Bilder der Überwachung: "Kameras halten nicht was sie versprechen"

Dietmar Kammerer, 36, arbeitet als Kulturwissenschaftler und Journalist in Berlin. Sein Buch „Bilder der Überwachung“ erschien Ende 2008 bei Suhrkamp. Darin beschreibt er die Kulturgeschichte der öffentlichen Überwachung.
michael-moorstedt

[b]Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit: Ich bin zweimal umgestiegen, am Alexanderplatz und am Potsdamer Platz. Wie oft bin dabei ich wohl von Kameras aufgenommen worden?[/b] In der U-Bahn sicherlich einige Male. Solange man über den Alexanderplatz geht, wird man nicht gefilmt, es sei denn von den Kameras, die am Kaufhof hängen. In Deutschland gibt es im öffentlichen Raum, der dem Staat gehört, relativ wenige Kameras. Der Potsdamer Platz ist Privatbesitz, da ist die Situation anders. Man weiß nicht, was im Sony Center aufgenommen, in welches Gesicht gezoomt und was mit den Bildern gemacht wird. Berlin ist jedoch das einzige Bundesland, in dem es der Polizei nicht erlaubt ist, sogenannte Kriminalitätsschwerpunkte zu filmen. In München dagegen gab es die erste Kamera im öffentlichen Raum bereits 1958. [b]Das war ja klar. Aber macht Videoüberwachung die Stadt überhaupt sicherer?[/b] Es wird immer klarer, dass Kameras nicht halten, was sie versprechen. Vor einigen Jahren galt Verbrechensverhinderung noch als wichtigster Grund. Heute weiß man, dass das so gut wie gar nicht klappt. Bei der Aufklärung gibt es zwar gewisse Erfolge, aber nur, wenn sich die Polizei die Mühe macht, die Bilder auszuwerten. Deshalb wurde schnell auch nicht mehr nur der Terrorismus, sondern auch die gemeine Straßenkriminalität als Begründung hinzugezogen. Inzwischen ist das vollkommen beliebig. Irgendetwas passiert - wir brauchen Überwachung. In England hat eine Gemeinde Kameras installiert, damit die Bürger ihren Müll anständig entsorgen. [b]Die Kamera als Allheilmittel der öffentlichen Ordnung?[/b] Das glauben die meisten Politiker, die Polizei nicht. Die wollen sich nicht den ganzen Tag vor einem Monitor langweilen. 99 Prozent der aufgezeichneten Bilder werden vernichtet. Videoüberwachung zeichnet mehr Material auf als Fernsehen und Kino zusammen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das also kein Verfahren zur Bildspeicherung sondern zur Bildervernichtung - paradox. [b]Du sprichst eine weitere Paradoxie an: Wenn Überwachung nicht hilft, sagen die Verantwortlichen, man brauche mehr.[/b] England ist das Land mit der größten Kameradichte. In zwei Drittel der Fälle sitzen aber keine Polizisten an den Monitoren, sondern schlecht ausgebildete Angestellte der Kommunen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kameras so gut wie keine der Verbrechen verhindern, für die sie eigentlich aufgestellt wurden. Also sagen die Verantwortlichen: „Wenn es nichts bringt, kann es nur bedeuten, dass wir mehr brauchen. Wir brauchen bessere Technologien, wir brauchen dickere Dinger.“ Im umgekehrten Fall - wenn die Maßnahmen zufällig bei der Verbrechensaufklärung oder -prävention helfen, heißt es: „Das Konzept hat sich bewiesen, wir brauchen mehr davon.“ Überwachung gewinnt immer.

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Illustration: Julia Schubert

