Bild-Blog-Interview: Ich hasse Bild nicht

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Herr Schultheis, warum hassen Sie Bild? Ich hasse Bild nicht. Obwohl man Bild sicherlich als eine schlimme Zeitung bezeichnen kann, ist BILDblog nicht aus persönlichem Hass entstanden, sondern tatsächlich aus einer langjährigen Unzufriedenheit mit der journalistischen Qualität von Bild. Was wollen Sie mit Ihrem Angebot erreichen? Zunächst geht es uns um Aufklärung über die Qualität von Europas größter Tageszeitung, um die es bedauerlicherweise schlecht bestellt ist. Da verstehen wir uns gern als Archiv, auf das man zurückgreifen kann, wenn es in Diskussionen darum geht, ob in Bild wirklich so viele Fehler stehen. Denn mit dem, was wir bei BILDblog aufschreiben, kann man beweisen, dass Bild Fehler macht – Fehler, bei denen man unterstellen könnte, dass sie vorsätzlich publiziert werden, um auf eine unangenehme und unseriöse Art und Weise Stimmung zu machen. Letztlich geht es uns darum, dass unsere Leser – auch über die Bild-Zeitung hinaus – skeptischer mit Journalismus umgehen. Das gilt für das BILDblog letztendlich genauso, denn uns soll man ebenso kritisch lesen wie andere Medien. Seit Juni 2004 besteht das Archiv BILDblog. Sie selbst stehen als Verantwortlicher im Impressum, während der Medienredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Stefan Niggemeier, als BILDblog-Gründer gilt. Wie haben Sie zueinander gefunden? Stefan Niggemeier ist auf die Idee gekommen und hat mich kurz nach Gründung gefragt, ob ich Interesse an der Mitarbeit hätte. Wir wussten, dass wir zu diesem Thema ähnliche Ansichten haben. Neben Niggemeier und mir besitzen noch zwei weitere Kollegen einen direkten Zugang zu dem Weblog. Andere Autoren schicken zuerst ihre Texte an uns, die wir in ihrem Namen veröffentlichen. Da vorgeschrieben ist, dass ein Verantwortlicher im Impressum stehen muss, halte ich meinen Kopf hin. Wichtig ist mir dabei, dass ich den Leuten, die direkt etwas veröffentlichen können, komplett vertrauen kann. Schließlich legen wir uns mit dem Springer-Verlag an - da sollte man eigene Fehler vermeiden. Sie legen sich tagtäglich mit der mächtigsten Zeitung des Landes an – und zwar im Internet. Warum eigentlich? Mussten Sie ins Netz ausweichen, um schreiben zu können, was Sie schreiben wollen? Natürlich gibt es in Deutschlands Presselandschaft Medienjournalismus – sogar einen kritischen Medienjournalismus. Zwar nimmt er in der letzten Zeit ab, dennoch gibt es ihn – so wie es natürlich auch Medien wie die Berliner Zeitung, den Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung oder öffentlich-rechtliche TV-Magazine wie "Zapp" oder "Panorama" gibt, die sich kritisch mit der Bild-Zeitung auseinandersetzen. Aber der Platz ist begrenzt, weshalb man nicht alles, was in Bild falsch oder irreführend dargestellt oder von anderen Interessen als journalistischen geleitet ist, jeden Tag in den klassischen Medien widerspiegeln kann. Weitere Motive für die Gründung eines Weblogs ergeben sich aus dessen einfacher Anwendung und den geringen Fixkosten. Für nur 50 Euro monatlich finanzieren wir ein Publikationsorgan, mit dem wir eine - zumindest potentiell – unendlich große Öffentlichkeit erreichen können. Eine Zeitung oder ein Magazin herauszugeben ist ungleich aufwändiger - und teurer. Zudem mögen wir die Art des Online-Publizierens, bei der man mit Links arbeiten und sich somit oft die Zusammenfassung von Hintergründen ersparen kann. BILDblog finanziert sich zur Zeit nur über Spenden. Wie kann man ohne Geld Qualitätsjournalismus betreiben? Stefan Niggemeier und ich haben ein großes Interesse daran, BILDblog zu machen und sind deshalb bereit, viel Zeit dafür zu opfern. Das BILDblog ist kein Strohfeuer. Grundsätzlich glaube ich, dass Kontinuität und Qualität dann entstehen, wenn ein Projekt seinen Machern am Herzen liegt. Die Finanzierbarkeit spielt dann eine untergeordnete Rolle. Vielleicht schafft man dadurch sogar eine bessere Qualität. Bei uns kommt hinzu, dass wir in den Momenten, in denen wir selbst nicht mehr weiterwissen, sogar unsere Leser mit einbinden können. Im Online-Journalismus hat man den direkten Draht zu den Lesern, die manchmal zu Mitarbeiter werden. Mit zur Zeit über 30 000 Lesern pro Tag haben Sie es auch ohne große finanzielle Unterstützung geschafft, zum meistbesuchten Weblog Deutschlands zu werden. Gilt BILDblog als Wegweiser für andere sogenannte Watchblogs, die sich kritisch mit der Medienlandschaft auseinandersetzen? Hoffentlich. Ein medienkritisches Angebot wie unseres funktioniert sicherlich nicht nur zum Thema Bild-Zeitung. Ein Spiegel-Blog könnte eine tolle Sache sein. Aber auch Regionalzeitungs-Blogs könnten sehr gut funktionieren. Wenn Lokal-Chef und Bürgermeister im selben Tennisklub sind, befördert das nicht unbedingt die journalistische Unabhängigkeit. Da gibt es vermutlich einen hohen Aufklärungsbedarf. Diese lokalen Weblogs müssen ja nicht eine so große Interessengruppe wie BILDblog finden. Den Bedarf dafür gibt es sicherlich. In den Vereinigten Staaten existieren bereits Watchblogs, deren Autoren sich ausschließlich mit der Arbeit einzelner Journalisten beschäftigen. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Man muss aufpassen – und das ist eine Gefahr, der auch wir uns ständig bewusst sind – dass man sich nicht zu sehr in die Sache hinein kapriziert und dadurch Feindbilder aufbaut. Es erfordert ein gehöriges Maß an Selbstüberwachung und Selbstreflexion, immer wieder einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, ob etwas relevant genug ist, um publiziert zu werden. Und wenn Sie selbst einen Schritt zurücktreten. Wie reflektieren Sie Ihre Arbeit? Es ist schon eine seltsame Entwicklung, dass wir – zu viert und ohne finanzielle Ausstattung – von einem Unternehmen wie der Bild-Zeitung wahrgenommen werden. Im Internet stehen sich BILD.de und BILDblog.de gleichwertig gegenüber. In der Adresszeile sind es nur vier Buchstaben mehr, die potentielle Leserschaft ist, so gesehen, gleich groß. Die Gefahr des Missbrauchs liegt darin, dass es extrem leicht ist, Öffentlichkeit herzustellen. Es wäre fatal, wenn die in unlauterer Weise eingesetzt würde, etwa um Unternehmen zu schaden. Unsere Arbeit zeigt seine Wirkung nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch bei BILD.de, wo inzwischen häufig Fehler korrigiert werden, nachdem wir darauf hingewiesen haben. Zum einen irritiert mich das, es ist gleichzeitig aber auch toll - und irgendwie revolutionär. Das Gespräch führte Linnea Riensberg, 21. Sie studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft sowie Philosophie in Hamburg. Im Rahmen eines Journalistik-Seminars entstand dieses Interview. Es ist teil der Webseite webwatching.info, auf der ab dem 1. Februar Experteninterviews zum Thema Netzkultur veröffentlicht werden.

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