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Dein Roman ist ein Kosmos aus Zitaten. Die Figuren suchen Trost bei Niklas Luhmann, imitieren René-Pollesch-Theater. Sie hören Tomte, Adam Green, Tocotronic und wünschen sich „ein Leben, wie ein Kettcar-Lied". Ist das Popliteratur? Vielleicht sind unsere Tage wie Popliteratur. Das alte Thema: Imitiert Kunst das Leben, oder das Leben die Kunst? Eigentlich weiß ich nicht, was genau Popliteratur sein soll. Andererseits war ich beim Schreiben die ganze Zeit überzeugt, dass "Letzte Tage, jetzt" das absolute Gegenteil von Popliteratur wird. Der Text hat zwar eine pop-typische Oberfläche, aber darunter gibt Chaos. Jetzt ist der Roman draußen und der großartige Indie-DJ Christian Vorbau geht mit mir auf Tour und alle sagen: „Hey, das muss ja Popliteratur sein“ Und? Der Roman ist eher was Kleines, Stilles und Leises. Man kann der Popliteratur vieles unterstellen, aber dass sie klein, still und leise ist, oder war, wohl eher nicht. Warum hast Du die Geschichte aus der Sicht der Frau geschrieben? Ab 2001 haben alle auf weibliche Autoren geschaut, die aus der Sicht von Frauen über Liebe schrieben: Judith Hermann, Franziska Gerstenberg, Silke Scheuermann oder aktuell Susanne Heinrich. Ich habe diese Literatur gelesen, und wollte dann, im zweiten Schritt, zeigen, wie ein Mann diese weibliche Literatur versteht. Daher das Experiment, die Sicht und Stimme der Frau geschrieben von einem männlichen Autor: Die Sprache wurde dann beim Schreiben immer ornamentaler, derart stark, dass sie zu einem jungen Mann ohnehin nicht mehr gepasst hätte. Ist „Letzte Tage, jetzt" also ein Mädchenbuch? Ich weiß es nicht. Eigentlich ist es vor allem ein experimenteller Roman, eine Suche über neue Sprache, neue Sätze, neue Bilder. Ich beschreibe das Ende einer Beziehung, damit der Zugang zu diesem Neuen leichter fällt. Aber auch weil ich glaube, dass am Ende einer Beziehung das entsteht, was Günther Grass einmal so catchy „Vergegenkunft" genannt hat: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden eins in dem Moment. Man erinnert sich an den Menschen, wie die Beziehung war, man wird unsicher und fragt sich: Was passiert jetzt, später? Die Zeit steht scheinbar still. Gleichzeitig sind alle Zeiten da. Chaos. Man denkt ja auch so. Nicht linear, entlang eines Fades. Und das ist etwas, worauf ich ein bisschen stolz bin: dass mein Buch etwas Experimentelles ist. Bym, Petra und Glamour schreiben über den Roman, Eichborn hat das Cover frech rosa gestaltet hat, mit einer roten Erdbeere drauf. Das Experimentelle merken viele Leser gar nicht mehr, das wird versteckt, als Mädchenbuch getarnt. Ich habe schon E-Mails von jungen Damen erhalten, die geschrieben haben, dass sie das Buch schön fanden, dass es so kuschelig war. Es ist gar nicht kuschelig. Da ist totales Chaos, "grünes Winkelkanu, ich dreh dir den Hals rum", und so weiter...

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Die Figuren in Deinem Buch haben Probleme, wie sie wohl nur Studenten kennen. „Ich war unsicher, ob alles funktioniert, studieren allgemein und Hausarbeiten schreiben ganz besonders und dabei leben und lieben und erwachsen werden", lässt Du die Ich-Erzählerin an einer Stelle sagen. Was ist so besonders an diesem Studenten-Lebensgefühl? Ich fände es augenblicklich nicht reizvoll, das Leben eines Angestellten zu beschreiben, ein Leben, das möglicherweise in Bahnen verläuft. Studium bedeutet Chaos. Es hat auch etwas Romantisches, klar. Ich konnte heute bis 10 Uhr schlafen, faszinierend, diese Zeit. Man hat die Möglichkeit da zu liegen – jeden Tag – und man hat die Chance, etwas Tieferes zu erfahren, durch liegen, was wieder Zen ist, das Innere, Tiefe. Außerdem bin ich durch das Studieren immer unsicherer geworden, wegen der vielen Möglichkeiten. Da ist dieses Kreisen, das ich in "Letzte Tage, jetzt" einfangen und in Linien bringen wollte. Dieses Studium mit Ausschlafen und tieferen Erfahrungen gibt es heute kaum noch. Bachelor-Studenten hetzen doch von Prüfung zu Prüfung und statt Urlaub machen sie Praktika. Versäumen die was? Ich als Magisterstudent behaupte: da wird einem das Gefühl geklaut. Was ist das denn: Leute werde mit 22 fertig und dann ganz flott Werbetexter. Oder frustriert. Ich habe mit 25 angefangen, zu studieren und fühlte mich da auch erst reif. Ich kann mich nun den ganzen Tag mit nichts anderem als Literatur beschäftigen. Ich habe die Möglichkeit, ein Buch zu schreiben. Welche Chance. Manchmal kümmere ich mich nur darum, dass ich die Miete am Ende des Monats bezahlen kann – auch eine Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte. Da sind keine Gedanken, ob ich irgendwann einmal Studiengebühren zahlen muss. Das würde die Sache nur zerstören. Ich kann alles ausprobieren und weiß immer noch nicht, was ich später einmal werden will. Das ist egal und Luxus und Schönheit, die Schönheit der Chance eben. Du erzählst auch von der Angst vor dem Erwachsenwerden. An einer Stelle heißt es: „Das Literaturstudium hatte ihm liebenswerte Worte, Formulierungen geschenkt. Aber auch Ambitionen, leider." Ist es gar nicht mehr attraktiv, erwachsen zu sein? „Ambitions make you look pretty ugly" – ein Zitat von Radiohead. Das ist ja auch der Grund, weshalb die beiden Helden in dem Buch auseinander gehen. Der Junge – Nebil – denkt, er müsste erwachsen werden und seine Karriere starten, das nervt seine Freundin, das ist Anti-Leben, Null-Romantik, das ist wertlos. Ich glaube, dass das Erwachsen-Sein gar keine Rolle mehr spielt. Ich habe einen Sohn. Und ich krieg das hin. Windeln-Wechseln lernt man in zehn Sekunden. Es ist relativ einfach, Geld zu verdienen. Es ist auch relativ einfach, einen Haushalt zu führen. Es ist einfach, nett zu anderen Menschen zu sein und sich zivilisiert zu verhalten. Es ist ja jetzt das große Thema, dass wir angeblich alle nicht mehr erwachsen werden, dennoch ist es leicht, diesen erwachsenen Kram auf die Reihe zu bekommen, meine Figuren im Buch schaffen das bloß nicht. Letzte Tage, Jetzt ist im Eichborn Verlag erschienen. Zur Zeit ist Jan Drees zusammen mit dem DJ Christian Vorbau auf großer deutschlandweiter Clubtour. Ihren Auftritt am 24.März im Münchner Feierwerk präsentiert jetzt.de. Bilder: letztetagejetzt.de