"An den One Hit Wondern kann man die Popgeschichte ablesen"

Von "Love is in the Air" bis "Ice Ice Baby": Der Journalist Marcus Lucas und die Illustratorin Carolin Löbbert haben ein Buch über die großen One Hit Wonders der Popmusik gemacht.. Und über die lustigen und tragischen Geschichten dahinter.
nadja-schlueter

Marcus Lucas und Carolin Löbbert

Fotos: oH (Porträt Marcus Lucas); Inge Seevers (Porträt Carolin Löbbert)

jetzt.de: Hattet ihr während der Arbeit an dem Buch ständig Ohrwürmer?

Marcus: Ja! Manchmal liest man nur den Namen des Songs und er ist automatisch da. Vielleicht sind viele dieser Songs genau deswegen One Hit Wonders geblieben: Weil sie so prägnant sind, dass jeder Versuch, das zu wiederholen, zum Scheitern verurteilt war.

Welcher war der hartnäckigste?

Carolin: Bei mir war es "Barbie Girl" von Aqua.

Marcus: Bei mir "Love is in the Air". Das ist so ein Ohrwurm, der glaube ich alle paar Monate jeden Menschen befällt...

Sind das deswegen besonders gute oder besonders schlechte Songs?

Marcus: Wenn man jemanden nach einem Meisterwerk der Popmusik fragen würde, würde der sicher nicht "Love is in the Air" nennen – aber wahrscheinlich ist es doch eins, weil es jeden so unfassbar infiltriert..

Wieso habt ihr ein Buch über One Hit Wonders gemacht?

Marcus: Das war Carolins Idee.

Carolin: Ich habe für eine Comic-Anthologie mit dem Thema "Wunder" recherchiert und bin dabei relativ schnell auf dieses Thema gestoßen. Ich habe eine Kollektion von zehn Künstlern zusammengestellt und gemerkt: Da gibt es viel zu entdecken und es stecken tolle Geschichten dahinter. Also habe ich ein Konzept für den Verlag geschrieben und weil ich keine Journalistin bin und mich im Musikbereich nicht genug auskenne, Marcus ins Boot geholT.

Wann gilt ein Künstler für euch als "One Hit Wonder"? Nena ist mit "99 Luftballons" zum Beispiel auch im Buch – aber die hatte in Deutschland doch unzählige Hits...

Marcus: Es ging uns, auch weil das Buch zweisprachig ist, um die internationale Perspektive: Musiker, die Welthits hatten. Wenn du in den USA jemanden nach Nena fragst, kennt der genau einen Song: "99 Red Balloons". Es sind alles Künstler, die in der Erinnerung mit einem einzigen Song verschmolzen sind. Wenn man in 20 Jahren jemanden nach Lena Meyer-Landrut fragt, dann werden alle sie mit ihrem Eurovision-Sieg in Verbindung bringen – egal, was für tolle Sachen sie noch machen wird. Und Conchita Wurst wird wahrscheinlich nie wieder so einen großen Moment wie mit "Rise Like a Phoenix" haben. Und wir haben natürlich darauf geachtet, hinter welchen Songs interessante Geschichten stecken und was sich schön illustrieren lässt.

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Wie illustriert man Songs?

Carolin: Wir haben ein Archiv erstellt, mit den Songs, ihren Geschichten und Bildmaterial dazu. Dadurch kriegt man schon ein Gefühl, wofür ein Künstler stand. Ich habe versucht, immer das ikonischste Bild vom jeweiligen Künstler oder der Band zu verwenden und in meinem Stil zu interpretieren.

Hast du dir alle Songs angehört?

Carolin: Ja und natürlich die Songtexte gelesen, um die Stimmung für die Zeichnung zu finden. Ob es zum Beispiel eher ein Glamour-Song oder ein deprimierendes Lied war.

Apropos deprimierend – ein One Hit Wonder zu sein ist schon ein bisschen traurig, oder?

Marcus: Der Begriff wird oft als Beleidigung verwendet, dabei ist "Wunder" doch ein positiver Begriff! Wir wollen mit dem Buch diese Leute feiern und ihre tollen Geschichten erzählen. Ist doch super, dass sie wie Sternschnuppen diesen einen leuchtenden Moment hatten.

"'Harlem Shake' ist das typische One Hit Wonder unserer Zeit"

Haben die Songs irgendwelche Gemeinsamkeiten?

Marcus: Sie haben alle den Nerv ihrer Zeit getroffen. An den One Hit Wonders kann man die Popgeschichte, ihre Trends und Moden ablesen. Zum Beispiel "Teen Angel" von Mark Dinning aus dem Jahr 1960 – der Song steht für eine ganze Welle von Liedern über Teenager, die aus Liebe sterben, diese Tragödien waren damals total in Mode.

Gab es eine Hochphase der One Hit Wonders?

Marcus: Am ehesten die späten Fünfziger und frühen Sechziger, weil die Musikindustrie damals noch nicht so professionalisiert war. Da hat man schnell mal eine Band aufgestellt und eine Platte rausgebracht. Etwa mit den Beatles hat es dann angefangen, dass lange Karrieren geplant wurden.

Und wie sieht die Zukunft der One Hit Wonders aus?

Carolin: Heute passiert viel mehr über die Digitalen Medien. "Harlem Shake" wurde glaube ich nie wirklich im Radio gespielt, sondern es gab einfach dieses verrückte Video, das auf Youtube gehypt wurde.

Marcus: "Harlem Shake" ist ein gutes Beispiel für das typische One Hit Wonder unserer Zeit: Das hatte weniger mit Musik zu tun, sondern war ein virales Phänomen. Darum wird es in Zukunft immer mehr gehen: Das Phänomen steht im Vordergrund und Künstler oder Produzent sind unwichtig. Und durch YouTube und Social Media wird es noch viel öfter einmalige Hits geben.

Habt ihr ein Lieblings-One-Hit-Wonder?

Carolin: Es sind so viele schräg und lustig, da kann ich gar keins besonders hervorheben.

Marcus: Meins ist "My Sharona" von The Knack. Das ist nicht nur ein unfassbar gut produzierter Track und eine Hymne für die Ewigkeit, sondern es steckt auch noch eine ganz wunderschöne Liebesgeschichte dahinter! Der Bandleader Doug Fieger hat ein Mädchen namens Sharona kennengelernt und ihr einen Song nach dem anderen geschrieben, die dann später alle auf dem Debütalbum seiner Band waren. Damit hat er sie tatsächlich bekommen und sie waren vier Jahre lang ein Paar. Und als Fieger 2010 nach langer, schwerer Krankheit gestorben ist, saß Sharona an seinem Totenbett. Eine Milliarde junge Männer haben Lieder für junge Frauen geschrieben – aber in diesem Fall wurde eine lebenslange Liebesgeschichte draus. Das hat mich total umgehauen!

Carolin Löbbert / Marcus Lucas: Ice Ice Baby. One Hit Wonders 1955-2015, Avant-Verlag, 168 Seiten, 22 €.

Text: nadja-schlueter - Fotos: Avant-Verlag / Carolin Löbbert (Illustrationen); Inge Seevers (Porträt Carolin Löbbert); oH (Porträt Marcus Lucas)

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