Blei im Gras - "Legalisiert Drugchecking!"

Im November wurde bekannt, dass im Raum Leipzig bleihaltiges Marihuana im Umlauf ist. Ein Interview mit Annegret Beck, vom Beratungsdienst Drug Scouts.
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Illustration: Julia Schubert

Wann ist zum ersten Mal vergiftetes Gras aufgetaucht? Anfang November wurde der erste Fall gemeldet. Rückblickend wurde dann aber festgestellt, dass kontaminiertes Marihuana schon seit dem Frühjahr im Umlauf ist. Anfang August wurde die erste Person mit Bleivergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Über 360 Leute haben sich bis jetzt testen lassen. 113 hatten erhöhte Bleiwerte. Ist das Gras mittlerweile aus dem Verkehr? Nein. Es wird immer noch weiterverkauft und konsumiert. Wer bringt so etwas in Umlauf? Das wissen wir nicht. Es ist schließlich auch nicht unsere Aufgabe, das herauszufinden. Man kann das aber nicht mit "normalen Strecken“ vergleichen. Kein Kleindealer mischt Blei unter, weil er es gerade daheim herumstehen hat. Wir gehen davon aus, dass das bei der Bepflanzung passiert ist. Und es war auf keinen Fall ein Versehen – dafür ist die Menge zu groß. Das Zeug ist mittlerweile nicht nur in anderen deutschen Städten, sondern auch in Österreich aufgetaucht. Das deutet ja auch daraufhin, dass es sich um riesige Mengen handeln muss. Das war kein kleiner Homegrower. Wir gehen von Endabnehmerzahlen allein in Leipzig im vierstelligen Bereich aus. Warum aber sollte man Blei ins Gras mischen? Mittlerweile hat man nicht nur wie anfangs Bleisulfid gefunden, sondern auch elementares Blei. Und damit kann man das Gewicht erhöhen. Warum diejenigen aber gerade Blei dafür benutzt haben, ist uns unerklärlich. Außerdem musste irgendjemand das Blei auf die Pflanzen gebracht haben – auch für diese Leute war das gesundheitsschädlich. Es ist uns ein Rätsel, wie man auf so eine Idee kommt. Wie merkt man eine Bleivergiftung? Eine akute Bleivergiftung spürt man sofort: man hat krampfartige Bauchschmerzen, Übelkeit, hohen Blutdruck. Ein größeres Problem ist eine chronische Bleivergiftung. Man kann lange Zeit erhöhte Bleiwerte im Blut haben, ohne es zu merken. Anzeichen für eine chronische Vergiftung sind: Schwäche, Blässe, Lähmungs- und Taubheitsgefühl in den Händen, Apathie und ein grauschwärzlich verfärbte Zähne am Zahnfleischsaum. Eine Bleivergiftung kann zu einer Hirn- Leber und Nierenschädigung und im Extremfall sogar zum Tod führen. Wir empfehlen Konsumenten, sich testen zu lassen, wenn sie Marihuana aus Leipzig geraucht haben. Ist das eigentlich der erste Fall von giftigen Marihuana? Nein, wir beobachten das schon seit zwei, drei Jahren, dass nicht nur Haschisch, sondern auch Gras gestreckt wird. Zum Beispiel wurden Grassplitter untergemischt und manche Konsumenten haben von Vogelsand berichtet. Marihuana ist leider schon lange nicht mehr die "saubere, natürliche" Droge. Blei als Streckmittel ist allerdings eine ganz neue Dimension. In diesem Fall ist das fatal, da es praktisch unmöglich ist, das kontaminierte Gras am Aussehen zu erkennen. Das eigentlich Bedauernswerte aber ist etwas anderes: Schon vor einem Jahr hat der deutsche Hanfverband beim Bundesgesundheitsministerium angefragt, dass das BKA Cannabis doch auch auf Schadstoffe testen soll. Das wurde abgelehnt. Wo kann man überhaupt Drogen auf Schadstoffe testen lassen? Wir dürfen das auch nicht tun. Drug Checking ist – anders als z.B. in Österreich und der Schweiz – in Deutschland verboten. Die einzige Möglichkeit ist momentan, die Drogen anonym bei einer Apotheke einzuschicken. Das kostet 20 Euro. Wir sind der Meinung, dass ein Großteil der Erkrankungen hätte verhindert werden können, wenn Drug Checking legal wäre. Doch bei der Bundesdrogenbeauftragten heißt es: Das sei das falsche Signal, denn wenn wir keine Schadstoffe finden würden, käme das einer Aufforderung zum Konsum gleich. Das passe nicht in die Präventionsstrategie. Das ist Quatsch bei geschätzten 4,5 Millionen Cannabis-Konsumenten. Wie sieht die Arbeit der Drug Scouts aus? Wir machen in erster Linie Informationsarbeit, zum einen auf unserer Website www.drugscouts.de und zum anderen sind wir viel auf Festivals und in Clubs unterwegs. Bei uns können aber Leute auch anrufen oder vorbeikommen und sich beraten lassen.

Text: philipp-mattheis - Foto: ap

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