"Als Mädchen wird dir immer gesagt, was du tun darfst und was nicht. Das nervt."

Cherilyn McNeil und Darryl Torr kommen aus Johannesburg und sind zusammen das Indiepop-Duo "Dear Reader". Im Interview erzählt Cherilyn, warum sie Südafrika manchmal schön und manchmal total schlimm findet.
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Cherilyn, im Song „The Same“ singst du: „Southern Hemisphere, how did I end up here?“ Wünschst du dir oft, dass du wo anders aufgewachsen wärst? Manchmal schon, ja. Dann fühle ich mich so distanziert zur Mehrheit der Leute dort, wie eine Außenseiterin. In solchen Momenten finde ich, dass alles um mich herum so zurückgeblieben ist. Aber jedes Mal, wenn ich mein Zuhause für ein paar Wochen verlassen habe, sehe ich es wieder ganz anders, wenn ich zurück komme. Dann merke ich, was ich dort habe. Ich spüre eine Tendenz, dass viele Leute immer mehr alles hochjubeln, was im Ausland passiert. Das mag ich überhaupt nicht. Ich glaube, das kann man nur dann wirklich verstehen, wenn man mal dort gelebt hat.

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Illustration: Julia Schubert

Würdest du deine Stadt Johannesburg als genauso grausam und kriminell beschreiben, wie sie meistens in den Medien rüberkommt? Ich wünschte, ich könnte jetzt sagen: ‚Nein, das ist totaler Unsinn!’ Aber leider ist vieles davon wahr. Es ist ein gefährlicher Ort, und wir leben dort mit einer fast schon krankhaften Angst. Immer hat man das Gefühl, das gleich etwas passiert und jemand einem weh tut. Viele haben bereits schlimme Erfahrungen mit Gewalt gemacht und sind seitdem schwer traumatisiert. Das sage ich – die in einer eher ruhigen Gegen und in einem schönen Haus aufgewachsen ist. Die Mehrheit der Menschen in Johannesburg aber hat sehr viel weniger Schutz um sich herum und ist gezwungen, in einer brutalen Welt mit großen Mauern zu leben. Das ist schrecklich genug, und trotzdem sind sie nicht sicher. Anfangs hieß die Band "Harris Tweed", da hatte aber der gleichnamige Stoffproduzent aus Schottland was dagegen. Schön waren die Songs aber damals schon.

