Wer oft Serien in der synchronisierten Fassung schaut, hat Luisa Wietzoreks Stimme bestimmt schon mal gehört: In der vielfach preisgekrönten Comedy-Serie Modern Family spricht sie die Tochter Haley, in Californication Hank Moodys Studentin Jackie, und in Skins ist sie die Stimme von Pandora Moon. Luisa (25) hat aber auch schon sehr viele andere Charaktere synchronisiert. Beim Telefoninterview merkt man vom ersten Moment an, dass sie beruflich spricht: Luisa hat eine sehr präsente Stimme und sagt praktisch nie Äh. Sie klingt trotz der Professionalität allerdings ein bisschen jünger als sie ist. Deshalb wird Luisa öfter auch als deutsche Stimme kleiner Jungs gebucht.

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jetzt.de: Luisa, du wirkst als Synchronsprecherin an den deutschen Fassungen von Serien wie Dexter, Modern Family, Glee oder Californication mit. Für einige Serien-Fans machst du den in ihren Augen überflüssigsten Job überhaupt.
  Luisa: Ach, ich kann es gut nachvollziehen, wenn Leute sagen, sie schauen sich Serien oder Filme manchmal lieber im Original an. Nur solche groben Pauschalurteile finde ich nicht so gut, da hat sich dann jemand nicht mit der Materie befasst.
  
  Schaust du dir denn selbst lieber die Originalfassung an?
  Nö, nicht immer. Bestenfalls habe ich beides zur Auswahl und kann spontan nach Geschmack entscheiden! Einiges bestelle ich mir aber zum Beispiel als UK-Import, weil es das noch gar nicht synchronisiert gibt. Es gibt aber auch Produktionen, da verstehe ich die Originalsprache gar nicht und beim Lesen der Untertitel kann auch schon mal der Sehspaß auf der Strecke bleiben.
 
  Kannst du die Kritik nachvollziehen, Synchronfassungen seien oft lieblos gemacht?
  Nicht jede Serie ist so gut wie die andere und klar ist auch nicht jede Synchro gleich gut. Überall gibt es Qualitätsunterschiede. Um eine richtig gute Serie im Deutschen genauso gut wiederzugeben, da müssen natürlich viele Faktoren stimmen. Je stärker die Originaltonvariante ist, desto härter ist es, dieser gerecht zu werden. Aber es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass es gute, liebevoll arbeitende Teams gibt, die auch schon mal das Original übertreffen können! Und der Synchronsprecher selbst ist dabei immer nur Teil eines großen Orchesters.
  
  Welche Instrumente spielen da alle noch mit außer dir als Synchronsprecherin?
  Als Synchronschauspieler stehe ich mit meiner Stimme zwar im Vordergrund. Aber da gibt es noch den Autor des Dialogbuchs, einen Synchronregisseur, einen Supervisor, einen Verleih, einen Cutter, einen Tonmeister, die Technik und etliches mehr. Und natürlich gibt es das Original.
  
  Wie läuft die Synchronisation ab?
  Gerade bei Serien grundsätzlich häufig unter hohem Zeitdruck. Bei Kinofilmen ist der meist nicht ganz so hoch. Die Synchronisation wird in Takes eingesprochen. Das sind sechs bis zehn Sekunden lange Abschnitte, bestenfalls. Im Studio stehe ich am Pult, ich höre und sehe mir das Original an, ich lese den deutschen Text und dann spiele ich auf das stumme Bild. Dann kommt vom Cutter eine Rückmeldung, ob die Synchronität zum Bild gut war oder etwas verändert werden muss, der Tonmeister sagt, ob ich sauber gesprochen habe und der Regisseur, ob ihm das Spiel gefallen hat.
 
  Wo geht häufig etwas schief?
  Es kann an so vielen Stellen haken! Ich gehe jetzt nur mal vom Sprecher aus. Ich stehe zum Beispiel oft alleine vorm Mikro, ohne meinen Dialogpartner. Man kann dann gar nicht miteinander spielen, sondern muss sich vorstellen, wie das Gegenüber in der Situation reagieren würde. Und darauf hoffen, dass der Regisseur genau darauf achtet, dass wir am Ende zusammenpassen und wirklich „miteinander reden“. Es kommt auch ab und zu mal vor, dass man einfach mal fehlbesetzt ist für eine Rolle. Und ich persönlich mag es beispielsweise nicht, wenn sehr unnatürlich geredet und gespielt wird, sodass dann alles gleich klingt. (spricht mit einem gekünstelten Dauerlächeln in der Stimme) Das liegt aber auch manchmal an der Abmischung des Tons.
  
  Besonders häufig wird auch die Übersetzung kritisiert.
  Ein wichtiges Element des großen Ganzen! Schlimm ist auch hier, wenn jemand ohne Liebe fürs Detail am Werk ist, denn es bildet ja die Grundlage. Wenn zum Beispiel im Dialogbuch „You’re welcome“ mit „Sie sind herzlich willkommen“ übersetzt wird, könnte man schon mal schreien. Manches lässt sich nicht gut übersetzen, Wortwitze etwa. Außerdem muss es nicht nur sinngemäß passen, sondern auch von der Satzlänge, der Rhythmus, die Labiale, also die Laute, bei denen sich der Mund schließt.
  
