Architektur macht Schule: Julian und Nico bauen eine Schule in Ghana

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Julian mit Arbeitern auf der Baustelle; Fotos: Julian Telger und Nico Kranenburg Julian und Nico, ihr baut in Afrika eine Schule. Wie seid ihr an das Projekt gekommen? Nico: Wir kommen beide aus Münster, der Stadt, in der auch die Initiative Bokemi ihren Sitz hat. Weil wir beide Architektur studieren und Mitarbeiter der Initiative gut kennen, hat man uns vor drei Jahren gefragt, ob wir nicht Interesse hätten, den Schulbau zu planen. Natürlich haben wir nicht gezögert und sofort zugesagt. Warum? Ist mit dem Projekt nicht sehr viel Arbeit verbunden? Julian: Ja, das ist sicher richtig, dennoch bekommen Architekturstudenten nicht jeden Tag das Angebot, einen Schulkomplex zu planen und zu bauen. Natürlich haben wir auch mit unseren Professoren wegen der Anerkennung unserer Leistung gesprochen. Nachdem klar war, dass wir zwei Scheine für unsere Tätigkeit bekommen, einen für den Entwurf und einen für die Umsetzung, haben wir sofort damit angefangen, uns in das Thema einzulesen. Was musstet ihr bei der Planung des Schulbaus beachten? Nico: In Ghana hat die Verwendung von Lehm als kostenloser Baustoff eine lange Tradition, er ist in großen Teilen des Landes unbegrenzt verfügbar und lässt sich auch mit einfachen technischen Mitteln verarbeiten. Lehm ist als Baumaterial in Deutschland ja eher selten. Für den Schulbau haben wir versucht, die afrikanische Bauweise mit der deutschen zu verbinden. Wir haben den Komplex als Stahlbetonskelettbau mit massiver Lehmsteinausfachung konzipiert und nutzen so die Vorteile beider Materialien. Im Oktober 2006 seid ihr für den ersten Bauabschnitt nach Ghana geflogen. Konntet ihr eure Pläne 1:1 umsetzen? Julian: (lacht) Nein, wir mussten uns den Begebenheiten anpassen. Bei dem Projekt ist wichtig, dass man akzeptiert, dass man nicht alles planen kann. Nachdem das Grundstück, das uns der Bürgermeister von Lagma geschenkt hat, von hohem Gras und Sträuchern befreit war, haben wir gemerkt, dass das Gefälle größer ist als erwartet. Da haben wir uns angesehen und wussten, wir müssen umdisponieren. Eine sich dem Geländeverlauf anpassende Trassierung des Sockels hat uns viel Zeit und Geld gekostet, aber der Bau fügt sich so noch besser in seine Umgebung ein. Wie weit ist der Schulbau jetzt? Nico: Wir haben zusammen mit den Bewohnern der Region das Fundament und den Sockel der Schule fertig gebaut. Hat es mit der Zusammenarbeit vor Ort geklappt? Julian: Ja, das hat gut funktioniert. Rund 30 Einwohner haben mit uns zusammen gearbeitet, Stahlflechter, Maurer und andere Handwerker. Natürlich hatte keiner von ihnen ein Zeugnis von der IHK und wir mussten uns ja auch an die neue Rolle als Bauleiter gewöhnen. Nur wenige Männer, die teilweise 30 Jahre älter waren als wir, hatten eigene Erfahrungen auf dem Bau gesammelt. Die Zusammenarbeit war aber dennoch sehr unkompliziert und nach kurzer Zeit waren wir ein eingespieltes Team.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die Fischerdörfer Langma und Kokrobite liegen am Golf von Guinea In Afrika gab es keinen Strom auf dem Bau. Seid ihr an technische Grenzen gestoßen? Nico: Nein. Neben einem Bulldozer und einem Betonmischer haben wir bewusst keine Maschinen eingesetzt. Dadurch, dass Manpower in Ghana so unglaublich günstig ist, war das möglich, obwohl wir einen fairen Preis bezahlt haben, die Fischer mussten ja weiterhin ihre Familien ernähren. In Deutschland wäre diese Art zu arbeiten völlig unwirtschaftlich. In Ghana war es die richtige Entscheidung. Hätten wir auf Energie gesetzt, wären wir wegen der vielen Stromausfälle nur sehr langsam vorangekommen. Hat euch das Studium auf die Arbeit in Ghana vorbereitet? Nico: Hätten wir nicht Architektur studiert und vorher eine Bauzeichnerlehre