Die Kunst, den Terror zu übermalen

Paris, Nizza, München - Solidaritäts-Illustrationen sind immer auch Werbung für den Künstler. Entwickelt sich da gerade eine Art Industrie?
Von Jan Kawelke
Pray For Paris
Foto: Stephane Mahe/reuters

Es sind die ersten Stunden nach den Anschlägen in Paris. Der französische Künstler Jean Jullien sitzt in seinem Londoner Atelier und zeichnet. Schwarzer Filzer auf einem Blatt Papier. Gekritzel, nicht mehr als eine Skizze. Der Eifelturm in einem Kreis: Jullien verknüpft das Peace-Symbol mit dem Wahrzeichen der französischen Hauptstadt. Er knipst das Bild, lädt es bei Instagram hoch und tippt "Peace for Paris" darunter. Ab da hört sein Telefon nicht mehr auf zu blinken. Über Nacht wird Jullien zum Star. Menschen malen sein Bild auf Flaggen, teilen es in den Sozialen Netzwerken, drucken es auf Pullover, schmieren es auf Fassaden und Straßen. Die Trauernden haben ein Symbol gefunden.

Auch nach dem Amoklauf in München kursiert schnell ein Bild im Internet. Das trauernde Münchner Kindl, gemalt von der 18-jährigen Schülerin Kim McMahon, verbreitet sich über die Sozialen Netzwerke. Jemand kommentiert: "Dieses Bild drückt alles aus, was ich gerade fühle."

Weil die Menschen aber sehr unterschiedlich fühlen, gab es auch Gegenmeinungen. Kurz nach der Veröffentlichung von Jean Jullien hacken viele ein anderes Urteil in die Kommentarspalten. Sinngemäß: Kalkuliert, Eigen-PR, Selbstzweck. Das kann man zynisch finden, ein wenig drängt sich der Gedanke aber auf. Es tauchen nach Anschlägen und anderen Verbrechen gefühlt immer mehr Solidaritätsillustrationen in immer kürzerer Zeit auf. Das ist sicher auch den neuen digitalen Möglichkeiten geschuldet. Aber es wirkt auch wie eine eigene Ökonomie. Ein Kampf um Aufmerksamkeit. Auf einem begrenzten Markt.

Ginge das also überhaupt – Aufmerksamkeit so bewusst generieren? Den Zeitgeist so zielsicher treffen? Kunst mit Kalkül?

Jean Jullien selbst blockt ab. Im Interview mit dem Time Magazine sagt der Franzose, er habe das Bild nicht aus einem Verkaufsgedanken gemalt. Über die große Verbreitung könne er sich der Umstände wegen nicht freuen. Und er bekommt darin Zuspruch: "Ich nehme ihm das zu hundert Prozent ab. Er ist selbst Franzose. Das ist aus dem Moment entstanden, nicht aus Kalkül", sagt etwa Christoph Niemann. Der Berliner ist derzeit einer der gefragtesten Illustratoren, er arbeitet unter anderem für den New Yorker und das New York Times Magazine. "Illustratoren versuchen dasselbe wie Journalisten oder Politiker: einen komplexen Sachverhalt auf eine Zeile, ein Bild runterzubrechen", sagt er.

Für ihn ist das Aufkommen der vielen Illustrationen in schwierigen Zeit kein neues Phänomen: "Denkt man zum Beispiel an Magazine: Nach einem einschneidenden Ereignis wird immer versucht, ein ikonisches Cover zu gestalten, an das sich die Menschen noch nach Jahren erinnern. Das ist für jeden Redakteur oder Grafiker das große Ziel."

Falsche Frage also? Andere Frage dann: Warum aber hilft Menschen ein simples Symbol?

Ist die geklickte Anteilnahme wie die Schärpe am Revers, die Binde um den Oberarm? Sind die geänderten Profilbilder eine Art digitaler Trauerflor? Lawrence Zeegen, Dekan der Design-Universität Ravensbourne in London, spricht von einer Verbundenheit durch Symbole: "Eine Flagge, ein Banner, das Religionen, Staaten und Sprachen überwindet. Universell verständlich; ein Zeichen, das die Gefühle der Menschen rund um die Welt ausdrückt." Verbundenheit also durch die Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Eine Fahne für den Frieden, jenseits von nationalstolzem Humbug. Wo Unsicherheit und Verwirrung herrscht, soll, so Zeegen, die simple Botschaft im weltlichen Wust einen ersten Anker bieten. 

Seiner Meinung nach hat Jean Jullien mit seinem Peace-For-Paris-Bild genau das geschafft. "Es ist smart. Es hat eine Idee. Es verbindet zwei visuelle Metaphern. Durch den handgezeichneten Stil hat es etwas sehr Emotionales." Die Linien sind verwischt. Kein Ausfeilen oder Nachziehen. Es ist der einzige Versuch, den Jullien angefertigt hat. "Es hat etwas aufrichtig Ursprüngliches. Der Höhlenmensch, der mit einem Stock in den Sand malt, um zu kommunizieren. Das ist eine unmittelbare Nachricht, die niemand übersetzen muss. Es drückt die Gefühle der Menschen rund um den Globus aus", sagt Zeegen.

 

Vielleicht ist auch die Frage nach dem Nutzen falsch. Ein Bild vereint Menschen in Zeiten, in denen alle von Spaltung reden. Reicht das nicht als Legitimation? Ungeachtet der persönlichen Motive? Mittlerweile findet man die Peace-For-Paris-Illustration weder auf Julliens Künstler-Website noch auf der seiner Agentur. Dafür aber überall sonst im Netz. Das Bild, könnte man sagen, ist zum Allgemeingut geworden.

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