In den Schuhen von Totalverweigerer Silvio Walther

Der Totalverweigerer Silvio Walther war im vergangenen Jahr vier Wochen lang auf der Flucht vor den Feldjägern. Jetzt musste er sich für sein Fernhalten von der Bundeswehr verantworten.
marie-piltz

[b]Was sind das für Schuhe?[/b] Auf jeden Fall keine Kampfstiefel. Noch bevor sein Einberufungsbescheid ins Haus flatterte, stand für den heute 21-Jährigen fest, dass er sich dem Dienst an der Waffe verweigern und auch keinen Wehrersatzdienst leisten würde. Denn „Zivildienst ist für mich auch ein Kriegsdienst. Im Kriegsfalle müsste ich kriegsunterstützende Arbeiten leisten“, erklärte er im vergangenen Sommer der taz. Also kommen ihm auch keine weißen Birkenstocksandalen an die Füße, mit denen er im schlurfenden Gleichschritt hinter Rollstuhlarmeen im Altenheim hinterher marschieren müsste. [b]Wo kommen diese Schuhe her?[/b] Aus dem thüringischen Gera zogen sie nach Bayern, wo Silvio Walther auf der Sonderschule wegen seines „Ossi“-Dialektes gehänselt wurde. Sie begleiteten ihn in die Betriebshalle von Suzuki, wo Hilfsarbeiter Walther sich für eine Vertrauensperson für seine Kolleginnen einsetzte und später ins südhessische Bensheim. Doch den wohl längsten und beschwerlichsten Weg hatten sie im vergangenen Jahr zurückzulegen. Unfreiwillig folgten sie den Feldjägern der Bundeswehr im April 2008 in die Kaserne nach Bad Reichenhall. Denn Silvio Walther war dem Einrufungsbescheid nicht gefolgt und hatte stattdessen an den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages geschrieben, Reinhold Robbe (SPD), dass er sich nicht zum Töten ausbilden lassen wolle. Der vorsorglichen Einladung in Silvios Arrestzelle ist Robbe nie nachgekommen, Silvios Schuhe aber wanderten wegen Befehlsverweigerung mehrmals für insgesamt 37 Tage hinter Gitter, vorübergehend auch nach Berchtesgaden. Dort soll Silvio, nach eigenen Angaben, unter Androhung von Waffengewalt zum Müllsammeln auf einem Parkplatz verdonnert worden sein. Verängstigt und erniedrigt stolperten seine Schuhe zwischen Plastikflaschen, gebrauchten Tampons und anderen Abfällen umher, die der Befehlsverweigerer mit bloßen Händen aufsammeln musste. Wenig später brach er aus, flüchtete vor den Feldjägern – vier Wochen lang, quer durch Deutschland. Nur um danach wieder in die alte Bad Reichenhaller Zelle zu wandern, wo Silvio Walther fortan Westernhagens „Freiheit“ sang. Doch es dauerte nur wenige Tage, bis die Liedzeilen Wirklichkeit wurden und die Bundeswehr den rebellischen Walther entließ. [b]Wo gehen diese Schuhe hin?[/b] Womöglich in den Knast. Zwar verhandelt das Gericht Silvio Walthers Fall nach Jugendstrafrecht, da er vor der Einberufung noch unter 21 Jahre alt war. Doch der Wehrdienstverweigerer aus Überzeugung will das nicht gelten lassen. „Meine Entscheidung, die Befehle der Bundeswehr nicht anzunehmen, war nicht die leichtsinnige Tat eines Heranwachsenden, sondern der bewusste zivile Ungehorsam eines erwachsenen Menschen“, sagte er Anfang der Woche der taz. Als solchem könnten ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen. Nach gängiger Rechtsprechung muss er aber mit nicht mehr als drei bis sechs Monaten auf Bewährung oder einer Geldstrafe in Höhe von 30 bis 120 Tagessätzen rechnen. Silvio Walther plädiert indes auf Freispruch – seine Schuhe sollen nur dorthin gehen, wo er selbst sie hinlenkt. Und zwar nicht im Gleichschritt mit schwarzen Stiefeln.

Text: marie-piltz - Illustration: Dominik Pain