"Die Großmutter unseres Torhüters ist eine wirklich sehr nette Dame."

Wir haben vor dem EM-Spiel mal in Island angerufen – und sehr bezaubernde Gesprächspartner gingen ran.
Von Max Sprick
Illustration Jessy Asmus

"Sichhhrridarrrrr", sagt die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Klingt geschrieben bedrohlich, am Telefon aber eher wie ein Elben-Singsang. Ganz weich, ganz friedlich. Sichhhrridarrr bedeutet eigentlich "Sigrid", werde ich etwas später erfahren. Es ist der Vorname meiner zufällig gewählten Gesprächspartnerin. Die Idee war nämlich: einfach mal in Island anrufen. Man hört und liest ja gerade viel Gutes und Skurriles über das Land und seine Fußballnationalmannschaft. Klischees natürlich. Also vermutlich. Aber in nett. Wie könnte man das alles also besser überprüfen, als durch puren Zufall? Eben. Also die erstbeste Nummer wählen, die man im Internet findet. Und nun eben: Sigrid. Dem Klang ihrer Stimme nach eine Dame Mitte, Ende 30. Ich hoffe, ich tue ihr mit dieser Vermutung nicht Unrecht, denn sie war wirklich sehr nett. Aber der Reihe nach:

"Sichhhrridarrr."

Hello, I'm a journalist from Germany. Could I talk to you about living in Iceland these days?

"Ja, sehr gerne. Aber sprechen Sie ruhig Deutsch. Wie kann ich helfen?"

Sie sprechen Deutsch?

"Ich habe einige Jahre in Freiburg gelebt. Eine wirklich schöne Gegend."

Muss eine ganz schöne Umstellung sein, vom sonnig-warmen Breisgau zurück in den Norden zu gehen, oder?

"Ach wissen Sie, Island mag auf Englisch ‚Iceland’ heißen, so eisig ist es hier aber gar nicht. Gerade haben wir die schönste Zeit des Jahres: Die Sonne scheint sogar die ganze Nacht durch, es wird nicht dunkel. Wobei: Der Winter mit seiner Dunkelheit und den Nordlichtern hat auch seinen Charme."

Haben Sie die Spiele von Islands Nationalmannschaft bei der Fußball-EM gesehen?

"Ich bitte Sie, natürlich! Jeder hier hat die Spiele gesehen. Sie kommen gar nicht daran vorbei. Wenn Sie hier in Reykjavik durch die Straßen gehen, sehen Sie überall die Nationalflaggen wehen, eine Menge Leute tragen das blaue Trikot auch auf der Arbeit. Sogar meine Großmutter guckt begeistert zu."

Waren die Isländer schon immer so Fußball-verrückt?

"Hmm... Nein, ich würde sagen, Handball war früher beliebter. Da haben wir ja auch viele Titel gewonnen und große Spieler rausgebracht – im Gegensatz zum Fußball. Der ist inzwischen aber schon Sport Nummer eins, würde ich sagen. Die Kinder hier fangen sehr sehr früh an, im Verein zu spielen und werden gut ausgebildet. Dass wir momentan sind gut sind, ist, glaube ich, das Resultat davon."

"Wie wirkt sich die EM auf den Alltag in Reykjavik aus?"

"Als Island gegen England gewonnen hat, war hier in der Stadt eine Stimmung wie in Freiburg beim Karneval. Wir hatten viel, viel Spaß. Und am nächsten Tag sind alle mit einem Lächeln zur Arbeit gekommen, alle sind glücklich und gut drauf, seit die Nationalmannschaft so erfolgreich spielt."

Danach verabschiedet sich Sigfrid, sie hat in ihrem Job im Touristen-Büro eine Menge zu tun. Seitdem Island sportlich für Aufsehen sorgt, wollen immer mehr Ausländer auf die Vulkaninsel reisen. Dass die Menschen dort besonders offen und freundlich sind, habe ich schon mehrfach gelesen. Ich rufe die nächste Nummer an.

"Chhhhhallorrr?"

