Was sind das für Schuhe? Auf dem einzigen Bild von Fritz Gelowicz, auf dem sein ganzer Körper zu sehen ist, stecken seine Füße ausgerechnet in der ältesten Modesünde der Neuzeit: Weiße Tennissocken zu Sandalen. Das mag auf den ersten Blick schockierend sein, ist aber in vielerlei Hinsicht passend: Dort, wo Fritz Gelowicz herkommt, ist und hingeht, genügt leichtes, bequemes Schuhwerk. Im Sommer 2006 fuhr Gelowicz nämlich über die Türkei und Iran schließlich ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Der Kopf der sogenannten Sauerland-Gruppe hielt sich also lange in ariden, subtropischen Gebieten mit heißem Kontinentalklima auf (die Durchschnittstemperatur im pakistanischen Peschawar liegt in den Sommermonaten bei 30 Grad). Leichtes, luftiges Schuhwerk ist dort von Vorteil. Nach seiner Rückkehr verbrachte der 29-Jährige dann viel Zeit in geschlossenen Räumen. Zunächst lagerte er 730 Liter Wasserstoffperoxid in seiner Wohnung, um damit einen Sprengstoffanschlag auf amerikanische Soldaten in Deutschland zu verüben. Klobige Stiefel wären hier nur störend gewiesen. Die letzten Monate verbrachte Gelowicz dann abwechselnd in einer Gefängniszelle und im Gerichtssaal – auch in diesen Örtlichkeiten neigt der Mensch, Bequemlichkeit höher zu achten als Stilsicherheit.

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Wo kommen diese Schuhe her? Ein Bekannter aus Schulzeiten hat berichtet, bevor Gelowicz zum Islam konvertierte, sei er Hip-Hopper gewesen. Dieser materialistisch geprägten Welt aber schwor der Neu-Ulmer 2005 ab. Renegaten und Konvertiten neigen bekanntermaßen besonders zum Extremismus. Auf die innere Isolation folgte die äußere: Auch wenn Gelowicz die Sandalen vielleicht in Pakistan erworben hat, ist davon auszugehen, dass sie – wie mittlerweile die meisten Artikel des täglichen Gebrauchs – aus chinesischer Produktion stammen. Es ist weiterhin anzunehmen, dass der 29-Jährige mit seiner Schuhwahl kein politisches Statement abgeben wollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben ihn rein praktische, klimatische Gründe dieses Schuhwerk wählen lassen. Damit unterscheidet sich der Dschihadist einerseits von konsumkritischen Globalisierungskritikern der heutigen Generation und anderseits von stilbewussteren Aufwieglern und Terroristen vergangener Zeiten. Von Andreas Baader zum Beispiel ist bekannt, dass er „Desert Boots“ der Marke Clarks trugen – einen Schuh, der sich bis heute großer Beliebtheit erfreut und der bei allem Blut und wirren Idealen klobigen Glamour ausstrahlt. Bei Fritz Gelowicz aber kann man sich gut vorstellen, wie er mit Rentner-Ballermann-Schuhwerk und talarartigen Überwurf durch Waziristan stiefelt und mit einer Kalaschnikow auf staubige Steine feuert. Wo gehen diese Schuhe hin? Gelowicz und seine drei Mittäter haben ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Eigentlich wollten die vier in Afghanistan gegen amerikanische Truppen kämpfen. Nach einer dreimonatigen Ausbildung an der Kalaschnikow („Da sind wir richtig gut gewesen“, so Dschihad-Kollege Adem Yilmaz), Bomben- und Minenbau ging es aber nicht wie beabsichtigt an die Front. Ein Taliban überredete die vier, doch lieber Anschläge in Deutschland auf amerikanische Einrichtungen zu verüben. Nicht ganz das Abenteurerleben, das sich Gelowicz vorgestellt hatte – aber immerhin. Zurück in Deutschland bauten die Islamisten aus zwölf Fässern Chemikalien Sprengstoff für Autobomben. Am 4. September 2007 wurden sie festgenommen. Zwar betonte der Richter, dass sich ein solch umfangreiches Geständnisses mit einem Hauch von Reue („Rückblickend würde ich das nicht noch einmal tun. (…) Dass die Operation nicht stattfand, war Allahs Wille.“) positiv auf das Strafmaß auswirken werde, doch Fritz Gelowicz dürfte trotzdem noch einige Jahre in dem Rentner-Malle-Atzen-Look herumschlurfen. An dieser Stelle sei nochmals ein Vergleich zu Andreas Baader erlaubt: Anders als in den Siebzigern die RAF-Ideologie kann der Dschihadismus kaum mehr als eine Handvoll Jugendliche begeistern. Niemand protestiert gegen Haftbedingungen, schimpft auf einen angeblich „prä-, proto- oder postfaschistischen Staat“ oder baut den vieren gar ein eigenes Stammheim. Dem Islamismus gelingt nicht der Schulterschluss mit der hedonistischen Popkultur. Ihm fehlen ein stilsicheres Spiel mit Modesignalen - und vor allem Frauen.

Text: philipp-mattheis - Foto: AP