Der österreichische Jungautor Bernhard Winkler ist wütend. Darüber, dass korrupte Politiker jungen Menschen das Vertrauen in die Politik nehmen und dass alle Gesetze von Alten gemacht werden, die die Sorgen der Jugend überhaupt nicht verstehen. Die Jungen werden ihrer Zukunft beraubt, beklagt der 23-Jährige. Um dem entgegenzuwirken, hat er ein Buch geschrieben, dass den trotzigen Titel "So nicht!" trägt. Es soll seiner verlorenen Generation und ihren Problemen Gehör verschaffen, denn diese sei keineswegs politikverdrossen, meint er. Als Revoluzzer oder Wutbürger will sich Bernhard dennoch nicht verstehen. Statt "Mach kaputt, was dich kaputt macht" ist sein Motto vielmehr: "Reparier, was dich kaputt macht".

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Bernhard Winkler 

jetzt.de: Du hast ein Buch über die Politikverdrossenheit junger Menschen geschrieben. Hast du dich eigentlich jemals politisch engagiert?

Bernhard Winkler: Nicht in der Form, wie man sich das vorstellt, also mit einem Eintritt in eine Parteijugend oder Ähnlichem.

Wieso nicht?

Ich habe nie eine politische Heimat gefunden und fühlte mich von keiner Partei wirklich angesprochen. Seit meinem 13. Lebensjahr interessiere ich mich für Politik und verfolge das tagespolitische Geschehen. Deswegen betrachte ich mein Buch auch ein bisschen als Zwischenbilanz der vergangenen zehn Jahre, in denen ich versucht habe, ein politisch interessierter Mensch zu sein und letztendlich zu einem frustrierten jungen Wähler wurde. So wie mir geht es Vielen. Deswegen will ich mich heute mit den Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, selbst engagieren. Die Jugend wird zu oft überhört, das muss sich ändern.

Wieso kam der Frust erst mit 23?

Ich war nie der zornige Wutbürger, der mit hochrotem Kopf die Nachrichten verfolgt und Politiker mit Kraftausdrücken verwünscht hat. Auch mein Lebenslauf ist nicht das beste Beispiel eines Polit-Aktivisten, der bei jeder Protestkundgebung auf der Straße mit dabei ist. Ich habe jetzt aber begriffen, dass man selbst die Veränderung sein muss, die man sich wünscht. Dazu muss man nicht unbedingt einer Partei beitreten. Es gibt ja auch viele interessante NGOs und weitere Möglichkeiten, demokratisch mitzugestalten.

Gibt es heute unter den Jungen keine echten „Revoluzzer“ mehr?

Anarchismus ist out. Wir werden in eine Welt hineingeboren, in der man funktionieren muss. Die Jungen wollen Karriere machen und den Lebenslauf möglichst schnell mit Erfolgen füllen. Die meisten träumen davon, einmal Haus, Garten und Familie zu haben – nur wenige beschließen, sich diesem gesellschaftlichen Druck zu widersetzen.

Wie ist das bei dir?

Ich bin keiner, der alles niederreißen möchte. Mein Motto ist „Reparier, was dich kaputt macht.“ Wir haben der Babyboom-Generation der Fünfziger und Sechziger unseren Wohlstand zu verdanken. Man muss aber sehen, dass sie versäumt hat zu sagen: „Okay, wir haben genug aufgebaut, jetzt müssen wir es gerecht verteilen.“ Viele Alte können nicht verstehen, warum sich die Jugend von heute überhaupt beschwert – die denken, dass wir im Überfluss leben. Vor 70 Jahren hatte man andere Sorgen, zum Beispiel, nicht zu verhungern. Heute wird auf hohem Niveau gejammert. Es ist aber leider so, dass unser Wohlstand zu einem großen Teil auf Kosten angehäuft wurde. Irgendwann werden wir Jungen das geradebiegen müssen.

Und diesen Prozess wolltest du mit deinem Buch einläuten?

Ich wollte mit dem Buch eine Diskussion auslösen und zeigen, dass wir jungen Menschen uns auch für Politik interessieren und auf Augenhöhe mitbestimmen wollen. Mein Ziel war es, sowohl die Jugend als auch Politiker zu erreichen. Positiv überrascht hat mich Tatsache, dass auch sehr viele ältere Menschen Interesse dafür zeigen.

Du bezeichnest unsere Generation als „verloren“. Warum?

