Am Sonntag ist Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Glaubst du, dass du danach mehr zu tun hast, weil die DVU den Sprung ins Parlament schafft? Ich bin mir nicht sicher, ob sie reinkommt. Ich werde aber auf jeden Fall was zu tun haben, weil ich mich mit der Reaktion auf die Wahl beschäftigen werde. Wenn die DVU es schafft, wird wieder große Betroffenheit und Empörung herrschen. Wenn sie knapp scheitert, werden alle drauf hinweisen, dass sie froh sind, und dann wird das Thema schnell wieder vergessen. Sollte sie deutlich scheitern, dann gibt es wieder eine öffentliche Entwarnung, was das Thema Rechtsextremismus angeht. Aber das ist natürlich zu kurz gegriffen und oberflächlich. Ich werde diese Wahl aber allein schon deshalb aufarbeiten, weil sie wichtig und richtungweisend ist für den so genannten Deutschlandpakt, das ist dieser Kampfbegriff von NPD und DVU. Der Deutschlandpakt ist ein Wahlbündnis mit der Folge, dass die NPD in Sachsen-Anhalt nicht direkt antritt, aber dafür jeden vierten Platz auf der Liste der DVU besetzt. Trotzdem ist die NPD in dem Bundesland äußerst aktiv. In Halberstadt wurde vor kurzem ein Konzert von Konstantin Wecker nach einer Drohung der Partei abgesagt. Was sagt das über die Position der Rechten dort aus? Ich glaube, das sagt eigentlich weniger aus über die Macht der Rechten als über die völlige Unwissenheit von Kommunalpolitikern, über Angst, Feigheit und darüber, dass die Leute vor Ort allein gelassen werden von Bundespolitikern, die ihre Worthülsen gegen Rechtsextremismus abschießen und gleichzeitig die Mittel für Projekte dagegen kürzen. Drohungen gegen Konzerte und Veranstaltungen, die den Nazis unliebsam sind, gibt es überall. Da ist Halberstadt kein Einzelfall. Seit wann beschäftigst du dich denn mit dem Thema Rechtsextremismus? Ich interessiere mich seit meiner Jugend dafür. Ich bin im Hamburger Speckgürtel aufgewachsen und war sozusagen selbst betroffen. Ich hatte lange Haare, und das hat schon gereicht, um mit Neonazis Probleme zu bekommen. Ich bin nie richtig heftig zusammengeschlagen worden, aber es war eigentlich immer eine potenzielle Gefahrenquelle da. Für mich war dieses Thema also immer präsent, in den Medien aber nicht. Weil sich da eine Kluft aufgetan hat, kam irgendwann der Schritt, darüber zu berichten. Gab es denn einen konkreten Anlass dafür, ein Blog über die NPD ins Netz zu stellen? Ich habe mich einfach immer mehr mit der Berichterstattung auseinandergesetzt und festgestellt, wie punktuell und oberflächlich die größtenteils ist. Besonders auffällig war das nach dem Einzug der NPD in den Sächsischen Landtag oder der Rede zum „Bomben-Holocaust“ von Jürgen Gansel. Da ist die mediale Aufregung in Hysterie umgeschlagen. Die „Zeit“ hat damals darüber geschrieben das sei „ekelhaft intelligent“. Das wirkte so, als ob die Demokratie in Gefahr wäre. Als jetzt vor wenigen Monaten drei Abgeordnete der NPD aus der Fraktion ausgestiegen sind, hieß es dann aber plötzlich, dass die NPD am Ende ist. Dazwischen gab es nichts. In der Medienberichterstattung ist keine Entwicklung zu sehen. Es werden einfach nur einzelne Ereignisse rausgepickt. Und genau da will ich ansetzen, weil ich eben kontinuierlich die Sachen sammele. Du schreibst, dass du Entwicklungslinien und Brüche aufzeigen willst. Was meinst du damit? Damit meine ich die Strategie der NPD: Kampf um die Köpfe, Kampf um die Straße, Kampf um die Parlamente. Ich will aufzeigen, inwieweit die funktioniert. Man darf das Thema nicht nur auf den Parlamentarismus beschränken. Die Wahlen sind nur ein Teil, um Geld und Renommee zu bekommen und ein Sprachrohr zu erlangen. Für