Die Kamera als Symbol: Für Überwachungs-Experten Kammerer steht sie für die Situation: "Der Staat darf uns überwachen und wir haben uns gefälligst zu benehmen.", Foto: ddp [b]Wenn Kameras nicht wirken, was ist dann mit der Angst vor dem allgegenwärtigen Überwachungsstaat? Alles halb so schlimm?[/b] Wir müssen die Kritik korrigieren. Man sollte nicht zu technikgläubig und paranoid sein. Vieles, was uns Angst macht, ist reine Science Fiction. Automatische Gesichtserkennung funktioniert in der Praxis überhaupt nicht, außerdem können die Menschen auf der anderen Seite oft nicht mit der Technik umgehen. Das heißt aber nicht, dass Überwachung nicht zunehmen würde oder dass man diese Entwicklung einfach ignorieren kann. Die Kamera ist ein Symbol. Der Staat darf uns überwachen und wir haben uns gefälligst zu benehmen. Sobald eine Kamera aufgestellt wird, sind alle Menschen, die sich in ihrem Blickfeld bewegen potentiell verdächtig. Der ganze Rest, etwa Vorratsdatenspeicherung, Online-Untersuchung oder BKA-Gesetz ist aber viel gefährlicher als Überwachung im öffentlichen Raum. Der Computer kann Bilder nicht verstehen. Alles, was in Form von Daten vorliegt ist leicht auszuwerten. [b]In Deinem Buch beschreibst Du auch die Geschichte der Überwachung. Wie haben die Menschen früher reagiert? Ist der Kampf um die Privatsphäre ein modernes Phänomen?[/b] Als Louis XIV. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die Straßenbeleuchtung in Paris eingeführt hatte, wussten die Leute noch, was Privatsphäre ist. Ihnen war klar: das ist eine Maßnahme des Königs, um die Straßen unter seine Kontrolle zu bringen. Laternen wurden damals oft zerstört. Als modernes Beispiel werden immer die Proteste gegen die Volkszählung in den 1980ern genannt. Ich denke, das wird ein bisschen verklärt. Damals waren Computer noch unheimliche Dinge, heute ist der PC unser Freund. Dabei war die Volkszählung ein Witz gegenüber dem, was wir heute bei Amazon eingeben. Die Menschen sind sich noch immer zu wenig über die Gefahren bewusst, und deshalb gibt es auch zu wenig Kritik. Aber man kann beobachten dass es mehr wird. Man sieht es an den Teilnehmerzahlen der Antiüberwachungsdemos in Berlin. Vor drei Jahren waren da 5000 Leute, 2008 sind es zehnmal so viel. Andererseits haben wir uns zu sehr an die Preisgabe unserer Privatsphäre gewöhnt. Ich möchte nicht sagen, dass das am Fernsehen liegt, aber zwischen den Leuten im Big Brother-Container und den vielen Selbstdarstellern auf myspace oder Facebook gibt es schon Parallelen – es herrscht ein allgemeiner Imperativ des „zeige dich, sei unternehmerisch und verwerte dich selbst!“ [b]Du zitierst die Werbung. Ein Autohersteller wirbt in London mit dem Spruch: „Du wirst 300-mal am Tag gefilmt, gib ihnen etwas zum hingucken.“ Glaubst Du, dass Narzissmus Überwachung begünstigt?[/b] Beide Phänomene kommen sich sehr entgegen. Zum Glück ist es noch nicht so weit, dass man Verbrechen begeht, um gefilmt zu werden. Jugendliche in Großbritannien machen aber etwas Ähnliches. Es gab Fälle, in denen Jugendliche vor den Kameras Messerstechereien oder Alkoholgelage inszenierten, um eine Reaktion der Leute hinter den Kameras zu provozieren. Das war natürlich gestellt. Weil es so viele dieser Pranks genannten Scherze gab, stehen in manchen Shoppingmalls bereits Schilder, die vorgetäuschten Alkoholkonsum verbieten. [b]Das klingt ja subversiv - wie kann man sich gegen die Videoüberwachung wehren?[/b] Diese Beispiele sind keine Aktionen gegen den Überwachungsstaat, sondern richten sich gegen die Leute hinter den Kameras. Aber die unterbezahlten Wachleute sind nicht die Feinde. Vielleicht gelingt es so, die Überwachung zumindest aufzuweichen. In den USA gibt es die Surveillance Camera Players, die vor den Kameras Theater spielen und erst aufhören, wenn die Sicherheitsleute kommen und mit ihnen reden. Es gibt noch viele andere Beispiele. Anleitungen im Netz erklären, wie man Funkkameras hacken kann. Am effektivsten ist vielleicht die Gegenüberwachung. Wenn der Staat uns filmt, filmen wir zurück. Dietmar Kammerers Buch "Bilder der Überwachung" ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 13 Euro. Mehr zum Thema im Themenschwerpunkt Überwachung hier auf jetzt.de

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