Alles weg

Nach der Trennung von seiner Freundin sperrt Petri Luukkainen all seine Sachen weg. Ein Jahr lang holt er jeden Tag nur einen Gegenstand zurück und filmt das Ganze. Seine Doku "My stuff" läuft jetzt im Kino.
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jetzt.de: Petri, wie kommt man nur auf die Idee, all seine Sachen wegzusperren?
Petri Luukkainen: Meine Freundin hatte mich gerade verlassen, ich ging einkaufen, damit es mir besser geht, aber wirklich besser wurde es nicht. Im Gegenteil. Also habe ich beschlossen: Weg mit dem Kram! Nur wusste ich nicht so recht, was ich davon behalten soll und was nicht. Ich habe überlegt, womit ich auskommen könnte und was überflüssig ist. So kam mir die Idee zum Film. Am Anfang wussten nur meine besten Freunde von dem Projekt. In der Arbeit haben die Kollegen meine Veränderung kaum bemerkt. Erst als ich es ihnen später erzählt habe, ist ihnen aufgefallen, wie merkwürdig ich damals war. Ich habe mich beispielsweise nicht rasiert, weil ich keinen Rasierer hatte oder trug immer dieselben Klamotten.

Warum hast du gleich so einen radikalen Schnitt gemacht?
Ich dachte mir, wenn ich schon was mache, dann richtig. Ein Jahr erschien mir ein guter Zeitraum, in einem Jahr kann viel passieren. Wesentlich schwieriger war es zu entscheiden, was ich zurücklasse und wieder mitnehme. Herauszufinden, was ich wirklich brauche. Die Basics. Aber was sind die Basics? Ich fand, das war eine interessante Frage, komplett von Null anfangen. Ich war überrascht, wie wenig das war: Klamotten, Schuhe, Zahnbürste, alles, was ich wirklich jeden Tag brauche.

Petri Luukkainen, 30, aus Helsinki arbeitet als Werbefilmer.

Waren da auch Leute, die deine Idee abgelehnt haben?
Abgelehnt nicht, manche fragten, ob das nicht total langweilig sei, was ich da mache. Mir ist aufgefallen, dass ich ohne meinen Besitz ziemlich abhängig von anderen war. Ohne die Hilfe anderer hätte ich das gar nicht schaffen können.

Denkst du, man wird abhängiger von anderen Menschen, je weniger man selbst besitzt?
Ich denke, jeder sehnt sich mehr nach menschlichen Beziehungen als nach Besitz. Aber je weniger du hast, desto freier bist du auch. Ich habe viel über die stoische Philosophie gelesen, insbesondere von Marcus Aurelius. Ich kann mich damit identifizieren. Nehmen wir ein klassisches Wohnzimmer: Darin steht ein Tisch, ein Sofa, Lampen, Fernseher. Was davon ist wirklich nötig, um sich wohlzufühlen?

Dein Projekt erinnert ein bisschen an „Fight Club“. Darin heißt es auch: „Erst wenn du am Nullpunkt bist, hast du wieder die absolute Freiheit. Alles was du hast, hat irgendwann dich. Erst wenn du alles verloren hast, hast du die Freiheit, alles zu tun, was du willst”.
Ich hatte diesen Film auch im Hinterkopf. Als ich 15 war, war das mein Lieblingsfilm. Ich habe ihn sehr oft gesehen, und er hat mich in meinem Denken sehr beeinflusst. Ich lese viel über die stoische Philosophie, die auch “Fight Club” inspiriert hat. Ich denke, dass ich mich eher daran orientiert habe.

Im Film ist es manchmal wirklich hart, dir bei deinem Projekt zuzuschauen, etwa in der Szene, als du nackt auf dem kalten Boden liegst und versuchst zu schlafen.
Das war echt schmerzhaft. Zufällig war es in der Nacht sehr kalt, und ich musste überlegen, ob ich mich direkt neben die Heizung lege und schwitze oder ob ich mich etwas weiter weg lege und nichts von der Wärme spüre. Eigentlich habe ich aber eine sehr romantische Erinnerung an diese Nacht. Es war wie ein kleines Abenteuer.

