Angehört und Angetörnt. Heute: Hilfe, Überproduktion in der Indiefabrik!

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Für Traditionalisten ist vor allem das neunte Tocotronic-Album Anlass für interessiertes Gefummel am Musikgeldbeutel. Egal wie man speziell zur ihnen steht, grundsätzlich muss man diesen Herren schon mal Respekt dafür zollen, dass sie schon 17 Jahre lang das Gefühl vermitteln, Vordenker und Feingeister der Popalternative zu sein – ohne je darauf zu bestehen. Es wundert, dass ihnen diese Hoheit nicht schon längst von Jüngeren abgejagt wurde, sondern dass Tocotronic ihre Konzerte immer schneller in immer größeren Hallen ausverkaufen, immer mehr Interviews geben je unkonkreter ihre Ausstrahlung wird. Vielleicht ist aber traditionelle Gitarrenmusik auch nicht mehr die Waffe der Wahl, bei den Nachwuchs-Popintellektuellen. Also jetzt, "Schall&Wahn". Die strategischen Unterschiede zum letzten Werk „Kapitulation“ und auch zum wegweisenden weißen Album sind nicht allzu groß. Epische Lowtzow-Romantik („Die Folter endet nie“ / „Schall&Wahn“)wechselt sich mit knackigen Slogan-Brettern ab („Macht es nicht selbst“ / „Bitte oszillieren Sie“ / „Stürmt das Schloss“), dazwischen wurde behutsam Störrisches gestreut oder immer wieder brachial Schönes, wie die Anfangs- und Endstücke. Grundgefühl ist einmal mehr die alles durchsuppende Ästhetikironie, welche die Perfektion mal zulässt und mal einreißt, plus das thematische Abarbeiten an Zweifel, Abgrund und Existenz des denkenden Menschen. Alles darf, nichts muss. Besonders gut an den vier Enten ist ja immer, dass sie das Intellektuelle nicht erzwingen. Wer unbedingt will, kann verborgene Zitate und Bezüge ausgraben, alle anderen aber können die Songs auch einfach so gut finden und sich aus dem wuchernden Diskursgewächs raushalten. Die Gitarren geben diesmal wieder dominanter den Weg vor, und von Lowtzows Stimme erarbeitet sich von Album zu Album immer verzärteltere Stimmungen und Farben. Aber auch: Der Fortschritt ist kein großer Fortschritt. Diese Toco-Kapitel hat wenig von dem Unbedingten, das einen aus Vorgängern zuverlässig ansprang. Es ist schlüssig und vornehm, keine Frage und die Band auch strenggenommen im besten Alter. Aber klingt es nicht hier und da auch nach grauen Schläfen und Larmoyanz? Wehe, wehe: Hat man etwa selber die Empfindsamkeit eingebüsst? +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Weit weg vom Sendungsbewusstsein der Tocotronic-Band komponiert derweil Konstantin Gropper, das stille akademische Genie hinter Get Well Soon, seine Pop-Opern. Violine, Bratsche, Flügelhorn, Posaune, Tuba, Susaphon, dazu jede Menge weiblicher Vocals stehen wieder auf der Contributors-Liste des zweiten Großwerkes. Wobei Gropper selber ja auch noch multiinstrumental veranlagt ist. Opulenz findet man hier also an allen Ecken, aber es ist eine Opulenz, die nicht dem reinen Größenwahn erliegt, sondern schon immer noch pointiert ihr Ziel findet. Groppers ausgefeilte Szenarien sind sanfte Gebirgsketten des Schwermuts mit sonnigen Gipfeln und stecken voller wunderlichem Glitzerkram, Klatschen, Flirren und einer traurigen Jungenstimme, die alles wieder erdet. Das etwas anderes zu nennen als groß, kommt dem Hörer von der ersten Minute an gar nicht in den Sinn. Allenfalls beklagen ließe sich das Gleiche, was sich auch wie nach einem erstklassigen Zehn-Gänge-Menü beklagen lässt – man ist doch etwas arg gefüllt und übersatt, sehnt sich frischer Luft. Die freilich, hat in diesem Brokatpop nichts zu suchen. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Kenner meines musikkritischen Gesamtwerks wissen, dass ich mich der Band Vampire Weekend längst mit Herz, Seele und Barvermögen verschrieben habe. Deswegen wäre es Unsinn, hier jetzt lang um den heißen Ostküsten-Brei rumzureden. Das zweite Werk „Contra“ der New-England-Bohemians ist allerallerhöchstens eine Feinunze weniger großartig als ihr Debüt. Der weltmusikalische Urinstinkt dieser Knaben geht mit ihrem Yale-Popverständnis wieder eine absolut schillernde, elitäre Verbindung ein. Gleichzeitig fällt es schwer, Außenstehenden das Verehrungswürdige daran so richtig bis ins Mark zu erklären. Und die erste Single "Cousins" ist eher das schwächste Stück. Deswegen lassen wirs, mit dem Erklären. Schenkt mir jemand einen Bootsschuppen in Montauk, wo ich ein Herz mit unseren Namen einritzen kann? ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Ganz oben auf der geheimen Hotlist dieses Jahres steht auf jeden Fall noch Moritz Krämer, eine Band, benannt nach ihrem Frontmann und herkünftig aus Berlin. Krämers gebrochenes Singen und sein Hang zur großen Liedkunst bewirken erstaunlich schnell, dass ich von seinem myspace-Profil nie mehr wegwill. Trotz eigentlich akuter Songwriter-Langeweile!!!