die Rechten geht es aber auch darum, die „Faschisierung des Alltags“ voranzutreiben, wie Toralf Staud, der Autor des Buchs „Moderne Nazis“, das formuliert hat. Gerade das schaffen Nazi-Kader ja auch immer wieder erfolgreich. Wo bekommst du denn deine Informationen her? Ich surfe natürlich viele Seiten ab, auch die einschlägigen Naziseiten, um zu sehen, wie die Entwicklungslinien sind. Ich telefoniere mit Kollegen und ich spreche auch viel mit NPD-Politikern. Ich denke, dass ich für die wenig Angriffsfläche biete. Ich gehe freundlich mit ihnen um, weil ich was von ihnen will, und ich denke auch, dass ich einigermaßen objektiv berichte. Manchmal passiert es mir im Blog, dass ich ein bisschen zynisch werde, weil mir dann etwas so gegen den Strich geht, dass ich mich nicht zurückhalten kann. Was für Situationen sind das? Wenn es zum Beispiel um Holocaust-Leugnung oder die Opferrhetorik der Rechtsextremen geht, fällt es mir manchmal schwer. Oder aber bei einer Geschichte aus Brandenburg. Da hat der Bundespressesprecher der NPD per Internet gegen ein Jugendseminar gedroht. Er hat mir dann erzählt, dass es diskriminierend gegenüber Deutschen sei, ein Seminar für dunkelhäutige Jugendliche zu veranstalten, bei dem die sich über Rassismus austauschen. Da fällt mir dann nicht mehr viel dazu ein. Aber insgesamt halte ich eine nüchterne und sachliche Berichterstattung für sehr wichtig. Ich glaube, dass die Leser durchaus befähigt sind, ihr eigenes Urteil zu bilden, wenn man ihnen die richtigen Informationen bietet und sie in einen Zusammenhang einbettet. Viele von deinen Journalistenkollegen sagen, dass sie nie mit der NPD sprechen würden, um deren Positionen nicht in die Öffentlichkeit zu bringen. Das Argument, dass man den Leuten ein Forum bietet, kommt immer schnell. Aber es ist ja nicht so, dass ich Positionen eins zu eins übernehme und einfach nur publiziere. Ich picke mir die Informationen raus, die ich brauche. Wenn man das nötige Hintergrundwissen hat, kann man auch besser entscheiden, welche Information man wie verwendet, damit sie möglichst keine Werbewirkung hat. Natürlich hat jede Berichterstattung einen positiven Nebeneffekt für die NPD. Gerade nach der Konzertabsage in Halberstadt konnte sie kurzfristig feiern, dass sie sich gegen die Behörden durchgesetzt hat. Aber mittel- und langfristig wurde die Öffentlichkeit dafür sensibilisiert, dass es Fälle gibt, in denen die NPD das kulturelle Programm in einer Stadt mitbestimmen kann. Worauf sollte man denn als Journalist achten, wenn man mit NPD-Politikern spricht? Man muss einfach vernünftig vorbereitet sein und wissen, was man von ihnen will. Man muss damit rechnen, dass sie einem ihre Rhetorik aufdrücken wollen, und das muss man dann einfach abblocken. Ansonsten sollte man als Journalist aber ganz normal mit denen umgehen. Das ist keine verbotene Partei. Ich halte es für falsch zu sagen, ich spreche mit denen nicht. Man muss ja wissen, mit wem man es zu tun hat und wer da agiert. Soll man dann darauf hoffen, dass sich die Rechten durch ihre Äußerungen schon selber entlarven und diskreditieren? Nee, nicht ganz. Ich würde ihnen jetzt nicht gänzlich unkommentiert Raum bieten und zum Beispiel superrassistische Äußerungen über den Äther schicken. Die Aufgabe des Journalisten ist es, Widersprüche aufzudecken und zu zeigen, was von bestimmten Äußerungen zu halten ist. Aber es bringt doch nichts, wenn Leute immer erst einmal vorauszuschicken, dass sie gegen Nazis sind. Das ist doch im Prinzip Konsens in der Gesellschaft. Ich bin Beobachter und leiste Aufklärungsarbeit. Dafür brauche ich keine zerschlagenen Hakenkreuze auf meiner Seite.