Die Hochzeitskolumne. Heute: Zitate-Verbot für den Brautvater

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Das Wochenende hat einige interessante Erkenntnisse für mich gebracht. Wir waren ja, wie letzte Woche berichtet, auf der Hochzeit von Johannes´ bestem Kumpel Kai eingeladen. Für mich selbst war es großartig, denn ich hatte keinerlei Verpflichtungen, außer in einem hübschen Kleid herumzustehen, Sekt zu trinken, viel zu essen und mich gut zu unterhalten. Es gab andere, die waren erheblich nervöser. Kai zum Beispiel, der so aufgeregt war, dass er vergaß, sich nach der Braut umzudrehen, als diese zu den Querflötenklängen von „Power of Love“ von Jennifer Rush in die Kirche einmarschierte. Alle reckten die Hälse, nur Kai starrte mit zitternden Händen auf den Pfarrer. Die Braut fand das weniger lustig als ich.

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Illustration: Julia Schubert

Auch Johannes tat mir ein bisschen leid. Er war den ganzen Tag sehr angespannt: Erst musste er eine Fürbitte in der Kirche vorlesen, die auf zwölf Zeilen neben sieben Kommata auch vier Gedankenstriche, jedoch keinen einzigen Punkt enthielt. Auf dem Fest musste er seine Rede als Trauzeuge halten, außerdem die in der letzten Woche schon erwähnte Powerpoint-Präsentation, später kam er als DJ zum Einsatz. Als das alles vorbei war, betrank er sich vor Erleichterung so hemmungslos, dass er sich am Schokobrunnen abstützen musste, als er am Buffet kurzzeitig das Gleichgewicht verlor. Er behauptete später, er sei in den Schokobrunnen geschubst worden. Die vielen Menschen mit manchmal mehr, manchmal weniger auffälligen Schokoladenflecken auf der Festkleidung waren auf jeden Fall ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, auf zukünftigen Feiern von einem Schokobrunnen in der Dessertauswahl abzusehen. Ich hatte ja vergangene Woche von den eventuell nicht allgemeinverträglichen Humorelementen in Johannes´ Präsentation erzählt. Tatsächlich war es dann auch so, dass der Tisch mit den Berliner Freunden grölend und vor Vergnügen auf den Tisch hauend Johannes´ Ausführungen lauschte, während an den umliegenden Tischen eher ratlose Stille herrschte. Nur ein Onkel der Braut aus Berlin-Pankow, Heinz, brüllte ab und zu „Bravo! Bravo!“ und klatschte dabei hoch erfreut in die Hände. Johannes wurde im Laufe des Abends ein großer Fan von Heinz, der einen riesigen Schnurrbart trug und später auf der Tanzfläche glücklos versuchte, seine Enkelin an einen der anwesenden männlichen Gäste zu verschachern. Beruhigend fand ich vor allem: Es war ein ganz tolles Fest, bei dem es ganz egal war, dass einige Programmpunkte eigentlich nicht so mein Ding waren. Nur eine Sache ist mir aufgefallen, die mir überhaupt nicht gefällt: Unter Braut- und Bräutigam-Vätern grassiert die Eigenart, ihre Rede mit einem scheinbar willkürlich zusammengeklaubten Wust an Zitaten anzureichern. Auf allen Hochzeiten, auf denen ich bisher war, kam irgendwann in der Vater-Rede (in diesem Fall nach „Ich habe keine Tochter verloren, sondern einen Sohn gewonnen“) der Satz „Und wie auch schon xy zu sagen pflegte“, xy jeweils zu ersetzen mit Johann Wolfgang von Goethe, Ricarda Huch, Erich Fried, Hermann Hesse und anderen bedeutenden Figuren der Weltliteratur, die neben vielen anderen schlauen Dingen auch Schlaues zum Thema Liebe geschrieben haben. Anscheinend finden Väter, das Gesagte wäre mehr wert, nur weil es sich jemand, der wegen seiner Schreiberei berühmt geworden ist, ausgedacht hat. Ich finde, genau das Gegenteil ist der Fall: Ich finde es viel schöner, wenn man selbst etwas Nettes, Schönes, Nachdenkliches zum Thema zu sagen hat, egal wie einfach, kurz und schlicht das sein mag. Und wenn man einer Rede anmerkt, dass jemand entweder in seinem Reclam-Zitateband unter „Liebe“ nachgeschaut hat oder, in der modernen Variante, „Liebe“ „Hochzeit“ und „Zitate“ als verknüpfte Zeichenkette gegoogelt hat, dann finde ich das eher unpersönlich. Und es ist für die Stimmung auch nicht förderlich, eine halbe Stunde lang aus „Der kleine Prinz“ vorgelesen zu bekommen, obwohl man doch schon in dem Moment, als der Redner mit dem kleinen Buch in der Hand zu reden angefangen hat, wusste, dass das Ganze mit einem eigentlich sehr schönem, aber äußerst verbrauchten Zitat enden wird. Vielleicht sollte ich meinen Vater mit einem Zitate-Verbot belegen. Wer weiß, woran er gerade schon arbeitet.

Text: theresa-selig - Illustration: Katharina Bitzl

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