Wir müssen die Probleme, die von unseren Vorfahren seit Jahrzehnten auf die lange Bank geschoben werden, lösen. Das ist mit der Art, wie heute Politik gemacht wird, nicht möglich. Die Regierenden planen bis zur nächsten Wahl statt zu fragen, wie Österreich und Europa etwa im Jahr 2050 aussehen sollen.

 

Die Hauptthese deines Buches ist, dass unsere Generation gar nicht so politikverdrossen ist, wie viele glauben. Woran merkst du das?

Viele Studien zeigen, dass die Jugend die Bevölkerungsgruppe mit dem geringsten Politikinteresse ist. Die Frage ist: Warum ist das so? Wenn ich mit Schülern im Erstwähleralter spreche, stelle ich zuerst immer die zwei gleichen Fragen. Die erste lautet: „Wer interessiert sich für Politik?“ Da melden sich von 60 Leuten drei oder vier. Wenn ich aber frage, wer vorhat, wählen zu gehen, melden sich alle. Das ist ein bisschen verwirrend, aber zeigt, dass den jungen Leuten Partizipation schon wichtig ist. Viele meinen auch, sie würden sich mehr für Politik interessieren, wenn es mehr junge Politiker geben würde. Schuld an der Verdrossenheit sind also nicht die Jungen selber, sondern die politischen Verhältnisse, oder eben korrupte Politiker.

 

Ist Politikverdrossenheit in Österreich ein besonderes Problem?

Im Vergleich zu anderen Ländern war in Österreich die Anzahl an politischen Skandalen in den vergangenen Jahren sicher sehr hoch. Wenn es um Korruption geht, sind wir international führend. Außerdem ist, glaube ich, die Überalterung der Gesellschaft eine unterschätzte Ursache für die Verdrossenheit bei den Jungen: Die politische Macht konzentriert sich zu sehr in der sogenannten „Babyboom-Generation“, also den Nachkriegsgeborenen der fünfziger und sechziger Jahre.

 

Wie beurteilst du die politische Bildung, die Jugendliche im österreichischen Schulsystem bekommen?

Was das betrifft, ist die Situation in Österreich trist: Man darf als 16-Jähriger zwar wählen, aber wird darauf kaum vorbereitet. Ich hatte meine erste Stunde in Politischer Bildung erst mit 17. Ich glaube, dass man als junger Mensch viel früher mit Politik konfrontiert werden müsste, es bedarf hier viel Entwicklungsarbeit, um die Jugend für politische Themen zu begeistern. Wir brauchen ein eigenständiges Fach „Politische Bildung“. Es darf nicht als Anhängsel des Geschichte- oder Rechtskunde-Unterrichts verkümmern.

 

Im Wahlkampf wird momentan auch um die Stimmen der Jungen gekämpft. Die FPÖ hat einen Werbespot gedreht, in dem ein junges Mädchen erklärt, warum ihr zukünftiger Freund wie HC Strache sein sollte. Kann man mit solchen Videos die Jugend erreichen?

Da sich viele nicht mehr aktiv mit Politik befassen, bekommen sie leider nur noch den mit, der am lautesten schreit, und das ist nun einmal HC Strache. Der ist auch leider einer der wenigen, die in Diskotheken mit den Jungen reden und sich jugendlich geben, das kommt bei vielen gut an. Andere – ich zum Beispiel – lehnen das ab und finden diesen Personenkult peinlich. Die Jungen, die sich mit Politik befassen, sehen genau hin, ob die Politiker Ideen zu bieten haben oder einfach nur versuchen, Stimmung zu machen und auf Wählerfang zu gehen.

 

Gibt es auch einen Politiker, den du gut findest?

Der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen hat sich mit seiner Art wohltuend von anderen Spitzenpolitkern abgehoben. Der konnte zumindest auch einmal zugeben, wenn er was verbockt hatte. Außerdem war er stets sehr überlegt: Unter Journalisten witzelte man, dass man in seinen Gedankenpausen Werbung schalten könnte, weil er immer so lang gebraucht hat um zu antworten.

 

In Österreich finden im September Nationalratswahlen statt. Hast du schon eine Prognose für das Wahlergebnis?

Ich glaube, dass die Großparteien verlieren und die kleinen zulegen werden. Die Partei des Industriellen Frank Stronach (Team Stronach) wird es, denke ich, mit einer anderen Kleinpartei – vielleicht den liberalen NEOS (Das Neue Österreich) – ins Parlament schaffen. Ich denke auch, dass das rechte BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) aus dem Parlament verschwinden wird. Außerdem werden so viele Junge wie noch nie im Parlament vertreten sein – zumindest eine Sache, die erfreulich ist.