In den Schuhen von: Trent Reznor

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Trent Reznor Bild: ap Was sind das für Schuhe: Springerstiefelchen, was denn sonst. Genauer gesagt grüne Springerstiefelchen, vielleicht der Marke Doc Martens, so ganz genau ist das auf den alten Promo-Fotos der Band „Nine Inch Nails“ nicht zu erkennen – und auf den neuen schon gar nicht: Da ist Trent Reznor selten ganz zu sehen, meist schreit er in sein Mikro, wie es sich für einen Sänger zorniger Lieder gehört. An einigen Stellen im Netz sieht man aber noch die alten Ganzkörperfotos, auf denen Reznor seinen klobigen Stiefelchen in Grün anhat, die ein bisschen so aussehen wie Clownschuhe – aber ist Trent Reznor nicht vielleicht gerade das, der zornige Clown? Wo kommen diese Schuhe her? Wäre Reznor aus Deutschland, kämen sie wahrscheinlich aus einem Laden, der auch Buttons mit Totenköpfen drauf, alte Army-Rucksäcke in Schwarz sowie Nietengürtel feilbietet und gerade in Gefahr steht, von der örtlichen Fraktion der Freien Wähler geschlossen zu werden, weil die Angst umgeht, seine Kunden trügen Repetier-Gewehre unter ihren langen schwarzen Gestapo-Mänteln und äßen nächtens Kleinkinderherzen auf dem örtlichen Friedhof, was gemeinhin als Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden Massakers gedeutet wird, nach dessen Geschehen der Präsident des Schützenvereins dann in die RTL2-Kameras sagen müsste, diese verirrte Seele, die schon immer etwas seltsam gewesen sei, dürfe nicht zu einer Pauschalverurteilung von Waffenträgern ungedeutet werden. Aber Trent Reznor ist ja nicht aus Deutschland. Trent Reznor ist aus Pennsylvania. Dort, im alten Kernland der USA, wuchs Trent Reznor bei seinen Großeltern auf und hat, wie es sich für einen ordentlich wilden Musikrebellen gehört, mit fünf Jahren erstmal Konzertpiano und später Saxophon und Tuba gelernt, bevor er nach Jahren in Jazzcombos und Blaskapellen schließlich die Nine Inch Nails gründete, das Deutschland unter den Industrial-Bands. Seitdem ist Trent Reznor hauptberuflich Ikone. Wo gehen diese Schuhe hin? Immer voran. Reznor, der seine Karriere als Posterboy des Independent mit Liedern für den Soundtrack von „Natural Born Killers“ begann, ist dem Mainstream inzwischen soweit voraus, dass man befürchten muss, dass er auf der Rennstrecke des Pop bald wieder hinter ihm auftaucht – und fast scheint es so, als spiele Reznor damit, der alte Indie-Ironiker: Seit Mitte April seine neue Platte „Year Zero“ erschienen ist, springt der zornige Clown des Musikgeschäfts zwischen Underground und Mainstream hin und her, dass es eine Freude ist. Einerseits ritt Reznor auf seiner Homepage eine Attacke gegen die Musikindustrie, deren Antwort auf die schwierige Lage in Zeiten von zurückgehenden Plattenverkäufen anscheinend sei, die „Käufer noch mehr über den Tisch zu ziehen“. Reznor hatte sich über den horrenden Preis von Nine Inch Nails-Platten in Australien gewundert und bei seinem Label nachgefragt. Die Auskunft: „Das ist deswegen so, weil wir wissen, dass du eine wahre Fanschar hast, die zahlen, was auch immer es kosten mag, wenn du was raus bringst – echte Fans, weißt du. Den Popkram, den müssen wir billiger abgeben, damit ihn die Leute kaufen.“ Reznor soll darüber so sauer gewesen sein, dass es auf seinen Konzerten nun keine Gästenlisten-Plätze für Vertreter seiner Plattenfirma mehr gibt. Anderseits startete aber eine Kampagne, das Nine Inch Nails-Lied „Capital G“ zum offiziellen Song der Präsidentschafts-Kandidatur Hillary Clintons zu küren. Hillary Clinton hatte im Netz zur Wahl des Songs ihrer Wahlkampagne aufgerufen und dabei wohl eher an Lieder wie „The Best“ von Tina Turner oder „Beautiful Day“ von U2 gedacht, die inzwischen auf der Top Ten auf Clintons Homepage stehen, nicht aber an düstere Musik wie die der Nine Inch Nails. Fans der Band riefen daraufhin dazu auf, Trent Reznor zum Sänger Hillarys zu wählen. Seitdem ist auf der Homepage Clintons die Möglichkeit, eigene Vorschläge abzugeben, verschwunden – jetzt kann man nur noch zwischen zehn vorgegebenen Songs wählen.