Mehr als die Lieder auf myspace und eine Handvoll Live-Schnipsel gibt es auch noch gar nicht von Krämer. Wird aber Zeit! Sibirische Schneesturmusik, flott und zart zugleich, abgemagert und doch vielseitig. Deutsche Texte mit Harke und Knute. Und gut, dass die gar nicht erst ohne umfangreiche Instrumentierung anfangen, ohne Streicher und Keyboards, die Krämers sägerauhe Stimme mit Balsam hinterlegen. Der sieht nicht nur aus wie der junge Paul Weller, das kommt auch sonst hin. In Großbritannien wären das eh schon Posterboys. Hier bleibt nur zu sagen: Wer Gisbert zu Knyphausen mag, wird Moritz Krämer mögsten. +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Und so also dreht man Videos, wenn man wenig Budget aber sich selbst zur Auflage gemacht hat, jeden Monat eine kostenlose Single zum Download bereitzustellen. "Edey" ist dabei das Dezember-Lied der Bromheads aus Sheffield, über die sonst nur zu notieren ist, dass sie früher Bromheads Jacket hießen und eine Top-Ten-Platzierung mit einem TheStreets-Cover hatten. So richtig zwingend ist hier nichts, bis auf die Frisur des Sängers. Aber lustig.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ach ja, und alle Menschen, die sich wie ich über ein schönes altes Parkett freuen können, sollten gefälligst und unbedingt Spoon-Fans werden. So ehrlich rau, golden sperrig und warm klingt keine andere amerikanische Band. Das Vorgänger-Werk „Ga Ga Ga Ga Ga“ war reinster und weisester Folkindie-Honig. Das neue Werk „Transference“ ist spröde wie ein alter Haselnussbusch, aber wieder wirklich wunderschön. Bier aus Hausschuhen! Mein allerliebstes Lieblingslied überhaupt - vom letzten Album:

Britt Daniels Holzspecht-Emo-Stimme darf mir alle Gutenachtgeschichten der Welt vorlesen. Aber ach, weiterhin werden die Menschen fragen, ob man nicht vielleicht Fischerspooner meint, wenn man von Spoon schwärmt. Weiterhin werden sie in Kritikerlisten und Grabbeigaben-Charts ganz oben stehen und sich trotzdem, zumindest in Europa, nicht mehr aus den kleinen Clubs spielen. Egal, guten Whiskey trinkt man auch allein. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Default Bild

Illustration: Julia Schubert
Default Bild

Illustration: Julia Schubert
Default Bild

Illustration: Julia Schubert
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Noch ungehört aber erfahrungsgemäß uneingeschränkt zu empfehlen sind außerdem die neuesten Machwerke von Magnetic Fields, Shout Out Louds, Eeels und OK Go! Wahnsinn, wenn das so weitergeht, brauche ich schon Ende März Ersatzohren.

  • teilen
  • schließen