"Beim Küssen zeigt sich das wahre Ich"

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Ya-Ching, wie bist du auf die Idee gekommen, 100 Küsse von Fremden zu sammeln? Ich weiß auch nicht, das ist schon drei Jahre her und ich fand die Vorstellung einfach toll. Damals war ich aber noch nicht mutig genug. In Paris wurde mir dann bewusst, dass ich inzwischen genug Courage habe, und legte los. Wie gehst du das an – läufst du einfach los und küsst den nächstbesten Fußgänger? Wenn ich an einem Ort in Paris bin, dessen Atmosphäre mir besonders gut gefällt, halte ich Ausschau nach einem Fremden, der irgendwie zu dem Gefühl passt, das ich mit diesem Ort verbinde. Ich erzähle ihm dann von meinem Projekt und bitte ihn um einen kurzen Kuss. Ich habe zum Beispiel schon ein Model, einen Fabrikarbeiter und sogar einen Soldaten geküsst. Ein paar Deutsche waren auch dabei! Und wie küssen die dich dann: Ganz brav auf den Mund, oder bekommst du sogar französische Küsse? Du bist schließlich in Paris! Nein, doch keine Zungenküsse! Das sind alles ganz leichte Küsse auf die Lippen, so wie eine Libelle, die die Wasseroberfläche berührt… Manchmal habe ich das Gefühl, es war bloß ein Kuss und da ist nichts dahinter. Aber manche Männer küssen unheimlich intensiv. Ich war überrascht, wie groß die Unterschiede sind.

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Über 50 Küsse hast du schon gesammelt. Welcher war bisher der schönste? Das bleibt mein Geheimnis! Aber ich glaube, er war für den Fremden genauso besonders wie für mich. Ich konnte sein Herz klopfen hören! Wir haben uns wohl beide in diesen Kuss verliebt, so schön war das. Als würde man sich in die ganze Welt verlieben. Hast du eigentlich gar keine Angst, dass du dich mit der Schweinegrippe oder irgendeiner anderen Krankheit ansteckst? Je mehr Dinge man fürchtet, desto weniger erreicht man, oder? Das Wichtige ist, mit den seelischen Bazillen klarzukommen, dann können einem die aus der Außenwelt nichts mehr anhaben. In Europa und Amerika wird dein Blog gerade zur Internetattraktion. Drei Millionen Besucher hattest du bisher. Was halten denn die Menschen in deiner Heimat Taiwan von dem Projekt? Einige Taiwaner denken, dass ich unsere traditionellen moralischen Werte verletze, aber für mich hat das nichts mit Ethik zu tun. In Asien ist generell der gesellschaftliche Druck sehr stark, die Menschen haben Angst davor, ihr wahres Ich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Was hat denn Küssen mit dem wahren Ich zu tun? Es ist das Wichtigste! Bei einem richtig guten Kuss geht es nicht darum, attraktiv zu sein oder das Handwerk zu beherrschen. Man muss den Mut haben, sein wahres Ich zu zeigen. Durch soziale Zwänge und Traditionen ist die Kluft zwischen der Innen- und der Außenwelt der Menschen sehr groß geworden. Ich versuche, die beiden zu vereinen und geistige Freiheit zu erlangen. Das macht mich glücklich, und wenn ich glücklich bin, stecke ich vielleicht die anderen an und sie werden auch froh. Auf keinen Fall will ich immer nur daran denken müssen, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Das macht die Leute unglücklich, und dann sind all ihre Anstrengungen vergebens. Ya-Chings Blog findest du hier

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