abgeschlossen, wären wir nicht an das Projekt gekommen. Durch die Uni hatten wir das Rückgrat „Ja“ zu sagen. Wir haben relativ schnell festgestellt, wo unsere Defizite liegen und dann in diese Richtung recherchiert, uns z.B. intensiv mit der Lehmbautechnik auseinander gesetzt, wir hatten ja an der Uni kein Seminar zur Lehmbaukunde. Dennoch ist es so, dass wir extrem viel an dem Projekt selbst gelernt haben. Wie wart ihr während des Projektes untergebracht? Nico: Wir haben in Ghana genau so gewohnt, wie die Lehrer auch: In einem Gästezimmer auf dem Schulgelände. Abends haben wir zusammen gegessen, manchmal kamen die Arbeiter dazu. Hätten wir in einem Hotel gewohnt, wäre kein Draht zu den Menschen entstanden, die Telefone haben oft nicht funktioniert. Warum engagiert ihr euch für die Entwicklungshilfe? Julian: Unsere Motivation besteht vor allem darin, unsere berufliche Qualifizierung mit einem ehrenamtlichen Engagement zu verbinden. Zugleich ist es eine Riesenchance, ein Bauprojekt von Anfang bis Ende zu begleiten. Für eure Arbeit werdet ihr nicht bezahlt. Ist euer Einsatz ganz selbstlos? Julian: Nein, man lernt ein Land ganz anders kennen, wenn man dort arbeitet. Unser Einsatz in Ghana hat uns gestärkt. Er hat uns gelassener gemacht, auch wenn nicht immer alles glatt ging. Wir haben erfahren, dass es darauf ankommt, flexibel zu reagieren, wenn etwas nicht klappt. Gleichzeitig haben wir ein Gefühl dafür bekommen, was wirklich wichtig ist. Die Menschen in den Fischerdörfern arbeiten hart und lachen trotzdem viel mehr als wir.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das Baumaterial wird von Nico sorgfältig gesiebt Hat euch das Projekt fit für den Beruf als Architekt gemacht? Julian: Ich denke schon, dass wir in Deutschland von unseren Erfahrungen profitieren, Arbeitgebern wird unser Projekt ins Auge fallen. Mittlerweile ist es ja Gang und Gäbe, ein Semester im Ausland zu verbringen. Ein Schulbau in Ghana ist dann doch etwas Außergewöhnliches. 2007 wollt ihr den Bau beenden. Wie viele Kinder werden die Schule besuchen? Nico: Es gibt ja bereits eine Rundhütte als Schulprovisorium, die von der Initiative Bokemi 2002 gebaut wurde. In dieser Hütte und in einem benachbarten Wohnhaus werden jetzt schon 120 Kinder von vier Lehrern unterrichtet. Durch stetig wachsende Schülerzahlen platzen die Räume aber aus allen Nähten. Ist der Schulbesuch für die Fischerkinder im neuen Schulbau wirklich kostenlos? Nico: Ja und Nein. Pro Kind kostet der Besuch der Bokemi-Schule rund 8,50 Euro pro Monat, darin inbegriffen sind Hefte, Stifte und Bücher und das Gehalt der Lehrer. Allerdings übernimmt die Initiative Bokemi diese Kosten. Die Familien tragen aber auch etwas zum Schulleben bei: Jedes Kind bring täglich 1000 Cedis, das sind umgerechnet 10 Cent, mit. Dafür bekommt jeder Schüler mittags eine warme Mahlzeit. Wenn die Schule fertig ist, bietet sie Platz für 150 Kinder. Reicht das, langfristig gesehen? Julian: Mittelfristig ja. Langfristig wird aber es sicher so sein, dass die Schule um zwei bis drei Klassenräume erweitert wird. Aber ein Anfang ist gemacht. Uns haben Bürgermeister anderer Dörfer bereits nach unseren Projekt gefragt. Wir hoffen, dass unser Beispiel auch in der weiteren Umgebung Schule macht. Welche Kosten sind der Initiative Bokemi entstanden? Julian: Der Bau der Bokemi-Schule wird insgesamt etwa 65 000 Euro kosten, viele private Spender aber auch Stiftungen haben das Projekt bisher unterstützt und wir bemühen uns um weiter Gelder. Habt ihr bereits persönliche Pläne für die Zeit nach dem Schulbau? Nico: (lacht) Ja, dann ist erst einmal das Diplom an der Reihe. Wir werden aber sicher den Kontakt zu unseren neuen Freunden und der Bokemi-Schule pflegen. In der Bildergalerie kannst du dir anschauen, wie die Schule entsteht

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