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Sie sind ein sogenannter Malediktologe und beschäftigen sich wissenschaftlich mit Schimpfen und Fluchen. Was ist daran so faszinierend?
Professor Roland Ris: Im Gegensatz zur Alltagssprache ist das ein Bereich, der sehr offen und kaum normiert ist – das macht es spannend. Alles, was nicht zum guten Ton gehört, ist Wildwuchs, bei dem sich die Kreativität entfalten kann. Es ist das unbedarfte Spiel mit der Sprache, das den Reiz ausmacht.  

Als Beschimpfter sieht man das aber häufig anders.
Fluchen und Schimpfen muss aber nicht immer aggressiv, sondern kann auch sehr lustig sein. Nehmen Sie nur mal ein Beispiel aus Persien, wo man flucht: „Ich furze in deines Vaters Bart!“ Das ist doch toll!  

Gibt es bestimmte Charakteristika beim Schimpfen und Fluchen in der deutschen Sprache?
Zuerst einmal muss man zwischen Schimpfen und Fluchen unterscheiden. Schimpfworte sind meistens personenbezogen und werden als Beschimpfung an einen bestimmten Adressaten gerichtet. Flüche hingegen sind eigentlich Verfluchungen, bei denen man jemandem etwas Böses wünscht. Bestimmte Merkmale gibt es im Deutschen jedoch nicht, zumal die Sprache nicht einheitlich ist. Die Schimpfkultur in Bayern ist ganz anders als in Norddeutschland.  

Inwiefern?
Die katholischen Gegenden in Süddeutschland sind sehr viel offener als der eher konservative und protestantisch geprägte Norden. Dort nimmt man sich stärker zurück. Das hängt aber auch mit der ausgeprägten Festkultur in Bayern zusammen, weil man im angetrunkenen Zustand eher mal jemanden beschimpft.  

Über das Fluchen in Deutschland haben Sie mal gesagt: „Wenn wir Tabus brechen wollen, bleiben uns nur noch Fäkalsprache oder Sex.“ Taugt ein „Scheiße“ heute denn tatsächlich noch zum Schockieren?
Nein. Mittlerweile ist das so allgemein geworden, dass es seinen semantischen Gehalt vollkommen verloren hat. Tabus bricht man heute nur noch, wenn es gegen die political correctness geht: Ethnische Beschimpfungen, Homosexualität, Behinderung. Je größer das Tabu, desto höher allerdings auch der Drang, entsprechende Begrifflichkeiten zu verwenden. Denn der Tabubruch verstärkt die Wirkung einer Beschimpfung immens.

Welches ist denn die wichtigste Erkenntnis, die Sie im Laufe Ihrer Beschäftigung mit der Kultur des Fluchens gewonnen haben?
Das Fluchen ist ein Spiegel der Verwerfungen, Unsicherheiten und Hilflosigkeit innerhalb einer Gesellschaft. Jemand der einen anderen verbal zur Schnecke macht, nimmt sich zudem selbst die Chance auf Versöhnung – und das ist schlimm. Die gesellschaftliche Zunahme von Flüchen und Beschimpfungen ist daher stets eine bedenklich stimmende Tendenz.  

Es gibt also durchaus gesellschaftliche Umstände, die zu einer sprunghaften Entwicklung neuer Schimpfworte führen – beispielsweise eine Rezession, in der viele Leute unzufrieden sind?
Anhand des vielfältigen Gebrauchs von Schimpfwörtern in der Jugendkultur kann man eine allgemeine Verunsicherung bei jungen Menschen festmachen. Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und die Resignation der sogenannten Null-Bock-Generation spiegelt sich durchaus auch in einer verbalen Abwertung vieler Dinge wider: Scheiß-Job, Scheiß-Leben, Scheiß-Welt.  

Das führt aber nicht zu neuen Schimpfworten, sondern lediglich dazu, dass mehr geschimpft wird.
Ja, genau. Nehmen Sie nur mal das Beispiel Berlin mit einer hohen Arbeitslosenquote und vielen Sozialfällen.  

Berlin scheint auch die Wiege solcher Schimpfworte wie „Hurensohn“ und „Opfer“ zu sein. Stimmt das?
Wissenschaftlich genaue Aussagen lassen sich kaum treffen. Beschimpfung wie „Hurensohn“ gab es früher jedoch nicht – die Mutter war tabu. Vor Jahren noch hat man jemanden lediglich aufgrund seiner Eigenschaften beschimpft, nicht auf mögliche Eigenschaften anderer Familienmitglieder. „Opfer“ ist in meinen Augen hingegen ein Ausdruck der Ablehnung der offiziellen Sozialstaatsideologie, die in der Jugendsprache häufig unterlaufen wird.  

Was halten Sie denn von Vulgarität beim Fluchen?
Das kommt immer auf den Kontext an. Ein formelles Gespräch verlangt natürlich eine andere Stilebene als ein Kneipenplausch. Wichtig ist vor allem, dass man in der Lage ist, sich situationsadäquat auszudrücken. Vulgarität ist jedoch immer eine gefährliche Angelegenheit. Dessen muss man sich bewusst sein.  