Dokus über Konsum und Materialismus gibt es viele. Was hast du anders gemacht?
Ich zeige nicht nur den Verzicht auf Dinge, sondern auch den Prozess der Aneignung von Dingen. Ich stelle den ganzen Kram ja erst mal in ein Lager und nehme mir jeden Tag etwas davon. Jedes Mal musste ich mich neu entscheiden: Was brauche ich heute, was hat mir gestern gefehlt, auf was kann ich noch ein wenig warten? Es steckt auch eine kleine Love Story im Film. Ich lerne meine jetzige Freundin kennen, ich verliebe mich, das Publikum hat daran teil. Es ist ein Protokoll meines Lebens. Ich zeige sehr oft meine Oma oder meine Freunde, Familie. Nach dem Experiment hat es sich so angefühlt, als hätte ich ein Tagebuch geschrieben.

Ein sehr öffentliches Tagebuch.
Erst im Kino habe ich realisiert: Oh Gott, alle schauen mir zu! Daran hatte ich bis dahin nie so richtig gedacht. Ich habe mich auch geschämt. Ich meine, man hat sehr viel meiner Privatsphäre gesehen. Man sieht mich in meiner schlimmsten Verfassung, diesen einsamen, jungen Mann mit all diesen vielen Sachen, und er kann sich einfach nicht entscheiden, was er davon jetzt braucht und was nicht.

Nach dem ersten Tag wusste Petri genau, was er sich aus dem Lager holen wird: Einen Mantel

Dein Film erscheint in einer Zeit der wirtschaftlichen Krisen und Angst vor Arbeitslosigkeit, insbesondere bei den Jüngeren. Ist dein Film eine Botschaft an jene, die wenig haben?
Ich finde, mein Film hat eine ähnliche Botschaft wie „Fight Club“: „Bist du dein Zeug“? Wir versuchen, uns mit dem Kauf von Dingen zu individualisieren, rauszustechen. Es wird immer mehr gekauft. Auch Arme können kaufen, es ist ja alles billig geworden und wenn man das Geld doch nicht hat, holt man sich eine Kreditkarte, verschuldet sich und um die Schulden abzubezahlen, geht man arbeiten. Und im Hinterkopf hat man schon das nächste Ding, das man sich kaufen will. Ich denke aber, dass das erst mit der jüngeren Generation gekommen ist. Früher haben die Leute etwas gekauft und jahrelang behalten. Heute gibt es ständig neue Versionen von etwas und das kaufen die Leute, ein Update nach dem Anderen.

Du hast mit sehr wenigen Sachen gelebt. Hast du immer noch so wenig Besitz oder bist du wieder in dein altes Muster verfallen?
Ich habe immer noch wenige Sachen in meiner Wohnung. Ich habe mein Leben kaum geändert, seit ich die Doku gedreht habe. Wenn ich irgendwohin reise, nehme ich nicht mehr mit als einen kleinen Koffer. Das wäre früher undenkbar gewesen. Mein Bezug zu Gegenständen hat sich sehr geändert. Früher wollte ich durch sie glücklich werden. Das machen viele Menschen. Versuchen, sich Glück zu erkaufen

Aus Prestigegründen?
Ich glaube, es ist etwas einfacher. Viele bauen eine emotionale Bindung zu ihren Sachen auf. Das macht es dann noch schwererer, auf sie zu verzichten.

Was hast du dir als erstes gekauft, nach dem das Jahr vorüber war?
Ich bin lange nicht in einen Laden gegangen, ich war das gar nicht mehr gewohnt. Jetzt merke ich, dass das Bedürfnis, etwas zu kaufen, langsam wieder zurückkommt. Ich habe mir gerade tatsächlich eine Zahnbürste gekauft!

Text: dilek-ozyildirim - Fotos: Petri Luukkainen