Hello, I’m a journalist from Germany. Could I talk to you about living in Iceland these days? (Die nächste Dame spricht dann auch tatsächlich Englisch mit mir. Der Einfachheit halber schreibe ich es aber ab hier auf Deutsch auf.)

"Na klar. Ich fürchte aber, ich muss Sie enttäuschen."

Weil Sie nichts über Island erzählen können?

"Doch doch. Aber die erste Frage, die mir Ausländer stellen, muss ich immer verneinen: Ich bin weder verwandt mit einem unserer Nationalspieler, noch kenne ich einen persönlich."

Halb so wild. Dabei heißt es doch, auf Island kenne jeder jeden!

"Na gut, wenn Sie so fragen… Die Großmutter unseres National-Torhüters ist eine wirklich sehr nette Dame."

Welcher von den drei Torhütern?

"Na Hannes!"

Hannes? Sorry, nie gehört.

"Ach wir Isländer benutzen doch nur die Vornamen, Sie kennen sicher nur seinen zweiten Namen. Also den Namen seines Vaters. Wie heißt der nochmal…? Moment, das muss ich nachgucken."

Sie ruft einer Kollegin irgendwas auf isländisch zu, ich meine zwischendurch das Wort "Hannes" verstanden zu haben. Es dauert ungefähr eine Minute. Die Dame seufzt.

"Sorry, aber meine Kollegin weiß es auch nicht. Ich google das schnell."

Wieder vergeht ungefähr eine Minute.

"Halldórsson! Natürlich!"

Ach, der Stamm-Torwart. Hätten Sie das doch gleich gesagt. Wie sieht's denn sonst so mit Ihrem Interesse für Fußball aus?

"Ich muss mich zwangsläufig dafür interessieren. Mein Ehemann ist im Vorstand von Valur Reykjavik, das ist so der größte Verein, den wir in Island haben."

Klingt ja sehr begeistert …

"Oh, nicht falsch verstehen. Was gerade mit unseren Jungs passiert, ist einfach nur großartig. Wissen Sie, wir nennen die Nationalmannschaft hier alle so: 'Unsere Jungs'. Es stimmt ja schon, dass viele einander hier kennen, wir sind nicht so viele. Und dass Island sogar Engländ schlägt, hätte keiner gedacht. Alles, was seitdem hier los ist, ist so ungewöhnlich. Kaum jemand hat vor der EM unsere Flagge irgendwo benutzt, jetzt hängt sie überall. Im Supermarkt kriegt man Fanartikel für Bonuspunkte. So eine Begeisterung, wie sie im Moment herrscht, habe ich noch nie erlebt."

"Ich kenne die Süddeutsche Zeitung. Ihre Kollegen haben doch neulich hier für ganz schönen Aufruhr gesorgt."

Waren Sie bei einem Spiel in Frankreich?

"Nein, wir sind hier geblieben. Aber wenn die Kamera bei den Übertragungen über die isländischen Fans schwenkt, sehe ich immer ein paar bekannte Gesichter. Gegen England war einer meiner Arbeitskollegen ganz groß im Bild."

Wo gucken Sie?

"Hier beim Public Viewing im Stadtzentrum. Gegen England waren da zwischen 10.000 und 15.000 Leute. Gegen Frankreich werden mindestens 15.000 erwartet. Da ist was los! Menschen, die vorher wirklich überhaupt nichts mit Fußball zu tun hatten, sind plötzlich hellauf begeistert."

Das war Berghildur. Sie sagt mir auch noch, wessen Tochter sie sei und dass ihre Endung nicht -son, sondern -dottir lautet. Ihren vollen Namen zu buchstabieren, will sie mir dann aber ersparen. "Das würde ewig dauern. Geben Sie mir doch Ihre Email-Adresse, dann sehen Sie meinen Namen in Ihrem Postfach." Ich buchstabiere ihr also meinen Namen, der lächerlich kurz erscheint im Vergleich zu den isländischen. Dabei scheint aber irgendwas schief zu gehen. Bisher habe ich keine Mail von Berghildur bekommen. Der nächste Anruf also.