Fluchen Sie selbst denn häufiger als der Durchschnittsbürger?
Nein, ich fluche sogar relativ wenig, weil ich mich selten aufrege. Ich nehme die Welt, wie sie ist und bin mittlerweile in einem Alter, in dem man ruhiger wird. Junge Menschen leiden mehr unter den Einflüssen der Umwelt und bringen das auch stärker verbal zum Ausdruck.  

Flüche und Kraftausdrücke dürften im Berufsalltag von Lehrern und Erziehern ein großes Ärgernis darstellen. Sie sind von Berufs wegen ein Fürsprecher des Fluchens. Gehen Elterninitiativen und dergleichen da nicht auf die Barrikaden? Natürlich haben Erzieher Flüche nicht gerne, zumal diese oftmals gegen sie gerichtet sind. Schüler ärgern sich nun mal über ihre Lehrer – das ist vollkommen normal. Das lässt sich aber auch nicht durch ein Fluchverbot verhindern, wie es in einigen Schulen in Amerika der Fall ist. Wichtig ist, dass man seinen Schülern einen respektvollen Umgang miteinander vermittelt – dadurch ergibt sich der Rest von ganz allein.  

In einer Elternzeitschrift gab es einen Artikel über das Fluchen. Darin wurde der Tipp gegeben, man solle mit seinen Kindern familieneigene Schimpf- und Fluchwörter erfinden. Was halten Sie davon?
Das ist ein alter Vorschlag von mir, der das kreative Fluchen fördern soll. Dabei geht es darum, sich inhaltsleere Flüche auszudenken und zu benutzen.  

Dass man seinem Vater also kein „Arschloch“ entgegenschmettert, sondern… …irgendeinen Ausdruck, der nicht negativ belegt ist. In meinem Wohnort Bern konnte man Leuten beispielsweise ein „Du Tram!“ entgegenschmettern. Dabei geht es vor allem darum, seinem Ärger zwar lautstark Luft zu machen, ohne jemanden dabei zu beleidigen oder persönlich zu verletzen.  

Beim Fluchen oder Schimpfen geht es aber oftmals darum, seinem Ärger auch inhaltlich Luft zu machen.
Natürlich. Das lässt sich auch nur schwer steuern, weil es eben spontan entsteht. Aber wenn in Familien ausgefallene und humorvolle Wörter gebraucht werden, entsteht aus dem Ärger auch schnell mal ein Lächeln. Und wenn das Schimpfen und Fluchen auf diese Weise zur Entlastung beiträgt, ist am Ende allen Beteiligten geholfen.  

Ich war zu Grundschulzeiten ein großer Fan von Filmen mit Bud Spencer und Terrence Hill, habe mir immer sämtliche Schimpfwörter aus den Filmen herausgeschrieben und diese dann auf dem Schulhof zum Besten gegeben. Bei meinen Lehrern kam das allerdings nicht so gut an – einmal wurde meine Mutter deswegen sogar in die Schule zitiert. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Sehr positiv. Ich liebe diese Filme auch, denn die dort benutzten Schimpfworte haben nichts Destruktives. Die beiden Helden sind nie aggressiv oder wütend. Das ist ein Spiel, bei dem viel gelacht wird. Über dem Austausch von Beschimpfungen liegt stets der Schleier der Menschlichkeit. Daher finde ich, dass diese Filme für Jugendliche sehr gut geeignet sind, weil man dort aufgezeigt bekommt, wie man mit Aggressionen umgehen und Probleme auf eine lustige Art und Weise verbal lösen kann.  

Sie haben mal gesagt, Fluchen sei das kreativste Element in der Sprache. Wieso gibt man sich beim Fluchen offensichtlich mehr Mühe als beispielsweise in der Liebe? Das wäre doch viel lohnenswerter.
Ja, bestimmt. Ich habe aber auch eine Sammlung von tollen Kosewörtern, aber dafür interessiert sich niemand. Die Leute wollen das Grobe. Und offenbar ist das Fluchen ein Thema, das niemanden kalt lässt.  

Es gibt durchaus Flüche, die Sie als Poesie bezeichnen. Können Sie dafür mal ein Beispiel nennen?
Ich mag Flüche, die etwas Reines haben wie „Sternenlaterne“.  

Sie würden in aufgebrachtem Zustand aber doch niemandem ein „Du Sternenlaterne!“ an den Kopf werfen.
Das ist natürlich ein humoristischer Ausdruck, den man sicherlich nicht verwendet, wenn einem ein Bleiklotz auf den Fuß fällt. Aber wenn durch das Spielen mit dem Wortmaterial solche lustigen Begriffe entstehen, dann gefällt mir das. Reime, Alliterationen – das mag ich sehr. 

 Haben Sie ein Lieblingsschimpfwort?
Eines meiner Lieblingsschimpfworte ist „Du verbrannte Bassgeige!“ Man kann sich zwar nichts darunter vorstellen, aber irgendwie ist es lustig.