60.000 Files und etwas Philosophie: Absurdes Gerede mit den Chemical Brothers

Ob es nun Kollaborationen mit Bobby Gillespie oder Noel Gallagher waren – Platten der Chemical Brothers zeichneten sich immer auch durch eine erlesene Gästeliste aus. Bei "We Are The Night", dem mittlerweile sechsten Studioalbum des englischen Elektro-Duos, ist das nicht anders. Wobei Tom Rowlands und Ed Simons diesmal (vom ehemaligen Pharcyde-Rapper Fatlip abgesehen) vornehmlich auf den Nachwuchs setzten. Auch mit dabei: die Klaxons. jetzt.de traf Tom Rowlands und Ed Simons in London, wo sie in einem zum Flur hin verglasten Büro ihrer Plattenfirma auf der Couch sitzen und versuchen, die Augen offen zu halten.
uli-karg
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Illustration: Julia Schubert

Tom, Ed, bei vielen Tracks auf diesem Album hat man das Gefühl, sie wären um ein signifikantes Detail herum aufgebaut. Tom: Die Sichtweise gefällt mir. Für gewöhnlich ist es so, dass man diese Details erst in die fertigen Tracks streut. Wir haben es da mit einer Unmenge von Soundfiles zu tun. Aber ich hoffe, dass es sich wirklich so anhört, wie du das eben geschildert hast. Aus wie vielen Files setzt sich dieses Album zusammen? Tom: Für dieses Album gab's ungefähr 60.000 Files. Die wurden nicht alle benutzt. Die Hälfte davon landete im Abfalleimer. Um etwas zu erschaffen, muss man auch etwas zerstören. Ed: Wie in der Natur. Tom: Ja. Um etwas zu erschaffen, muss man auch etwas zerstören. So sehen wir das. Klare Schnitte, damit man immer wieder neu anfangen kann. Ed: Am Anfang beginnen. Immer wieder. Nur so geht's. Kommen wir zur Zusammenarbeit mit den Klaxons... Ed: Wundervolle Band. Tom: Zerstöre, um etwas zu erschaffen… Faszinierende Theorie, durchaus. Tom: Könnte eine Punk-Theorie sein. Vielleicht Prä-Eighties-Punk. Die Theorie hat ja auch etwas Reinigendes. Weg mit dem alten Schrott und in einer sauberen Umgebung wieder neu anfangen. Muss man können sowas. "Nous sommes le pouvoir", wie auf Deinem T-Shirt geschrieben steht… Tom: Ja, das ist so ein 68er-Slogan. Mir gefällt das heute noch, wie sich damals Studenten und Arbeiter zusammengeschlossen haben. Eine Kooperation, die sich ziemlich schnell wieder erledigt hatte. Tom: Ich finde das trotzdem interessant. Dass diese zwei so gegensätzlichen Gruppen, Fabrikarbeiter und Studenten, glaubten, gemeinsam Mauern einreißen zu können. Heute gibt's ja kaum noch Farbrikarbeiter. Ed: Dank Maggie Thatcher. Tom: Aber immer noch stramm unterwegs das alte Mädchen. Zurück zu den Klaxons, bitte. Ed: Unsere kleinen Brüder. Sie sind uns zunächst hauptsächlich wegen ihre Texte aufgefallen und aufgrund der Bilder, die sie benutzten. Bei weitem intelligenter als das meiste, was man momentan sonst so geboten bekommt. Allein durch die dringliche Art, wie sie die Dinge benennen. Tom: Es ist bei ihnen nicht so, dass sie intelligente Texte aus intellektuellen Erwägungen heraus schreiben. Sondern weil sie voller Wut und Verzweiflung sind. Mit einem Gehirn, das funktioniert. Wir finden's großartig, wenn sowas in der Musik passiert. Sogar wenn etwas zunächst etwas blöd klingt, ist da immer noch eine Zeile, die dich zum Nachdenken bringt. "We Are The Night", der Albumtitel, ist einem Gedicht des kanadischen Beatniks Billy Bissett entnommen. Was hat Euch bei dieser Zeile zum Nachdenken gebracht? Tom: Vielleicht kann man's so erklären: Möglicherweise war unser letztes Album der Tag, weil es sich mehr mit Dingen beschäftigte, die in der Welt vorgingen als andere Platten, die wir bis dato gemacht hatten. "Push The Button" war wohl stärker in der Realität verankert. "We Are The Night", auch wenn es nicht in dieser Absicht geschrieben wurde, ist möglicherweise mehr eine… vielleicht eine fast schon eskapistische Platte. Wie ein Fantasy-Album. Entschuldige Ed: Ein Double-Fantasy-Album. Besteht für euch momentan Grund für Eskapismus? Tom: Nein. Es hat sich mit dieser Platte wohl bloß so ergeben. Es ist wie eine Flucht in den Klang. Und "No Path To Follow", der Opener des Albums, ist ja auch eine eher mysteriöse Angelegenheit. Alleine der Anfang, wo es heißt: "Kein Pfad, dem zu folgen wäre, wir wissen nicht, wohin es geht…" Sehr geheimnisvoll. Auch ziemlich geheimnisvoll klingt ein Song namens "Das Spiegel". Tom: Wobei ich diesbezüglich schon mal ein Geheimnis lüften darf: Den Artikel haben wir deshalb geändert, weil "das" einfach besser klingt als "der". Als wir begannen, an dem Track zu arbeiten, erinnerte er uns an "Neon Lights" von Kraftwerk. Und deshalb haben wir uns einen deutschen Titel dafür ausgesucht. Auch wenn's am Ende nicht sehr deutsch klingt… Wie auch immer Deutsch klingen mag. Aber es ist schon immer interessant, wie man zu den Songtiteln kommt. Wie mein verehrter Kollege zu meiner Linken manchmal zu sagen pflegt: "Du willst ihm Bedeutung geben. Aber nicht zuviel Bedeutung." (lacht) "We Are The Night" erscheint am 2. Juli bei EMI/Virgin. Konzerte: 02. Juli: Düsseldorf, Philippshalle 03. Juli: München, Zenith 11. August: Saalburg: SonneMondSterne (Festival)

Text: uli-karg - Foto: Virgin Music Germany

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