Alternativ und politisch: jetzt.de-Gespräch mit dem Organisator des polnischen OFF-Festivals

Dieses Wochenende findet das wichtigste polnische alternative Musikfestival statt. Organisator Artur Rojek erklärt im Interview, was das Festival mit dem Mauerfall zu tun hat und verrät, warum seine Band ein Loblied auf einen General geschrieben hat
dominik-schottner

Warum sollten Musikfans aus Deutschland zum OFF Festival nach Mysłowice fahren? Polen ist ein interessantes Land und das Festival ist seiner größten. Außerdem ist es das alternativste in Zentraleuropa. Natürlich ist Polen auch ein billiges Land, was für Leute aus England oder Deutschland eine sehr wichtige Information sein dürfte – natürlich für Leute, die alternative Musik mögen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wie international ist das Festival denn? Jedes Jahr kommen mehr Leute aus anderen Ländern. Dieses Jahr sind besonders viele Journalisten aus Großbritannien, Ungarn, Deutschland und der Tschechischen Republik da. Wir brauchen dieses internationale Publikum, damit das polnische erwachsener wird. Wir haben mit ein paar Besuchern über das Festival gesprochen und jedes Mal fiel Dein Name. Wie viel Artur Rojek steckt im OFF Festival? Zum einen bin ich der künstlerische Leiter und suche die Bands aus, zum anderen spiele ich in der Band Myslovitz. Die ist recht bekannt in Polen. Vielleicht sagen die Leute deswegen solche Dinge. Ist das Line-Up des OFF repräsentativ für die alternative Musikszene Polens? Ja, jedoch nur für diesen Moment. Es gibt hier sehr viele interessante alternative Bands, die allerdings wenig Auftrittsmöglichkeiten haben. Wir geben einigen dieser Bands eine Chance – für manche ist es die einzige. Gibt es einen vorherrschenden Trend derzeit in der alternativen Szene? Nein, wir in Polen sind noch am Anfang. Die Medien berichten viel über das OFF-Festival, weil es so neu und frisch ist. Es gibt aber noch viel Potenzial, vor allem im Bereich der Besucherzahlen. Wir haben eine vielversprechende Zukunft. Das Line-Up macht auf uns einen sehr ambitionierten und vielseitigen Eindruck. Gleichzeitig ist das Publikum sehr jung. Ist die polnische Jugend besonders avantgardistisch? Ich weiß nicht. Es ist vor allem so, dass diese Generation das Internet sehr selbstverständlich und selbstbewusst nutzt. Polnische Jugendliche haben jetzt dieselben Quellen, wie zum Beispiel Ihr aus Deutschland. Deswegen sind sie hier. Verzichtet Ihr deshalb auf Publikumsmagneten wie Mando Diao oder Bloc Party? Nein, wir haben einfach kein Geld um solche Bands zu buchen. Natürlich wäre es besser, My Bloody Valentine als Headliner zu haben. Aber das würde mein Budget sprengen. Polen ist ein sehr junger Markt. Sonic Youth oder Mogwai sind sehr bekannt, aber Spiritualized, die auch bei uns spielen, nicht. Aber eigentlich darf ich mir über das Publikum nicht ständig den Kopf zerbrechen, ich muss meine eigene Linie verfolgen. Das Festival ist Teil einer Kampagne, die an das Endes des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren und den Fall des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren erinnert. Wie kam es dazu? Die Kampagne wurde vom Kulturministerium initiiert und dessen Mitarbeiter haben mich gefragt, ob wir mitmachen wollen. Ihr habt offensichtlich ja gesagt – warum? Natürlich erscheint die Verbindung Zweiter Weltkrieg – Festival seltsam. Aber wenn man genauer hinsieht, ist sie es nicht. Früher war Polen Teil der zweiten Welt. Heute ist es Teil der ersten. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und die des Kommunismus prägen die Identität unseres Landes bis heute. Das Festival besuchen viele junge Leute, die über diese, ihre Geschichte Bescheid wissen sollten. Hast Du deshalb auch dieses Lied über einen polnischen General aufgenommen? Genau, es geht um General Nil. Der ist sehr berühmt und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen getötet. Das Lied handelt von seinem Leben. Auf uns wirkt es etwas befremdlich, dass mit der Kampagne gleichzeitig zweier völlig unterschiedlicher historischer Ereignisse gedacht wird. Ich weiß auch nicht warum das so ist. Ihr solltet mal die Leute von der Regierung fragen. Vielleicht geht es ums Geld, vielleicht ist aber auch einfach nur praktisch.

Text: dominik-schottner - und stefan-muehlenhoff

  • teilen
  • schließen