Wenn du Politikerin wärst – was würdest du sofort verändern wollen? Ich würde mich um die Bildungsarbeit kümmern! Das ist das größte Problem, das wir im Moment haben. Weil Bildung nicht jedem zugänglich ist – selbst wenn man Bildung will. Ich habe schon versucht, mit Kids von der Straße zu arbeiten. Manche von ihnen gehen zur Schule, sitzen teilweise endlos lange im Klassenraum und warten darauf, dass ein Lehrer zu ihnen kommt. Und wenn dann wirklich mal einer kommt, ist es unglaublich schwierig für ihn, zu unterrichten. Immerhin werden bei uns elf verschiedene Sprachen gesprochen, und der Altersunterschied zwischen den Schülern ist häufig sehr groß. Da sitzen 18-Jährige neben 12-Jährigen. Außerdem haben viele keine Bücher und wissen nicht, wie sie mit einem Computer umgehen müssen. Es gibt Siebenjährige, die immer noch nicht lesen können. Manchmal lassen sie die Schüler einfach so in die nächste Klasse kommen, obwohl sie da gar nicht hingehören. Was wiederum dazu führt, dass viele Erwachsene sehr ungebildet dastehen und immer wieder Probleme im Leben bekommen. Wie genau wolltest du den Jugendlichen auf der Straße denn helfen? Ich habe ganz einfache Dinge gemacht. Manchmal sah ich Kinder vorm McDonald’s sitzen, völlig verwahrlost und orientierungslos. Dann habe ich ihnen etwas zu essen gekauft und versucht herauszufinden, wo sie wohnen und sie teilweise zu ihren Familien nach Hause gebracht. Manche haben einem wirklich das Herz gebrochen. Leider hat man die meisten von ihnen bald wieder auf der Straße gefunden. Du sprichst von einer ‚fast schon krankhaften Angst’, die man hat, wenn man in Johannesburg lebt. Gibt es etwas in deiner Stadt, dass alles immer wieder etwas aufhellen kann? Das Wetter ist natürlich immer toll! Die Sonne scheint fast das ganze Jahr über, auch im Winter. Und die Johannesburger sind im Grunde genommen auch total freundlich, offenherzig, und liebenswert. Sie würden dir immer helfen, wenn du sie ansprichst. Selbst diejenigen, die schon so viel in ihrem Leben durchgemacht haben, überraschen dich mit einer unglaublichen Lebensfreude. Ihr habt euer erstes Album im SABC Studio-Komplex aufgenommen. Einem Gebäude in Johannesburg, in dem es früher Flure für entweder nur Weiße oder nur Schwarze gab. Es wurde während der Apartheid gebaut und sieht aus wie eine riesige und ziemlich hässliche Festung. Dort herrschte absolute Rassentrennung. Heute sind die meisten Menschen, die dort arbeiten, schwarz. Darryl arbeitet dort auch als Produzent. Die haben tolles Equipment, aber es ist nach wie vor kein schöner Ort. Brauchst du Südafrika für dein Songwriting? Ja, ich denke schon. Beide, das Land und das Songwriting, kann man als sehr süß und naiv beschreiben. Als ich jetzt nach Europa kam, war das etwas, was mich unsicher machte – weil ich wusste, dass viele hier meine Musik genau deswegen mögen und mich ausschließlich süß und naiv finden könnten. Es steckt ja auch viel Sonnenschein in der Musik. Ich nehme an, dass meine Musik einfach nur ein Produkt der Umgebung ist, in der ich groß geworden bin - Musik aus Skandinavien klingt ja auch meistens dunkel. Aber meine Musik hat auch damit zu tun, dass ich ein Mädchen aus Johannesburg bin. Weil es dort für Mädchen besonders gefährlich ist. Meine Eltern haben immer versucht, mich extrem zu beschützen und auf mich aufzupassen. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Besonders als Mädchen wird dir in dieser Stadt immer und überall gesagt, was du tun darfst und was nicht. Das ist manchmal ganz schön nervig. "Dearheart"

Freust du dich auf die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika? Ja, absolut! Wir freuen uns alle darauf. Ich denke, das wird unsere Nation auch wieder ein bisschen zusammenführen, es wird ein neuer Spirit entstehen. Das ist eine echte Chance für uns. Außerdem bringt uns das sehr viel Geld, das wir echt gut gebrauchen können, und Jobs werden auch entstehen. Wir haben allerdings Angst davor, dass den Touristen etwas passiert. Touristen passiert dort immer etwas, vor allem in Johannesburg, weil sie sich einfach nicht vorsichtig genug verhalten und nicht merken, dass sie ständig von Kriminellen beobachtet werden, die nur darauf warten, sie ausrauben zu können. Touristen sind oft leicht erreichbare Ziele für die Kriminellen. Insgesamt glaube ich, dass die Weltmeisterschaft eine richtig gute Sache und gut für alle wird. Magst du auch Fußball? Nee. Aber allgemein ist Fußball in Südafrika superbeliebt, auch wenn die Mannschaften in der Vergangenheit nie so gut bei den Weltmeisterschaften abgeschnitten haben. Wir spielen einfach einen anderen Fußball, schätze ich. Ich bin nicht besonders sportbegeistert, aber ich werde mich bestimmt mitreißen lassen, wenn’s los geht. Es ist ja alles anders, wenn erst mal ein Spiel läuft und um dich herum alle so viel Energie ausstrahlen.

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Illustration: Julia Schubert

„Replace Why With Funny“ von Dear Reader erscheint am 20.02. auf CitySlang.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: Marcus Maschwitz

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