Abändern! Jens Friebe im Gespräch über seine neue Platte

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So schöne Textzeilen wie Jens Friebe haut in Deutschland keiner raus. „Ich möchte Dir dienen, ich möchte Dir Schnaps geben. Nenn' mich Lawinenhund, ich suche Leben“ heißt es etwa im großartigen „Lawinenhund“, das dritte Album trug den Titel „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache Dir ist nichts passiert.“ Jetzt ist Friebe, zwischenzeitlich bei Christiane Rösingers Britta angestellt, mit seinem vierten Album zurück. Es nennt sich Abändern, was nichts mit irgendwelchen Zuständen, aber sehr viel mit den Vengaboys zu tun hat und ist etwas störrischer als sein Vorgänger. Was bei „Abändern“ als erstes auffällt, ist der massive Einsatz des Klaviers. Das war Dein erstes Instrument, oder? Meine Eltern hatten ein Harmonium herumstehen – allerdings eher als Möbel. Auf dessen Tasten drückte ich als Kind herum, was alle furchtbar nervte, weil ich es nicht konnte und es dementsprechend grausam klang. So beschlossen sie, als ich sechs oder sieben Jahre alt war, mir ein Klavier zu kaufen. Und das brachte ich mir dann selber bei. Haben Deine Eltern nicht versucht, das irgendwie etwas geregelter anzugehen, Dir Unterricht geben zu lassen? Doch, das wurde versucht, was aber den Effekt hatte, dass ich gar nicht mehr spielte, so dass das dann aufgegeben wurde. Ich war schon immer sehr faul und ließ mich von Leistungsdruck schnell entmutigen. Viel später, als Jugendlicher, nahm ich dann noch mal Keyboardunterricht. Da ging es dann aber eher um Harmonielehre. Ich kann heute noch nur sehr schlecht nach Noten spielen. Irgendwann musste ich es wieder, als ich bei Justine Electra das Keyboard übernahm. Ich hatte da die Akkorde rausgehört und die irgendwie aufgelöst. Es war aber schnell klar, dass das für sie so nicht funktionierte, sondern es genau so klingen sollte wie auf dem Album. Das Note für Note herauszufinden, war sehr, sehr mühsam für mich. Ein durchschnittlicher zwölfjähriger Klavierspieler hätte das deutlich schneller kapiert.

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Illustration: Julia Schubert

