In den Schuhen von: Frank Carter - Million-Pound-Baby zwischen Underground und Mainstream

Frank Carter (der Spazierstock-Droog in der Mitte) Bild: Jessica Morris/Gallows In den Schuhen von: Frank Carter Was sind das für Schuhe: Turnschuhe.
roland-schulz

Frank Carter (der Spazierstock-Droog in der Mitte) Bild: Jessica Morris/Gallows In den Schuhen von: Frank Carter Was sind das für Schuhe: Turnschuhe. Aber in Schwarz. Aber in der Nahkampfversion. Aber an bösen Füßen dran. Wo kommen diese Schuhe her? Aus dem Land der Arbeiter und Working Class Heroes, in dem die Sprache so räudig ist, dass keine Welt sie versteht, obwohl sie eigentlich alle Welt spricht: England. Genauer gesagt aus Hemel Hempstead, einer Vorstadt des Londoner Sprawls, die man bislang nicht kennen musste, solange man nicht aus Neu-Isenburg kommt, Partnerstadt von Hemel-Hempstead. Das dürfte sich aber nun ändern: Hemel ist Heimat von Frank Carter und seiner Band „Gallows“. Wer zum Teufel Frank Carter ist? Oh, das ist einfach. Frank Carter ist: rothaariger als Ron Weasley tätowierter als David Beckham gewalttätiger als Ronnie und Reggie Kray gesundheitsbewusster als Anita Roddick aufreizender als Prinz Harry rotziger als Sid Vicious lauter als alle „Sex Pistols“ zusammen und außerdem bald Millionär. Die erste Million – Pfund wohlgemerkt – hat er schon bekommen, muss allerdings mit seiner Band „Gallows“ teilen, die gerade einen mit diesem Betrag dotierten Plattenvertrag mit „Warner Bros“ unterschrieben hat. Der Vertrag, der gerade einmal über zwei Alben läuft, ist das Ergebnis eines wahnwitzigen Bieterstreits um die Band, an der sich so ziemlich jedes Label beteiligt hat, das gerade über den Untergang der Musikindustrie zetert. Was Warner Bros nun für eine Million Pfund bekommt, ist: Hass, Hass, Hass. „Gallows“ werden meist als Punkband mit Hardcore-Einfluss beschrieben, was in Rezensionen dann immer so klingt, als sei Frank Carter der kleine Bruder von Lotta aus der Krachmacherstraße. Das ist Unsinn. „Gallows“, 2005 gegründet, spielen schlicht Magendarmmusik für Hartgesottene und solche, die es gerne sein möchten, aber auch diese Beschreibung ist letztendlich Unfug, weil es bei „Gallows“ und erst recht bei Frank Carter weniger auf die Musik ankommt als auf die Aktion – die Band und ihr Ruf leben allein von ihren Konzerten. „Gallows“ pflegt Bühnen nur mit dem Gebaren einer Besatzungsmacht zu betreten, dann mit Vollgas durch die selten länger als 40 Minuten dauernden Sets zu brettern, sich dabei so weh wie nur möglich zu tun (Frank Carter schlägt sich dabei am liebsten das Mikro gegen die Zähne oder schlitzt sich den Hals an den Gitarrenhälsen seiner Bandmitglieder auf), danach in der Notaufnahme zu landen und vor allem niemals Zugaben zu geben, weil Zugaben laut Frank Carter lediglich „was für Rockstars sind“. Was das heißt, ist noch heute auf alten Mitschnitten im Netz zu sehen, die entweder mehr einem

gleichen als einem Konzert oder aber mit

enden. Heute sind „Gallows“ geringfügig gesitteter: Zwar beginnen ihre Konzerte immer noch mit aus Aufrufen zu „Ultra-Violence“, zwar treten sie weiterhin gerne als „Droogs“ verkleidet auf, in Ahnlehnung an die Ultrabrutales liebenden Protagonisten von Anthony Burgess` Roman „Clockwerk Orange“ – aber sonst ist alles schön sauber wie in ihrem Video „Abandon Ship“: Von dieser Aufmachung eines Amoklaufs gegen den Mainstream kann man sich leicht täuschen lassen: Frank Carter, der Triebtäter des Live-Auftritts, lebt „straight-edge“, verschmäht also Alkohol und andere Drogen und sagt von sich selbst, er sei „einer der kontrolliertesten und diszipliniertesten Menschen, die ich kenne“. Das mag eine Lüge sein oder nur kokett , Musiklabels wie Warner war es egal - sie wollten Frank Carter als Gesamtkunstwerk der Street Credibility kaufen. Der Sänger selbst sagt, mit Ausverkauf habe der neue Plattenvertrag nichts zu tun; vielmehr hätten seine Band und er sich nicht verändert und würden es nicht, „wir haben gewonnen, wir haben alle gefickt.“ Jüngste Folge des Wahnsinns um „Gallows“ ist die Platzierung von Frank Carter auf Platz Eins der „Cool List“ des renommierten Musikmagazins NME. Der Sänger hatte gewettet, er werde sich das Logo des Magazins auf den Rücken tätowieren lassen, sollte er auf Platz Eins der Liste gesetzt werden. Jetzt, da es geschehen ist, sagte er: „I've gotta get a 'F**k The NME' tattoo.“ Wo gehen diese Schuhe hin? Jede Wette: in den Untergang. Egal, was Frank Carter und „Gallows“ machen, sie werden geschmäht werden. Weil sie zu sehr/zu wenig/zu anders mainstreamig sind – oder weil in einem halben Jahr der nächste ganz sicher 100 Prozent echte Act um die Ecke kommt, wie es im ultrabrutalen Musikgeschäft Regel ist.