"Alle sind dauernd überrascht, dass ich eine Iranerin bin"

Wie ergeht es einer jungen Iranerin in Deutschland, wie beurteilt sie die Situation in ihrer Heimat und den Konflikt zwischen dem Iran und dem Westen? Aida ist 24, Studentin der Elektro- und Informationstechnik und lebt seit dem vergangenen Wintersemester in Stuttgart. Sie kam also kurz nach dem Amtsantritt von Präsident Ahmadinedschad nach Deutschland - vor drei Wochen hat sie das letzte Mal Teheran besucht.
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Illustration: Julia Schubert

Wie fühlst du dich als Iranerin in Deutschland? Natürlich bin ich hier erstmal fremd. Das heißt: Ich bewege mich hier nicht so selbstsicher und unbekümmert, wie ich das in meiner Heimat, dem Iran, mache. Das soll natürlich nicht heißen, dass ich im Iran sorglos in den Tag hinein lebe. Aber hier muss ich einfach dauernd drüber nachdenken und selber entscheiden, was ich mache und ob das für die Leute hier ok ist. Das ist eigentlich komisch. Denn hier in Deutschland ist es für die Leute viel einfacher, sie selbst zu sein. Im Iran hat man immer zwei Persönlichkeiten: eine innerhalb und eine außerhalb des Hauses. Innerhalb des Hauses gibt es Parties mit Alkohol und westlicher Musik – außerhalb des Hauses gelten strenge Regeln. Hier in Deutschland ist diese Grenze aufgehoben. Ich finde das gut, aber gleichzeitig ist es noch immer sehr ungewohnt für mich. Wie wird dir begegnet? Die Leute hier begegnen mir nicht so offen, wie sie zum Beispiel anderen Europäern oder Amerikanern begegnen. Manchmal sinkt das Interesse, sich überhaupt mit mir weiter zu unterhalten, wenn die Leute hören, dass ich aus dem Iran komme. Und: Alle sind dauernd überrascht, dass ich eine Iranerin bin. Um das zu überspielen, sagen sie: „Oh, das Land ist aber weit weg, hmmmm.“ Oft höre ich auch: „Du schaust aber gar nicht asiatisch aus.“ Möglicherweise denken sie im ersten Moment, wenn sie mich treffen: Vielleicht ist sie ja eine Terroristin…. Wie hat sich dein Leben, dein Alltag verändert, seit du hier bist? Mittlerweile verstehe ich die Alltagskultur hier besser. Am Anfang dachte ich, die Leute sind nur zu mir so kalt und abweisend. Aber inzwischen weiß ich, die Leute verhalten sich auch untereinander gleichgültig. Einmal saß ich in der U-Bahn und habe erlebt woe ein schrecklicher Mann die Mutter eines kleinen Kindes zusammengeschimpft hat, weil ihr Kind am Türgriff des U-Bahnwagens rumgespielt hat. Die Mutter solle das Kind da wegnehmen, das Kind brächte uns alle in Gefahr. In Wahrheit konnte gar nichts passieren. Alle saßen stumm dabei, im Iran hätte längst einer der Fahrgäste eingegriffen. Hier ist es normal, dass niemand etwas sagt. Das weiß ich jetzt. Was genießt du hier am meisten? Na ja, im Iran lebe ich bei meinen Eltern. Hier bin ich natürlich unabhängiger. Ich habe hier mehr Möglichkeiten, muss aber auch mehr entscheiden, was ich mit meinem Leben so anfange. Ich kann zum Beispiel einfach spontan beschließen, einen Ausflug zu machen. Oder ich kann hier auch alleine wegfahren. Das geht im Iran nicht. Da können die Frauen nicht so einfach wegfahren. Allein kriegst Du gar kein Hotel. Da muss man eine schriftliche Erlaubnis des Ehemannes oder des Vaters dabei haben. Hier bin ich einmal mit dem Goethe-Institut für zwei Tage nach Nürnberg gefahren oder mit Freunden zum Skifahren nach Österreich. Das ist hier alles viel einfacher. Was vermisst du hier am meisten? Das klingt jetzt vielleicht komisch: Ich tue mich schwer, mich dauernd zu offenbaren und darüber