Vengaboys und Blue System: Jens Friebe. Foto: Oliver Schultz-Berndt Warum das Klavier? Das war so eine Art Gitarrenmüdigkeit, auch als Hörer. Das ist einfach eine Art von Musik, die seit den 80er-Jahren überall läuft. Rock hat sich weit von dem entfernt, was er einmal bedeutete, von der Gitarre als Ausdruck irgendeiner Rebellion, von irgendetwas Wildem. Doch auch, wenn das schon lange nicht mehr funktioniert, ist aber immer noch ein verführerisches Mittel, einen Song zu kleiden. Das sich zu verbieten, war für mich eine Herausforderung. Auch auf kitschige Synthie-Streicher hab' ich verzichtet. Deshalb arbeitete ich auch mehr mit Stimmen und Chorgesängen, weil man auch so einen Refrain strahlen lassen kann. Ich empfand die Platte dadurch als weniger eingängig. Ein Risiko, das Du gerne eingehst? Ach, eingängig soll es eigentlich schon sein. Ich wollt's schon hittig haben. Aber eben nicht so clean. Ich komme ja doch von so einem Punk-Gedanken und mag Musik, die lebt, die einen eigenen Ausdruck hat. Und heute hört man so viele Sachen, die wahnsinnig optimiert sind - auch wenn es Bands wie Florence & The Machine oder all diese Neofolk-Bands gibt, oder die White Stripes, die es mit einer sehr unfertigen, schlampigen Produktion sogar in die Fußballstadien schafften. Ob das jetzt weniger eingängig ist, ist schwierig zu beurteilen, weil ich die Songs natürlich auf eine ganz andere Art kenne. Kann schon sein, dass das ein „Grower“ ist. Das würde für das Radio oder die Medien, die sich nicht so lange mit einer Platte beschäftigen können, natürlich nicht so toll sein. Aber das Risiko muss man in der Tat eingehen. Der Titeltrack ist eine Coverversion des Vengaboys-Stücks „Up & Down“. Was reizte Dich an dem Song? Für mich ist der Song eigentlich ein Update des punkigen Gedankens, von der Idee, dass man mit einem kleinen Lick etwas machen kann, was total funktioniert, und gleichzeitig Primitivität und unglaubliche Kraft besitzt. Von so etwas wie Trios „Da Da Da“ vielleicht. Ich mag auch die anderen Vengaboys-Stücke sehr gerne. Trifft dieser Punk-Ethos dann auf die komplette Eurodance-Szene zu, wo diese Primitivität der Schlüssel zum Erfolg ist? Nicht immer. Bei den Vengaboys haben wir diesen einen stumpfen Lick, das ist schon selten. Ein wahnsinnig hingerotztes und intuitives Ding. Das begreife ich auf jeden Fall als authentischen Song. Ich weiß nicht, ob das unauthentischer ist als ein Stück von Neil Young oder Nick Drake. Es ist Gebrauchsmusik, die Ambition ist jetzt nicht, Seelentiefen zu erforschen. Aber das funktioniert ebenso einfach wie inspiriert. In der Zeit meiner Geschmacksfindung war das der Feind. In den 90er-Jahren hörte man das nicht, wenn man sich für Musik interessierte. Mir war unmittelbar klar, dass der Song eine Unschuld hat, die einfach okay geht, gegen die man nichts haben kann. Ich bin ein Stück älter und hatte andere Feindbilder. Dieser Grunge und Indierock der 90er-Jahre war für mich völlig uninteressant, weil ich eben mit den Pixies und Sonic Youth aufwuchs. So Bands wie Pearl Jam empfand ich als aufgeblasen. Gitarristenmusik, das fand ich unheimlich abtörnend. Da gefiel mir schon damals Dance besser. Ich glaube, die Vengaboys liegen näher an den Ramones als der Gitarrenrock der 90er-Jahre. Charmant fand ich das leicht abgewandelte Blue-System-Zitat „Atlantis Is Calling: SS Alarm“ in „Verbotene Liebe“... Um was es da geht, habe ich allerdings nicht verstanden. Das ist im Original eine herrliche Zeile. Natürlich hege ich zu Blue System nicht so eine Liebe wie zum Gesamtkonzept der Vengaboys, das ist eigentlich eine unmögliche Band. Dieser Typ (Dieter Bohlen, die Red.) legt bei seinem unbedingten Willen, einen Hit vom Reißbrett zu gestalten, so eine expressive Direktheit an den Tag, so eine Mischung aus Dada und Primitivität, die man intellektuell gar nicht begreifen kann. Schlimm, aber auch großartig. In dem Song geht es aber um die Vorliebe von Schwulen zu einer faschistoiden Ästhetik - in manchen Stadtteilen muss man schon sehr genau hinschauen, um das unterscheiden zu können - und eben weitergedacht um schwule Romanzen, die sich tatsächlich im rechtsradikalen Milieu abspielen, wo natürlich Ärger vorprogrammiert ist. Dazu kommt dann so eine maritime Grundstimmung: Das macht bei mir mehr Sinn als im Originalsong von Blue System. In „Charles de Gaulle“ zitierst Du mit Terry Jacks' „Seasons In The Sun“ einen der traurigsten Songs der Welt... Das blieb von einem Übersetzungsprojekt. Damals wollte ich das Stück komplett ins Deutsche übersetzen und stellte irgendwann fest, dass Klaus Hoffmann das bereits übersetzt hatte und ließ es angeekelt fallen (lacht). Da steckt in seiner Coverversion irgendeine ganz blöde Wendung drinnen. Könnte einen dazu anstacheln, es besser zu machen, aber ich ließ es dann bleiben. Du singst dort: „Beim Weihnachtsprogramm heul' ich sofort. Denn ich bin wie der alte Mann aus dem 'Kleinen Lord', nur ohne kleinen Lord.“ Eine schöne und hervorragend zitierbare Stelle. Insgesamt scheinst Du aber etwas weniger auf Claims, auf Wortspiele zu achten als auf den letzten Platten. Kann man das so sagen? Ich hab's nicht bewusst gemacht. Aber es ist schon so dass ich versuche, das Einschleichen von Mustern zu vermeiden. Nach der zweiten Platte passierte das: Songs wie „Kennedy“ oder „Lawinenhund“ hatten viele Wort- und Sprachspielereien und Doppelbödigkeiten. Da dachte ich mir dann: Das soll sich nicht zu sehr ausbreiten, sonst läuft es Gefahr, zu einem Mechanismus zu werden. Dann denken die Leute, dass es in meiner Musik nur darum geht. Deshalb war mir aber eigentlich schon auf der letzten Platte wichtig, etwas direkter über Wort und Sinn zu Sprache direkt zu gehen. Da war der Claim natürlich auch schon der Titel.

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