"Hello?" (Wieder eine weibliche Stimme. Gibt es eigentlich auch Männer auf Island?)

Hello, I’m a journalist from Germany. Could I talk to you about living in Iceland these days? (Wir sprechen in der Folge wieder auf Englisch)

"Für welches Medium arbeiten Sie denn?"

Jetzt, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, das ist eine Zeitung aus…

"Ich kenne die Süddeutsche Zeitung. Ihre Kollegen haben doch neulich hier für ganz schönen Aufruhr gesorgt."

Die Panama Papers.

Genau. Als dann die Proteste hier losgingen, habe ich zu einem Freund gesagt: 'Schau dir das gut an, du wirst nie wieder so viele Menschen auf einem Haufen in Island sehen.' Konnte ja keiner ahnen, dass ich damit Unrecht habe."

Wieso?

"Gegen England war ich mit diesem Kumpel beim Public Viewing. Er meinte: 'Weißt du noch, was du über die Panama-Proteste gesagt hast? Schau dich mal um!'"

Was sahen Sie?

"Pure Euphorie. Fahnen, Trikots und fröhliche Menschen überall. Und alle haben immer wieder diesen uralten, eigentlich schrecklichen isländischen Schlager angestimmt. Aber als ich die Leute singen hörte, fand ich das Lied irgendwie toll. Wenn nicht gesungen wurde, wurde gefühlt hunderttausend Mal 'Afram Island!' gerufen, unser Schlachtruf. Der hallte nach dem Sieg die ganze Nacht durch die Straßen, geschlafen haben wir dann nicht mehr."

Und viel getrunken?

"Schwieriges Thema. Ein halber Liter Bier kostet hier mehr als zehn Euro. Und kaufen kann man es nur in staatlichen Läden, den Vinbudin. Die schließen aber schon um 18.30 Uhr. Man muss sich also einen Vorrat zulegen."

Das ist ja fast doppelt so teuer wie bei uns auf dem Oktoberfest!

"Schrecklich, oder? Ab 18 Uhr bilden sich dann immer lange Schlangen vor den Läden. Ich kann Ihnen gleich mal ein Foto schicken."

Gerne! Und können Sie etwas mehr zu dieser Euphorie sagen? Wie äußert die sich?


"Wir Isländer sind sehr stolz auf unser Land. Auf unsere Landschaft, auf unsere ganz eigene Kultur. Wir sind Wikinger, wir sind Kämpfer! Wir sind resistent gegen Naturgewalten und jetzt auch gegen englische Fußballer."

Sie schickt das Bild dann übrigens tatsächlich:

Foto: privat

Sie sind jetzt die dritte Person, die ich in Island anrufe – und die dritte Frau. Gibt es eigentlich auch Männer bei Ihnen?

 

"Die sind doch alle in Frankreich (lacht)! Aber warten Sie, ich gebe Ihnen die Nummer von Arnor. Das ist mein Kumpel, mit dem ich beim Public Viewing war. Rufen Sie ihn einfach an, aber Vorsicht: Er berlinert sehr."

 

Das wäre super! Wieso spricht er Deutsch?

 

"Fragen Sie ihn."

 

Bist du wirklich Isländer?

 

Ein berlinernder Isländer? Klingt witzig. Ich lege auf und wähle eine lange Telefonnummer.

 

"Jau."

 

Hallo hier ist Max, ich bin Journalist aus Deutschland.

 

"Grüß dich!"

 

Bist du wirklich Isländer?

 

"Logisch. Hab' aber das letzte Jahr in Berlin studiert. Und als ich ganz klein war, haben wir in Göttingen gelebt."

 

Hast du Lust, mir ein bisschen über die Stimmung in deiner Heimat zu erzählen?

 

"Voll! Die Stimmung hier ist super optimistisch, alle sind gut drauf und reden nur über Fußball. Das hat sogar die Präsidenten-Wahl in den Schatten gestellt neulich."

 

Echt?

