-Töne identisch aussahen, entschied ich mich eher willkürlich für eine Farbe aus der „dezente Farben“-Palette. (die anderen Paletten hießen „sanfte Farben“, „Pastell-Farben“ und „zarte Farben“.) Im Baumarkt funktioniert das ja so: Man teilt dem Baumarkt-Mitarbeiter die Nummer des ausgewählten Farbtons mit, der Mitarbeiter kippt daraufhin bunte Farbe in einen Eimer mit weißer Farbe. Dann stellt er diesen Eimer in eine Maschine. Die fängt an, sehr stark zu vibrieren und zu ruckeln, so dass sich die weiße und die bunte Farbe vermischen. Und da sagte Johannes zu unserer missgelaunten Farbmitarbeiterin, die hinter der Theke stand und offensichtlich keine Lust hatte, mit Menschen, geschweige denn mit Kunden, in Kontakt zu treten, also zu dieser Frau sagt Johannes mit Blick auf die Ruckelmaschine: “Geschüttelt, nicht gerührt, was? Haahaaaaaaaa!“ Früher hätte ich ernsthaft darüber nachdenken müssen, ob die Beziehung zu einem Jungen, der solche Witze macht, überhaupt eine Chance hat. Johannes war noch Minuten später, als die Farbenfrau uns längst wortlos den Farbeimer über ihre kleine Theke geschoben hatte, stolz auf seinen Witz. Auf dem Weg zu Kasse musste ich gegen meinen Willen grinsen. Und zweifelte ganz und gar nicht, obwohl der Spruch natürlich viel schlimmer war als die Mütze mit dem kleinen Schirm. Das ist es, was mir beim Nachdenken in letzter Zeit aufgefallen ist: Dass sich diese Gelassenheit und diese Sicherheit, die sich in vielen Jahren entwickelt haben, ziemlich großartig anfühlen.

Text: theresa-selig - Illustration: Katharina Bitzl

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