nachzudenken, wer ich eigentlich bin und wie ich mich gebe. Da tue ich mich im Iran leichter. Denn man hat natürlich auch in der Öffentlichkeit Rechte und ich weiß, wann ich sie einfordern kann. Wenn beispielsweise im Iran ein Verkäufer im Supermarkt unhöflich ist, dann kann ich ihm ganz direkt sagen, dass mir das nicht passt. Hier halte ich dann meine Gefühle meistens zurück und sage gar nichts. Hat sich dein Leben verändert, seit Ahmadinedschad Präsident ist? Mein Leben in Deutschland hat sich natürlich nicht wirklich verändert. Aber wenn ich im Iran bin, dann merkt man die Unterschiede ganz deutlich. Frauen müssen die Kleidungsregeln in der Öffentlichkeit jetzt wieder viel strenger einhalten. Wer einen zu kurzen Mantel trägt, der kann gleich auf offener Straße verhaftet werden. Und auch als ich vor ein paar Wochen wieder an meiner Heimat-Uni vorbeigeschaut habe, habe ich gemerkt, dass am Eingang viel strenger kontrolliert wird als früher. Der neueste Clou: Angebliche iranische Kriegshelden bekommen ihr Grab auf dem Uni-Gelände. Dadurch haben Sicherheitskräfte dauernd einen Grund, in die Uni zu kommen, was ansonsten nicht so einfach wäre. Wie gehen die jungen Menschen im Iran mit der Situation um? Ich habe den Eindruck, dass im Moment die Motivation fehlt, aktiv zu werden und sich für die Zukunft des Landes einzusetzen. Klar: Es gibt schon noch Aktivisten unter den Studenten, die sich gegen die Regierung wenden. Aber viele, die früher protestiert haben, wollen jetzt das Land verlassen und irgendwo anders ein neues Leben anfangen. Als ich neulich ein paar alte Kommilitonen getroffen habe, sagte die Hälfte meines Semesters, sie wollen den Iran dauerhaft verlassen. Vor einem halben Jahr, als ich nach Deutschland gekommen bin, waren es vielleicht 20 Prozent. Der Brief des Iranischen Präsidenten Ahmadinedschad an George Bush war die erste Kontaktaufnahme seit 27 Jahren. Was denkst du darüber? Mein Wunsch war immer, dass der Iran ein unabhängiges Land ist, wo die Bewohner in Freiheit leben können. Vielleicht ist das ja eine zu idealistische Vorstellung, denn dieses Land hat schon seit über 600 Jahren keine wirkliche Unabhängigkeit mehr erlebt. Im letzten Jahrhundert haben die Iraner in zwei Revolutionen versucht, frei und unabhängig zu werden, aber keine war erfolgreich. Andererseits glaube ich aber nicht, dass uns niemand von außen helfen kann. Ich denke über Politik so: Man sollte nicht zu schnell eine Entscheidung treffen, denn meistens ist sie dann falsch. Wie beurteilst du den Konflikt zwischen Iran und dem Westen? Ehrlich gesagt, eins verstehe ich nicht ganz: Obwohl der „Westen“ moralisch als so fortschrittlich gilt, baut er Barrieren auf und hindert „Dritte-Welt-Länder“ daran, sich zu entwickeln, anstatt ihnen zu helfen. Ich halte die USA für genau so gefährlich wie jedes andere Land, das Atomwaffen besitzt. Vielleicht ist Amerika sogar noch gefährlicher, schließlich haben sie ihre Atomwaffen schon mal eingesetzt, und beim zweiten Mal geht so was immer leichter. Warum stoppt der „Westen“ ein Land, das sagt, wir wollen nur die Technologie, um den Energiebedarf für unsere 70 Millionen Einwohner zu decken? Was denken junge Menschen in dem Land, in dem du gerade lebst über US-Präsident Bush? Soweit ich weiß, unterstützen ihn die meisten Deutschen nicht, besonders nicht die jungen Leute. Aber so genau weiß ich das nicht. Denn für mich ist es nicht so einfach, junge Deutsche nach George W. Bush zu fragen. Da halte ich mich eher zurück.

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