Die Hochzeitskolumne. Heute: Wohnungsbesichtigung

Theresa heiratet. Jede Woche ein bisschen mehr. Bei der Wohnungssuche entdeckt sie, dass es manchmal von Vorteil sein kann, sich so wie die verhassten Pärchen aufzuführen
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Wohnungsbesichtigungen sind eine unangenehme Sache, finde ich. Eine Art Wohn-Casting mit einer lustlosen Jury, bestehend aus einem Makler. Makler sind meist junge Männer mit Gel in der Igelfrisur, eckigen Brillen und Handygürtel. Aus dem Handygürtel klingelt es stets dann, wenn man gerade dabei ist, seine eigene kleine Existenz umständlich zum Traum jedes Vermieters aufzubauschen. Makler sind die Türsteher der Immobilienbranche: Sie kosten ihre Macht, die ihnen kraft eines öden Jobs verliehen wurde, genüsslich aus. Alle buhlen um die Gunst des Maklers, drücken sich in seiner Nähe herum, umkreisen ihn wie Hyänen ein totes Zebra.

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Illustration: Julia Schubert

Kürzlich musste ich wieder zum Wohnungscasting. Ich bin zurück nach Berlin gezogen, zurück zu Johannes. In unsere erste gemeinsame Wohnung. Und die musste erst gefunden werden. Also kauften wir am Wochenende dicke Stapel Zeitungen. Und drückten uns, besonders samstags und sonntags, pro Tag zusammen mit bis zu siebzig weiteren Castingteilnehmern durch Kreuzberger Altbauwohnungen. Johannes hatte davor schon zwei Wochen lang alleine Wohnungen angeguckt. Abends, wenn wir telefonierten, war er immer schlecht gelaunt gewesen, und jedes Mal hatte er gesagt:„Ich hasse Pärchen.“ Er meinte damit speziell Wohnungsbesichtigungs-Pärchen. Die seien, hatte Johannes gesagt, noch schlimmer als Ikea-Pärchen. Johannes bekam Alpträume von Wohnungsbesichtigungspärchen mit identischen Multifunktionsjacken und prall gefüllten Selbstauskunftsmappen, die sie den Maklern siegesgewiss lächelnd in die Hand drückten. Besichtigungs-Pärchen seien nicht nur für echte Singles, sondern auch für Besichtigungs-Singles Horror, erklärte Johannes. Nach meiner Ankunft in Berlin löste ich Johannes also ab und übernahm wochentags die Rolle des Besichtigungs-Singles. Besonders Angst machten mir jene Pärchen, die die Wohnungen derart siegessicher durchschritten, als hätten sie bereits einen Mietvertrag unterschrieben. Zum Makler sagten sie Sachen wie „Wir überlegen, ob wir den Ofen vielleicht rausreißen und einen Kamin einbauen lassen.“ Einander murmelten sie Sätze zu wie „Klar, die Flügeltür nehmen wir raus.“ Oder: „Die Dielen lackieren wir neu, ist doch klar.“ Oder „Der Pax (Ikea-Kleiderschrank) passt ja super hier hinter die Tür.“ Bestimmt gehen diese Pärchen auch Pärchenjoggen, dachte ich gramerfüllt. Ein paar Tage lang sah ich diesem Schauspiel tatenlos zu: Selbstauskunftsmappen, die aus Pärchenhänden in Maklerbesitz übergingen. Dann fasste ich einen Entschluss. Nach einigen Telefonaten und einem Besuch im Copyshop hatte ich gesammelt: Zwei Schufa-Auskünfte, zwei Mietschuldenfreiheitsbescheinigungen, zwei aktuelle Gehaltsabrechnungskopien, zwei Personalausweiskopien. Und ein Deckblatt. Ich war zu einem Mappenpärchenbestandteil geworden. Bei der nächsten Besichtigung sagte ich zum Makler: „„Ich interessiere mich wirklich sehr für die Wohnung, ich würde sie sehr gern noch meinem Verlobten zeigen. Mein Verlobter arbeitet sehr viel und ist oft unterwegs, ein Termin vor acht oder nach sieben wäre prima. Vielleicht möchten Sie einfach schon mal unsere Unterlagen mitnehmen?“ Ich bin mir sicher, dass das Mädchen, das schräg hinter mir stand und auch noch was zum Makler sagen wollte, mich aus tiefster Seele verabscheute. Kann ich verstehen. Ich schämte mich und überreichte die Mappe, die mich und meine Pärchenhälfte als Vermietertraum auswies. Was soll ich sagen: Am Abend rief der Makler an und sagte, wenn meinem Verlobten die Wohnung gefallen sollte, dann stünde von seiner Seite aus einer Zusage nichts im Wege. Eine Frage, die mich seither moralphilosophisch beschäftigt: Ist es OK, manchmal ein Verhalten an den Tag legen, das man selbst zutiefst unsympathisch findet, wenn man dadurch einem wichtigen Ziel näher kommt? Zum Beispiel einer Wohnung mit Stuck-Engelchen und Schnörkelbalkon?

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