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Douglas Tompkins Bild: Reuters In den Schuhen von: Douglas Tompkins Was sind das für Schuhe: Bei dieser Frage scheiden sich schon die Geister: Sind es Wellies? Oder doch botas? Wellies, die Kurzform von Wellingtons, werden Gummistiefel in der schnöseligen Spielart des Englischen genannt, botas dagegen ist der bodenständige spanische Ausdruck für diese Stiefel – und wer jetzt mutmaßt, es werde an diesem Typen dort doch wohl wichtigeres als die Bezeichnung von Schuhwerk geben, der täuscht sich: Wenn es um Douglas Tompkins geht, kommt es auf Kleinigkeiten an, und sei es der Unterschied zwischen englischen und spanischen Bezeichnungen. Sicher ist, dass der Multimillionär Douglas Tompkins mit diesem Schuhwerk genau die richtige Wahl getroffen hat für sein Vorhaben: Gummistiefel wie diese haben alle in Südamerika getragen, die vorgaben, nichts geringeres als die Revolution voranzutreiben, von den Guerilleros der Farc in Kolumbien bis zu denen des Leuchtenden Pfads in Peru – alle trugen Gummistiefel. Sind so praktisch in unwegsamem Gelände. Wo kommen diese Schuhe her? Erste Mutmaßung: von „North Face“. Douglas Tompkins hat diese legendäre Outdoor-Marke gegründet und groß gemacht. „North Face“ aber stellt keine Gummistiefel dieser Art her, die Firma verkauft vor allem High-Tech-Stiefel für Globetrotter, Bergfexe und solche, die es sein wollen. Tompkins, der außer „North Face“ auch die Modemarke „esprit“ gründete, hatte 1990 seine Anteile an beiden Firmen für rund gerechnet 250 Millionen Dollar verkauft. Seitdem widmet sich der US-Amerikaner der Revolution, und zwar der grünen. „Mir war einfach klar geworden, etwas zu produzieren, was eigentlich niemand wirklich benötigt, das hat keine Bedeutung“, sagt Tompkins heute über seine Entscheidung, der Welt der Mode und Marken zu entsagen und sich der Natur zu widmen. „Man muss zuerst an die Natur denken, und dann kann man die menschlichen Bedürfnisse und Wirtschaftsbelange daran ausrichten. Momentan aber läuft das in der Welt genau andersrum, wir kreieren Träume und Fantasien einer Wirtschaft, die überhaupt nicht die Natur berücksichtigt. Und das führt uns immer mehr in eine Krise, erst in eine Umweltkrise, und dann als Konsequenz daraus in eine soziale Krise.“ Tompkins, entschied Tompkins, wolle damit nichts mehr zu tun haben. Er nahm sein Geld und zog ans Ende der Welt. Dort, in Patagonien im Süden Chiles, begann der Multimillionär nach und nach, Land zu kaufen. Anfangs waren es kleine Stücke, dann größere Farmen, eines Tages stellten Politiker der chilenischen Provinz Palena fest: Hoppla, diesem Englisch sprechenden Gringo gehört ja fast die Hälfte allen Landes. Tompkins, der den Süden Chiles und seine schroffe Landschaft seit langem liebt, hatte sein Geld dazu eingesetzt, selbst oder mittels seiner Stiftung „The Conservation Land Trust“ so viel schützenswerte Landschaft wie möglich aufzukaufen und so vor Ausbeutung, Zersiedelung und Zerstörung zu schützen. „Regenwaldmacher“ nannte man Tompkins, weil er in Palena das größte noch zusammenhängende Waldgebiet Chiles zusammenkaufte und nach und nach zu einem Schutzgebiet machte, gewissermaßen einen privaten Nationalpark, den Parque Pumalín. Diese Strategie, Naturschutz als privates Projekt voranzutreiben, hat Tompkins in den Augen etlicher Naturschützer zu einem Helden gemacht: Wenn Staat oder Gesellschaft die Natur nicht schützen können oder wollen, so argumentieren sie, gebe Tompkins die richtige Lösung vor – Privatinitiative, am besten mit den Mitteln eines Multimillionärs. Inzwischen ist Tompkins zu einem der größten Landbesitzer Südamerikas aufgestiegen. Allein in Chile gehört ihm ein Gebiet größer als das Saarland, dazu kommt weiteres Land in Argentinien. Wo gehen diese Schuhe hin? Weiter, weiter, immer weiter. Tompkins, der vor kurzem wieder große Grundstücke im Marschland der „Esteros del Iberá“ in Argentinien gekauft hat, will weiterhin Land kaufen, das er für schützenswert hält – so viel wie möglich. „Wohin ich auch blicke in Argentinien, sehe ich massiven Missbrauch von Land“, sagte Tompkins. „Genauso, wie es vor 20 oder 30 Jahren in den Vereinigten Staaten passierte.“ Das will der Naturliebhaber in Südamerika verhindern. Mehr und mehr trifft der Mäzen des Umweltschutzes aber auf Widerstand. Bewohner der Gebiete, in denen er Land gekauft hat, werfen ihm vor, wie ein Patron zu handeln, dem die Menschen egal sind, solange nur die Natur stimmt. Einige geben sich dem Gerücht hin, der US-Amerikaner mit dem schnöseligen Englisch sei eigentlich ein CIA-Agent, der nur den Boden für eine Militärbasis zusammenkaufe, andere vermuten hinter Tompkins` Einkaufstour schnöde Wirtschaftsinteressen: Da im Gebiet, das der Millionär gekauft hat, zu Teilen die größten Frischwassser-Reserven des Subkontinents liegen, glauben sie, Tompkins handle lediglich wie ein Superinvestor und stecke Geld in einen Rohstoff, der vielleicht nicht in fünf, aber sicher in 50 Jahren die entscheidende Rolle spielen könnte – Wasser. Ein chilenisches Provinzparlament hat auf Tompkins Einkaufstour hin den Verkauf von Land an Ausländer in Chile eingeschränkt. Der überzeugte Naturschützer Tompkins wischt die Kritik beiseite. Ihm gehe es um die Natur, sagt er, er wolle beweisen, was private Initiative im Naturschutz bewirken könne. „Wenn Sie jeden Abend mit dem Gedanken an jede einzelne Anschuldigung zu Bett gehen würden, die am nächsten Tag aufkommen könnte, würde Sie das auffressen“, sagt er. „Man muss einfach damit leben und sich auf die Dinge konzentrieren, die man macht.“