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Autorinnen dringend gesucht

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Bei der Jahrestagung "Wikimania" in Washington, D.C., waren wieder einmal fast nur Männer anwesend. Der Autorinnenmangel bei der Online-Enzyklopädie ist allerdings kein neues Problem. Wir haben mit Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland, über technische und soziale Hürden für Wikipedia-Autorinnen und die Relevanz von royalen Hochzeitskleidern und Pizzaschachteln gesprochen.

jetzt.de: Herr Richter, wie sieht eigentlich der typische Wikipedia-Autor aus?
Pavel Richter: Aus Umfragen wissen wir, dass der typische Autor männlich, gut gebildet und zwischen 20 und 30 oder 40 und 50 Jahre alt ist.

Dass Wikipedia weibliche Autoren fehlen, ist schon lange und immer wieder ein Thema. Warum ist das Problem plötzlich wieder aktuell?
Wir beschäftigen uns schon lange mit der Frage, wie wir mehr Autorinnen gewinnen können. Unterrepräsentiert sind aber auch Autoren mit Migrationshintergrund oder ohne formale Hochschulbildung. Da gehen wichtige Sichtweisen verloren. Wir haben keine repräsentative Autorenschaft, das wollen wir endlich ändern. Für die aktuelle Jahresplanung spielt das eine zentrale Rolle und wir probieren viel aus, um mehr Frauen und allgemein Autoren zu gewinnen.   

Zum Beispiel?
Zum einen ist da die technische Hürde. Die Benutzeroberfläche für Wikipedia-Autoren ist sehr veraltet, es ist viel einfacher, etwas auf Facebook, Twitter oder Blogs zu schreiben. Die Wikimedia Foundation in San Francisco arbeitet gerade an einer neuen Benutzeroberfläche. Das ist allerdings kein frauenspezifisches Problem.  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Was ist dann der Grund dafür, dass so wenig Frauen Wikipedia-Einträge schreiben?
Das ist die Eine-Million-Euro-Frage! Frauen sind im Internet ja genauso aktiv wie Männer. Auch bei den Lesern ist das recht ausgewogen. Laut einer Studie haben in Deutschland 2010 76 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen Wikipedia "zumindest selten genutzt", das ist kein großer Unterschied. Wir denken, die deutliche Unterzahl der weiblichen Autoren liegt an einer sozialen Hürde. Die Diskussionskultur, auch auf Wikipedia, ist männlich geprägt. Das schreckt Frauen ab, sie fühlen sich nicht wohl, auch wegen des Gruppencharakters der Autoren.  

Weil die Autoren schon eine eingeschworene Gruppe sind?
Wikipedia ist ein soziales Netzwerk, da gibt es geschriebene und ungeschriebene Regeln. Für neue Autoren ist der Einstieg nicht einfach, vor allem für Frauen, die ohnehin unterrepräsentiert sind. Vor ein paar Jahren war es noch einfacher, sich direkt zu beteiligen und als neuer Autor zurechtzufinden. 

Welche ungeschriebenen Regeln sind das?
Vor allem die Sprache. Die Wikipedianer haben ihre eigene Sprache, einen eigenen Code. Für mich ist das einfach, weil ich schon jahrelang dabei bin. Neue Autoren tun sich mit den Ausdrücken und Abkürzungen am Anfang schwer. Wir Wikipedianer müssen uns zwingen, nicht zu sehr in diese Fachsprache zu verfallen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Wikimedia-Vorstand Pavel Richter

Wie versuchen Sie, mehr Frauen als Autoren zu gewinnen?
Wir machen innerhalb der Community auf das Problem aufmerksam und bieten Workshops speziell für Frauen an, die mitarbeiten wollen und zeigen, wie man auf Wikipedia schreibt. Auch an Hochschulen suchen wir neue Autorinnen und Autoren. Studenten können zum Beispiel einen Wikipedia-Artikel als Seminaraufgabe schreiben.  