 

"Die Wahl fiel halt genau in die EM-Zeit. Also, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde schon darüber berichtet und so. Aber interessiert hat das irgendwie niemanden. Wenn wir uns abends getroffen haben, hat jedenfalls keiner über Politik geredet."

 

Bist du fußballinteressiert?

 

"Na klar. Ich habe zwar etwas später als alle anderen im Verein angefangen, mit neun oder zehn Jahren erst, aber ich spiele immer noch. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich bestimmt mal gegen den ein oder anderen gekickt habe, der jetzt in der Nationalmannschaft spielt. Aber bevor du fragst: Richtig persönlich kennen tue ich davon keinen."

 

Schade.

 

"Aber ich kann dir eine lustige Geschichte von unserem Nationaltrainer erzählen."

 

Unbedingt!

 

"Das ist ein paar Jahre her, da hatte er gerade die Nationalmannschaft übernommen. Vorher war er Trainer von einem Verein auf den Vestmannaeyjar-Inseln. Ich bin Fan von KR und bin zum Auswärtsspiel da mitgefahren. Weil ich vorher noch nie dort und alleine unterwegs war, wusste ich nicht, wo das Stadion ist. Also habe ich den erstbesten Typen angesprochen, der mir über den Weg lief – das war unser Nationaltrainer. Wir haben dann noch ein bisschen geplaudert. Ein wirklich netter Mann."

 

Stell dir mal vor, du würdest in Berlin Joachim Löw nach dem Weg fragen.

 

"Kann man sich gar nicht vorstellen. Aber weißt du was noch surrealer ist?"

 

Erzähl es mir.

 

"Du hast ja sicher davon gelesen, der Trainer ist eigentlich Zahnarzt. Und seitdem er mit unseren Jungs in Frankreich ist, haben die armen Leute auf den Vestmannaeyjar-Inseln keinen Zahnarzt mehr. Er ist da der einzige. Die müssen jetzt immer aufs Festland fahren, wenn sie Zahnschmerzen haben."

 

Also sind sie wahrscheinlich die einzigen Isländer, die hoffen, dass euer Nationalteam gegen Frankreich verliert und ausscheidet?

 

"Ach, ich glaube, die nehmen Zahnschmerzen zur Not noch etwas länger in Kauf, Hauptsache wir bleiben dabei."

 

Ich denke, das würde euch jeder gönnen. Ihr macht ja ganz schön Eindruck in Frankreich.

 

"Toll, was unsere Fans machen, oder? Und alle sind immer friedlich, Hooligans oder so kennen wir hier nicht."

 

Dafür Kommentatoren, die sich heiser brüllen, wenn ein Isländer trifft.

 

"Haha, ja! Der Typ ist der Wahnsinn. Leider wurde er als Co-Trainer bei KR gerade gefeuert. Als Kommentator ist er hier schon länger bekannt. Aber wie er jetzt gegen Österreich und gegen England ausgerastet ist, das ging um die Welt. Hier in Island wird immer sehr aufmerksam verfolgt, wenn irgendwas isländisches irgendwo im Ausland zur Kenntnis genommen wird. Klar, dass da der Kommentator abgefeiert wurde."

 

Warst du selbst auch in Frankreich?

 

"Beim zweiten Spiel gegen Ungarn war ich mit ein paar Freunden. Richtig komisch war das. Ich habe noch nie so viele Isländer außerhalb von Island gesehen. Überall hast du nur Isländisch gehört, und ich habe jede Menge bekannte Gesichter gesehen. In den Zeitungen stand ja, acht Prozent unserer Bevölkerung seien da gewesen. Gefühlt waren es aber mehr."

 

Hast du Lust mir ein paar Fotos zu schicken?

 

"Lust schon, aber ich habe keine. Irgendwie haben wir vor lauter Aufregung vergessen, welche zu machen. Ich schicke dir aber gleich mal eins vom Public Viewing hier."

 

Fliegst du nochmal nach Frankreich?

 

"Ich würde gerne. Aber die Flüge sind natürlich mega teuer geworden…"

 

Nett, diese Isländer:

Foto: privat

 

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