Afrika, Afrika – jenseits von Trommeln und Tänzern

André Heller, der Mann, der dem Zirkus den Staub aus der Kleidung klopft, bricht auf, um neue Rekorde zu brechen: Seine neue Show "Afrika, Afrika", die heute Abend in Frankfurt am Main Premiere feiert, hat bereits jetzt 35.
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André Heller, der Mann, der dem Zirkus den Staub aus der Kleidung klopft, bricht auf, um neue Rekorde zu brechen: Seine neue Show "Afrika, Afrika", die heute Abend in Frankfurt am Main Premiere feiert, hat bereits jetzt 35.000 Karten für das eigens konstruierte 2000-Menschen-Zelt verkauft und lässt mehr als 100 Tänzer, Springer, Jongleure, "Gummimenschen" und Musiker auftreten. Nie war Afrika mehr Show.

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Illustration: Julia Schubert

(Jay Rutledge mit Danfo Drivers & Desmond in Lagos) Wir haben mit Jay Rutledge vom Münchner Label Outhere Records, das sich darum bemüht junge urbane Musik vor allem aus Afrika nach Europa zu bringen, über Klischees und die Jugendkultur Afrikas gesprochen - und darüber, dass Exotik vielleicht gar nicht so schlecht ist. Schon vor der Premiere steht die Show von André Heller in der Kritik: befürchtet wird, dass zwischen Trommeln, Baströckchen und bunten Teppichen kein Platz für das wahre Afrika bleibt. Interessiert man sich in Europa nur für Afrika-Kitsch, nicht aber für die tatsächliche Kultur? Es ist mehr eine Sache des Blicks. 2 Face, der derzeit bekanntest Musiker Nigerias, der aber auch in Ghana, Tanzania oder Südafrika gefeiert wird, kennt hierzulande niemand. Und so geht es den meisten der jungen afrikanischen Musiker. Warum? Er macht nicht das, was sich die Leute von Afrika erwarten, sondern spielt ein Mix aus R’n’B und HipHop und rappt in gebrochenem Englisch. Europa denkt aber immer noch regional. Nigeria steht für Afrobeat mit Femi Kuti, der Senegal für Mbalax à la Youssou Ndour. Während Afrika von Europa träumt, sucht Europa in Afrika das Traditionelle. Shows wie "Afrika, Afrika" mit exotischen Artisten und bunten Teppichen sind sicher super, aber Afrika wird wie immer mit Kreativität, Virtuosität, Tradition und glänzenden schwarzen Muskeln gleichgesetzt. Wo ist die Moderne, in der die Menschen heute leben, die große Teile Afrikas ja längst erreicht haben? Wo sind die urbanen Kulturformen und Musiken wie Kwaito? Interessiert sich denn jemand für das Afrika jenseits der Klischees? Langsam findet schon ein Umdenken statt. Leute realisieren, dass dieser Harmonie-Gedanke der Weltmusik irgendwie doch ein bisschen eindimensional ist. Immer Afrika helfen und dazu trommeln und tanzen, nervt auch irgendwann. Mein Ansatz ist: das repräsentieren, was wirklich vor Ort passiert. Gibt es denn dann genügend Interessenten für diese Musik? Ich denke schon, nur sind die aktuellen urbanen Musikformen Afrikas bislang kaum bekannt. Gerade die Afroamerikaner weltweit mit ihrer Sehnsucht nach dem Mutterland Afrika sind ein großer Markt, denn Musiken wie HipHop oder Reggae sind voll mit Bezügen nach Afrika. Oft wissen aber auch viele afroamerikanische Musiker nur wenig von Afrika und beziehen sich auf die übliche zehn Namen, die weltweit bekannt sind wie eben Youssou Ndour oder Miriam Makeba. Alle feiern ihre romantischen Vorstellungen ab, niemand geht den Weg der Ernüchterung in die Realität, um daraus dann eine sinnvolle Idee zu entwickeln. Wieso Ernüchterung? Ein 25-jähriger Jugendlicher will nicht, dass die Welt denkt, er würde den ganzen Tag trommeln oder nur traditionelle Musik hören. Er will zeigen, dass er sehr wohl connected mit dem Rest der Welt ist, die neuesten Automodelle und auch Beats aus Jamaica kennt. Damit muss man sich auseinandersetzen. Der Europäer sieht die Trommel und seine Augen leuchten. Natürlich kommt eine gewisse Exotik den Europäern entgegen und dieses „für Exotik gemocht werden“ hat zwei Seiten. Mbalax, die senegalesische Popmusik und ein Tanzstil, hat vom Rhythmus her sehr viel Ähnlichkeit mit den Sachen, die Leute wie Timbaland heute machen. Die Leute in Dakar tanzen Mbalax auf solche Nummern aus den USA. Warum nicht mal den Ball zurückspielen und sagen: die Wurzeln dieser Rhythmen liegen hier, und wir machen da jetzt eine gute zeitgemäße Produktion. Das macht in Dakar aber keiner, weil es Berührungsangst gibt mit traditionellen Rhythmen, denn darauf tanzen die Eltern bei den Hochzeiten. Musiker, die viel in Europa getourt sind, sind da freier und könnten Impulse liefern. Afrika könnte dadurch einen Einfluss auf HipHop haben, mit viel Credibility. Klingt ein bisschen, als würde Europa den Afrikanern ihre eigene Tradition aufdrücken. Es geht mehr darum, die eigenen Fähigkeiten zu nutzen und daraus etwas Zeitgemäßes zu machen. Wenn die Musiker in Afrika immer nur den internationalen Trends hinterherlaufen, kommen sie nie an den Punkt, sich von dieser Vorgabe zu befreien und etwas wirklich Eigenes zu entwickeln, mit dem man einen Beitrag zur globalen Musikszene leistet. Das Ergebnis wäre ein Mix; ein urbanes Afrika, das mit den seltsamen Vorstellungen von irgendeiner ursprünglichen Tradition nicht mehr viel zu tun hat. . Jay Rutledge wurde in den USA geboren, ist in Bayern aufgewachsen und lebt in München. Er hat die CDs "Afrika Raps" und "Mzansi Music - Young Urban South Africa" kompiliert und arbeitet als Journalist, unter anderem für den Bayrischen Rundfunk. Am 30. Januar erscheint auf Outhere Records die Reggae-Compilation "African Rebel Music - Roots Reggae and Dancehall".

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