Was sind das für Schuhe? Bis auf weiteres schlichte, praktische Gefängnispantoffeln. Ihre Besitzerin, Kari Ferrell, 22, wird in der JVA Salt Lake City als Insassin Nr. 295558 vermerkt und ist ein Internetphänomen, genannt „The Hipster Grifter“ (Grifter: engl. Betrüger). Zum „Talk of the town“ wurde die koreanischstämmige Kari mit dem Pixie-Haarschnitt und einem riesigen Phoenix-Tattoo über der Brust, als sie auf der Flucht vor fünf Haftbefehlen des Bundesstaates Utah halb Hipster-New York um Drinks, Handies und Kleingeld erleichterte. Mitte Oktober wurde sie zu neun Monaten Haft verurteilt – und inszeniert nun ihren Knastaufenthalt im Internet als Happening. Wo kommen diese Schuhe her? Diese Frage stellte sich Anfang des Jahres ein Mitarbeiter des Vice Magazines in New York, wo Kari Ferrell sich eine Woche zuvor erfolgreich um einen Job als Redaktionsassistentin beworben hatte. Kari Farrell war das Prototyp des perfekten Vice-Mädchens: hübsch, verlottert und charmant, außerdem baggerte sie gerne in der Mittagspause Typen aus der Redaktion mit Sprüchen wie „I want you to throw a hotdog down my hallway“ und „I wanna give you a handjob with my mouth“ an. Als einer ihrer männlichen Arbeitskollegen, auf ein Feierabend-Date mit ihr spekulierend, nach ihrem Namen googelte, landete er auf der „Most Wanted“-Seite des Police Departments von Salt Lake City. Dort wurde sein Flirt als Schwerkriminelle gesucht: wegen Scheckbetrug, Ladendiebstahl und Urkundenfälschung im Gesamtschaden von 60.000 Dollar.

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Während Kari daraufhin spurlos verschwindet, macht die Geschichte in den Bars und Clubs von Williamsburg und Brookyln schnell die Runde. Wenig später melden sich in Internetforen Ex-Freunde und Bandkollegen von Kari. Einer erzählt, wie er Kari auf einem Girl Talk-Konzert kennenlernt, mit ihr nach Hause geht und am nächsten Tag feststellt, dass sein iPhone und seine Kreditkart weg ist. Andere, die mit ihr „Freundschaft“ geschlossen haben, berichten, wie Kari über längeren Zeitraum eine Schwangerschaft vorgetäuscht hat, um Geld für eine angebliche Abtreibung von ihnen zu, äh, borgen. Eine weitere Masche von ihr sei gewesen, Leuten zu erzählen, sie habe Krebs und nur noch wenige Monate zu leben. Keiner weiß, wer Kari wirklich ist und woher sie eigentlich kommt. Nur ist jeder, der sie kennenlernt, danach um ein paar bis zu mehreren Tausend Dollar ärmer. (Wie sich später herausstellt, ist Kari Ende 2008 während den Ermittlungen in Utah nach New York abgehauen.) Mitte April ist „The Filth“ (die Bullen), wie Karis Spitzname inzwischen lautet, das bekannteste und meistgesuchte Mädchen in der Hipsterszene New Yorks. Der New York Observer schreibt eine dreiseitige Reportage über sie und hängt eine Suchanzeige der Polizei an. Das Medienblog Gawker lässt tagelang ununterbrochen Opfer der „attraktiven Betrugskünstlerin“ zu Wort kommen und kommt zum Schluss: „That girl is obviously mad psycho“. Zwei Wochen später wird Kari in Philadelphia verhaftet, wo sie sich im Haus eines Bandkollegen versteckt gehalten hat. Ihrer Medienpopularität schadet das keineswegs. Im Gegenteil: Im Internet werden „The Hipster Grifter“-T-Shirts verkauft. Auf freekari.com sammeln Leute Spenden, um die Kaution zu bezahlen. Im Sommer erscheint eine Folge der Fernsehserie „Law & Order“, deren Plot auf Karis Nepp-Biografie basiert. Wo gehen diese Schuhe hin? Derzeit nirgendwohin, höchstens mal auf den Gefängnisrasen zum Austreten. Da Kari aber den Großteil ihrer Strafe schon während der Untersuchungshaft abgesessen hat und sie sich nach Ansicht ihrer Wärter hinter schwedischen Gardinen zu benehmen weiß, kommt sie wohl noch vor Weihnachten wieder auf freien Fuß. Unterdessen wird "The Hipster Grifter", das Blogphänomen weiterhin fleißig kultivert. Kari empfängt zur Besuchszeit Fernseh-Teams und beantwortet Fankorrespondenz. In Briefen, die Kari aus der Zelle an das Szene-Blog ANIMALNewYork, hält sie den Leser über Lesbensex im Gefängniskorridor auf dem Laufenden und erzählt, wie sie gegen Fruchtgummis Zellengenossinnen ihre sekundären Geschlechtsorgane vorführt. Kaum auszumalen, was nach Karis Freilassung passieren wird. Buchvertrag? Eigene Fernsehshow? Hollywoodfilm? Sicher ist: Wer bislang dachte, Internet-„It“-Geschöpfe wie Tila Tequila oder Cory Kennedy hätten schon alle denkbaren Spielarten ausgelotet, wie man sich ohne nennenswerte Talente und sonstigen Vorzüge zur Webprominenz adeln kann, hat sich geirrt.