Weiblich konnotierte Einträge wie der über das Hochzeitskleid von Kate Middleton werden immer besonders diskutiert, in dem Fall wurde der Eintrag sogar gelöscht.
Das mit dem Hochzeitskleid illustriert das Problem hervorragend. Der Artikel wurde gelöscht, aber gleichzeitig gibt es 200 Einträge über Linux, so der Vorwurf. Ich kenne den Artikel nicht, ich denke aber - und das ist viel wahrscheinlicher -, dass die Löschung an der Qualität des Artikels lag. Im Juni erst wurde ein Artikel über den Pizzakarton mit dem Zedler-Preis von Wikimedia Deutschland ausgezeichnet, ein richtig schöner Text über ein kleines Thema. Es geht bei dem Hochzeitskleid nicht um Irrelevanz. Wir sind der Auffassung, dass alles relevant ist, weil es immer jemanden gibt, der etwas für relevant hält.  

Wer entscheidet dann, was gelöscht wird?
Jeder kann Artikel zur Löschung vorschlagen, wenn er glaubt, dass sie nicht die nötige Qualität haben. Danach kann jeder mitdiskutieren, auch, wer nicht angemeldet ist. Einer der Administratoren wertet die Kommentare aus. Am Ende löscht er den Artikel - oder eben nicht. Die Diskussion über die Löschung von Artikeln ist also sehr transparent.

Über welche Themen schreiben die wenigen weiblichen Wikipedia-Autoren?
Die Wikipedianerinnen, die ich kenne, schreiben über ganz unterschiedliche Themen. Ich kenne eine Mediävistin, die über das Mittelalter schreibt, aber auch über Donald Duck, weil das ihr Hobby ist. Ich kenne Anwältinnen, die über juristische Themen schreiben, und viele Frauen, die, ebenfalls ehrenamtlich, als Administratorinnen bei Wikipedia arbeiten. Sie beteiligen sich wie ihre männlichen Kollegen und decken das breite Spektrum der Wikipedia ab. Oft ist es aber auch schwer nachvollziehbar, wer männlich und wer weiblich ist, weil man bei uns mit Pseudonym schreiben kann.  

Merkt man das Fehlen der Frauen bei bestimmten Themen?
Ich glaube nicht an typisch weibliche Themen. Themen wie Mode oder Kunst, die man weiblich einordnen würde, sind bei uns nicht unterrepräsentiert. Es gibt aber Forschungsfelder wie die Grundschulpädagogik, die von Frauen dominiert ist, da liegt es nahe, dass das Thema auch in der Wikipedia unterrepräsentiert ist. Wer soll das denn schreiben, wenn in dem Gebiet fast nur Frauen arbeiten und diese auf Wikipedia fehlen? Da geht uns viel Wissen verloren. Es geht in dieser Diskussion gar nicht um solche typischen Themen, die fehlen, sondern um den Pool an vielwissenden Frauen, der verloren geht. Und darum, dass homogene Gruppen, sowohl reine Männer- als auch reine Frauengruppen ein schlechteres Arbeitsklima haben und auch schlechtere Ergebnisse erzielen als heterogene Gruppen. Das gilt auch für Wikipedia. Wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten, wird das Ergebnis besser.  

Wie ist das denn bei den Frauen, die im Unternehmen Wikimedia arbeiten?
In der Organisation bei Wikimedia Deutschland sind 18 von 41 Mitarbeitern weiblich, natürlich auf verschiedenen Ebenen, von der Assistentin bis zur Software-Entwicklerin und Managerin.  

Glauben Sie, dass man mit dem Online-Reiseführer, den Wikimedia gerade plant, mehr weibliche Autoren gewinnt?
Die Projekte Wikitravel und Wikivoyage gibt es bereits. Aus den beiden soll ein eigenständiges Wikimedia-Projekt werden, darüber stimmt die Community gerade ab. Wir hoffen schon, damit neue Autoren und insbesondere Autorinnen zu gewinnen. Ich weiß allerdings nicht, ob bei Wikitravel und Wikivoyage mehr Frauen mitschreiben.  

Bei Wikipedia darf jeder mitschreiben. Wann aber eignet man sich auch als Autor?
Erst einmal kann man bei Wikipedia nicht nur als Autor, sondern auch als Administrator, Fotograf oder zum Aufspüren von Rechtschreibfehlern arbeiten. Als Autor sollte man etwas wissen und sein Wissen auch teilen wollen. Man sollte sich mit dem Stand der Forschung in seinem Gebiet auskennen, weil wir auch immer aktuell sein wollen, schreiben können und eine Affinität zum wissenschaftlichen Arbeiten haben.

Text: kathrin-hollmer - Illustration: Torben Schnieber, Foto: oh

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