Andere Länder, andere Sitten: "Ich habe kein Problem mit der Verschleierung"

Warum zieht eine junge Deutsche in den Iran, wie ergeht es Ihr dort und wie beurteilt sie den Konflikt zwischen dem Iran und dem Westen? jetzt.de hat Jasmin Tiefensee diese Fragen gestellt. Die junge Islamwissenschaftlerin ist vor Kurzem in den Iran gezogen ist und schreibt dort den deutschsprachigen Blog jasmintiefensee, um über ihren Alltag im Iran und das Leben junger Menschen im Iran zu berichten, über den man hierzulande kaum etwas erfährt.
caroline-vonlowtzow
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Illustration: Julia Schubert

iranische junge Frauen, Foto: jasmintiefensee.de Wie fühlst du dich als Deutsche in Iran? Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich kenne auch einige andere Deutsche oder Deutsch-IranerInnen, mit denen ich befreundet bin. Das ist für mich sehr wichtig, da ich es nirgends auf der Welt aushalten würde, ohne Deutsch sprechen zu können. Wie wird dir begegnet? Die Menschen sind sehr freundlich zu mir, aber sie können mich nicht so recht begreifen. Ich muss am Tag ungefähr 20 mal erklären, warum ich im Iran leben möchte. Die meisten sagen mir, dass ich verrückt sei, das schöne Deutschland aufzugeben und in den Iran zu ziehen. Außerdem muss ich ständig die Frage beantworten, ob ich Probleme mit der Verschleierung hätte, die ich immer verneine. Ich finde das nicht so schlimm. Immer wenn ich es als lästig empfinde, sage ich mir, andere Länder, andere Sitten, in der Hitze stört es mich aber dann doch manchmal. Wie hat sich dein Leben, dein Alltag verändert, seit du hier bist? Mein Leben im Iran ist komplett anders als mein Leben in Deutschland. Hier ist einfach alles anders. Ich denke diese Frage kann man am besten mit dem Lesen meines Blogs beantworten. Was genießt du am meisten? Alles… Was vermisst du am meisten? Meine Familie und meine Freunde. Meine Selbstständigkeit, im Iran wird man immer bemuttert und jeder weiß, was am Besten für einen ist. Gute medizinische Betreuung, Schwarzbrot, guten Käse, Wein und Martini Bianco. Wie kam es, dass du in den Iran gezogen bist und dort lebst? Ich habe mich schon immer für den Iran interessiert und daher auch Islamwissenschaften studiert. Es war wohl immer klar, dass ich mich eines Tages dazu entschließen werde, in den Iran zu gehen, aber ich selbst hatte es noch nicht bemerkt. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich es auch ohne meine Luxusgüter irgendwo aushalte. Hat sich dein Leben verändert, seit Ahmadinedschad Präsident ist? Ich lebe erst seit drei Monaten im Iran. Die Zeit vor Ahmadinedschad kenne ich nur aus kürzeren Aufenthalten. Wie gehen die jungen Menschen im Iran mit der Situation um? Die meisten interessiert es nicht mehr. Sie haben kapituliert und kümmern sich um ihr eigenes Leben. Der Brief des Iranischen Präsidenten Ahmadinedschad an George Bush war die erste Kontaktaufnahme seit 27 Jahren. Was denkst du darüber? Ich glaube dieser Brief war nur ein Ablenkungsmanöver für das iranische Volk. Ich bin mir sicher, dass der Iran und die USA sich einigen werden. Wie beurteilst du den Konflikt zwischen Iran und dem Westen? Deutschland ist der größte Handelspartner Irans. Frankreich hat selbst Atombomben und wie Großbritannien starke innenpolitische Probleme. Die EU wird den Iran nicht angreifen wollen. Ich denke nicht, dass die Große Koalition uns verständlich machen kann, dass wir einen Benzinpreis von vier Euro für den Weltfrieden zahlen müssen. Wenn ich für einen Liter Benzin vier Euro zahlen muss, interessiert mich der Weltfrieden nicht besonders. Die USA will das Öl Irans und das Mullah-Regime im Iran will an der Macht bleiben. Sie werden sich einigen, um jeden Preis. Diesen Preis wird das iranische Volk zahlen und leider niemals erfahren, was geschehen ist. Was denken junge Menschen in dem Land, in dem du gerade lebst über US-Präsident Bush? Eigentlich redet niemand ernsthaft über ihn. Wenn über ihn gesprochen wird, dann in Form von Witzen. Die Menschen machen sich über ihn lustig.

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