  Du hast viele Seriencharaktere synchronisiert. Hast du eine Lieblingsrolle?
  Nee, ich freu mich gerade über die Vielfalt der Rollen, die ich spreche. Aber ich hab mich neulich wahnsinnig gefreut, das Probesprechen für die Haley in Modern Family gewonnen zu haben, weil ich die Serie unglaublich toll finde.
  
  Ist Modern Family auch eine Serie, bei der du die Synchronisation besonders gut gelungen findest?
  Ich glaube, bei den Serien, an denen ich mitgearbeitet habe, fehlt mir die nötige Distanz, um das Ergebnis objektiv zu beurteilen. Ich bin sehr selbstkritisch. Ich finde diese Serie genial und bin froh, dass für viele Rollen eine super Besetzung gefunden wurde. Aber gerade weil die englische Vorlage so grandios ist, ist es für alle eine wahnsinnig anspruchsvolle Arbeit. Und alle geben sich viel Mühe, so nah wie möglich am Original zu bleiben, aber so frei wie möglich zu sein, um noch was eigenes zu schaffen! Eine Serie, die ich wahnsinnig gut synchronisiert finde, ist Ally McBeal. Die Serie ist so großartig auf Deutsch, die möchte ich gar nicht im Original anschauen.

  Würdest du also sagen, dass eine Serie oder ein Film durch Synchronisation nicht nur verlieren kann, sondern auch gewinnen?
  Ja, auf jeden Fall! Ich finde es sollte immer das Ziel der Synchronisation sein, dass es eine bereichernde Alternative ist und nur noch eine Geschmacksfrage, was man lieber sieht.
  
  Du hast vorhin schon den Zeitdruck angesprochen, unter dem produziert wird. Wie viel Zeit hast du denn, um dich auf deine Rollen vorzubereiten?
  Bei Kinofilmen habe ich ab und an mal die Möglichkeit, mir das Original vorher anzuschauen. Da gibt es aber auch so geheime Projekte, dass man nicht mal das ganze Bild zum Arbeiten hat. Oft kommt man aber völlig ohne Informationen ins Synchronatelier und es heißt: „Luisa, du bist hier so eine Episodenrolle, am Ende stellt sich raus, du bist die Mörderin, komm wir gucken uns mal zwei oder drei Takes an.“ Und dann geht’s auch schon los.
  
  Wie bist du eigentlich Synchronsprecherin geworden? Kam jemand auf dich zu und hat gesagt: Hey Luisa, deine Stimme hat Potenzial?
  Ich bin schon ein Exot in der Branche. Die meisten machen das von Kindesbeinen an oder kommen von der Schauspielschule. Ich hatte gerade Abi gemacht und wollte gerne Schauspiel machen, wollte mich aber auch über Möglichkeiten wie Hörspiel und Synchron informieren. Da bin ich einfach mal zu einer Synchronfirma gegangen. Zufällig wurden an dem Tag Hintergrundgespräche aufgenommen und netterweise hieß es dann: Probier doch mal aus. Bei einem meiner ersten Termine wurde vergessen, einen kleinen Jungen aufzunehmen. Ich hab dann großmäulig, allerdings mehr aus Spaß, gesagt: „Komm, den mach ich mal eben.“ Das wurde aber ernst genommen und klappte auch noch! Witzigerweise kamen dann Aufträge für kleine Jungs zum Beispiel in Horrorfilmen rein. 
  
  Du arbeitest nicht nur als Synchronsprecherin, sondern auch als Schauspielerin. Machst du etwas davon lieber?
  Für mich ist die Synchronarbeit ein Teil meiner Arbeit als Schauspielerin. Einerseits ist Synchron natürlich sehr technisch und ich bin an das schon Bestehende gebunden. Andererseits gibt es mir die Möglichkeit, alle meine Ressourcen als Schauspielerin auszuleben. Rollen zu spielen, zu denen mein Körper nicht passt, aber meine Stimme schon: eben auch mal kleine Mädchen oder Jungs. Das ist für mich als Schauspielerin wahnsinnig toll.
  
  Deine Stimme ist dein Kapital. Musst du besonders auf sie aufpassen? Also nicht rauchen, keinen Alkohol trinken?
  Ha, da gibt es unterschiedliche Philosophien. Mancher schwört ja geradezu darauf, viel zu trinken und viel zu rauchen! Klar, ich muss schon auf meine Stimme Acht geben. Ich kann meine Stimmbänder schließlich nicht erneuern. Aber ich kann sie warten und pflegen. Also nehme ich Gesangsunterricht, singe überhaupt sehr viel, und schaue, dass ich genug trinke und ausreichend Schlaf bekomme. Bevor ich heiser werde, halte ich lieber die Klappe.