Am schönsten ist das Internet da, wo es antik ist

Illustration Jessy Asmus

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Man kann es sich kaum mehr vorstellen, aber vor langer, langer Zeit gab es noch gar kein Pokémon Go. Und Snapchat auch nicht! Und die Internetverbindung musste man übers Telefonkabel herstellen. Und wer als Normalo eine Website hatte, war fast immer entweder ein ganz, ganz großer Nerd (so einer mit Aktenkoffer im Schulunterricht) oder hatte einen unstillbaren Mitteilungsdrang, möglichst in Kombination mit einem außergewöhnlichen Hobby (nicht selten waren das Extremsportler, Nachttopf-Sammler, Sammler von Steinen mit Gesichtern – oder alles in Kombination).

Diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei und da es unglücklicherweise noch keine Museen für altmodische Websites gibt, muss man sich auf die Erzählungen der uralten Internet-Ahnen im Lehnsessel verlassen.

Die unendlichen Möglichkeiten von Clip Art

Lauscht man ihren Erzählungen, könnte man glauben, das Internet hätte damals ausgesehen, als hätte ein Einhorn Pixel über den Bildschirm gekotzt. Sie schwelgen in Erinnerungen an damals neu entdeckte Möglichkeiten in der Grafik: Schriften konnten verschiedene Farben haben! Hintergründe auch! Bilder konnte man in zwei Größen hochladen: briefmarken- und postkartengroß! Irgendwann konnten sich die Schriften sogar bewegen! Von da an gab es kein Halten mehr. Sätze flossen träge von rechts nach links, später gerne noch in Kombination mit einem Move, den man sonst nur bei 14-Jährigen nach ihrem ersten Zug an einer Zigarette kennt: nach hinten wegkippen.

Diese scheinbar unendlichen Möglichkeiten (Word Art! Clip Art!) führten dazu, dass Websites eine Zeitlang so unübersichtlich waren, dass man kaum mehr aus ihnen herausfand und auf der Suche nach dem nächsten Link Gefahr lief, einen Wut- in Kombination mit einem epileptischen Anfall zu erleiden. Aber weil sowieso fast niemand im Internet unterwegs war und Begriffe wie „Usability“ oder „Benutzerfreundlichkeit“ noch nicht da waren, um die rasend schnelle 65kbit/s-Datenautobahn zu verstopfen, war das alles einfach nur: egal.

 
bildschirmfoto 2016 08 18 um 14 44 54

Die Website des Films "Space Jam" existiert seit 20 Jahren. Und erinnert an die guten alten Zeiten.

Bild: Screenshot
bildschirmfoto 2016 08 18 um 14 45 05

Diese Perle des Webdesigns ist die Website des Hollywood-Schauspielers Billy Bob Thornton. Sie verlinkt auf Myspace-Seiten!

Bild: Screenshot
bildschirmfoto 2016 08 18 um 14 45 22

Die Gossip-Website Oh No They Didn't sieht noch genauso aus wie vor zehn Jahren.

Bild: Screenshot
bildschirmfoto 2016 08 18 um 14 45 39

Die wunderschöne Website des James Bond Museums im schwedischen Nybro.

Bild: Screenshot

Freundliche Übernahme durch Grafikdesigner

Irgendwann, so gegen Mitte/Ende der Nuller-Jahre war es dann vorbei mit dem ausgelassenen Grafik-Wildwuchs. Plötzlich ging es um Lesbarkeit, Nutzbarkeit der Benutzeroberflächen und sogar, schluck, um so etwas Ähnliches wie Ästhetik. Es kam zu einer freundlichen und sanften Übernahme des Internets durch Grafikdesigner, die von da an damit beschäftigt waren, Websites benutzerfreundlich und ansehnlich zu gestalten.

 

Zugegeben: In den meisten Fällen war das ziemlich verdienstvoll. Auch wenn sich inzwischen dank DIY-Website-Bauanleitungen die meisten Homepages von Zahnärzten, Design-Bloggern und Sexperten zum Verwechseln ähnlich sehen.

 

Es gibt sie noch, die Relikte aus alten Zeiten

Weil im Internet kaum etwas peinlicher ist als die eigene Vergangenheit, hat die stromlinienförmige Ästhetik die wilden, bunten Anfangszeiten des Internets fast vollkommen verdrängt. Aber es gibt sie noch, die Relikte aus alten Zeiten. Es sind nicht mehr viele, aber einige Websites haben noch immer die antike Anmutung der späten Neunziger und frühen Nuller-Jahre. So existiert tatsächlich noch immer die Original-Filmseite von Space Jam

Auch das Gossip-Livejournal „Oh No They Didn’t“ kommt trotz seines immensen Erfolgs immer noch daher, als würde es von einer 13-Jährigen am altmodischen Rechner ihrer Eltern betrieben. Wer auf benutzerunfreundliche Websites steht, wird oft auch im kommunalen Bereich fündig. Ein schönes Beispiel ist das James-Bond-Museum im schwedischen Nybro.

 

Doch das vielleicht herzigste Beispiel einer aus der Zeit gefallenen Website besitzt der amerikanische Schauspieler Billy Bob Thornton. Seine Website mit dem vielversprechenden Namen „BillyBobapalooza – The official Billy Bob Thornton Website“  ist eine Schatzkiste für Internet-Hobbyarchäologen. Damit auch jeder glaubt, dass es sich hierbei um die echte Website des berühmten Schauspielers Billy Bob Thornton handelt, findet man gleich auf der Startseite ganz oben einen Link zu einem kurzen Audioschnipsel, in dem Billy Bob Thornton den Besucher auf seiner Website begrüßt. Am Fuße der Seite wird man darüber informiert, dass diese Website seit 1998 in ihrer Form besteht. Seit 18 Jahren, vermerkt der Billy-Bob-Thornton-Website-Beauftragte und fügt stolz dazu: „Diese Website ist alt genug um zu wählen!“.

 

Die restlichen Links führen zu MySpace- (Na klar, unbedingt müssen es MySpace-Seiten sein!)  und Facebook-Auftritten von Billy Bob Thornton.

 

Oft ist das Internet und die Menschen darin ein riesengroßer Misthaufen. Doch an Tagen, an denen man in seinen verstaubten Ecken herumstöbert und Seiten wie die von Billy Bob Thornton entdeckt, hat man es auf einmal wieder lieb. Und erinnert sich an die unendlichen Möglichkeiten, die in ihm liegen. Und die vielen großartigen Relikte, die sich in diesen unendlichen Weiten noch verstecken könnten.

 

Mehr Internetkram:

  • teilen
  • schließen