"Bookcrosser sind Weltverbesserer": jetzt-Userin karin-gespenst über ihr Hobby

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Was bedeuten dir Bücher? Ich finde Bücher sind ein wertvoller Rohstoff. Sie heizen die Phantasie an. Zuweilen sind sie auch Munition, eine Idee, die in die Welt gestreut wird. Wie aus einem Buch ein Flächenbrand werden kann, hat man ja gerade bei Harry Potter gesehen. Bücher stehen für dich also schon ziemlich weit oben? Die Reihenfolge ist etwa so: Schlafen, essen, lesen. Hast du ein Lieblingsbuch? Das kann ich mir nicht leisten, es gibt viel zu viele lesenswerte Bücher, das wäre frevelhaft, glaube ich. Das würde allen anderen Büchern nicht gerecht werden. Du bist Bookcrosserin. Was ist das? Bookcrossing heißt, dass die Bücher, die ich nicht mehr brauche, von mir weg wandern zu jemand anderen, der sie lesen kann, will oder soll.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das klingt ein bisschen kryptisch, Bücher haben keine Beine... Nein, aber wir machen ihnen welche. Weil Bücher nicht von alleine zu jemanden gehen, der etwas mit ihnen anfangen kann, setzen wir Bücher in der Öffentlichkeit aus. An der Bushaltestelle oder auf einer Parkbank oder in einer Kneipe. Das nennen wir „auswildern“ oder „freilassen“. Auf der Internetseite bookcrossing.com gebe ich einem Buch eine Registriernummer, vermerke sie im Buch und markiere es als „freies Buch“. Dann kommt es in meinen Rucksack und wenn mir eine gute Gelegenheit unterkommt, wird das Buch auf die Reise geschickt. Anschließend schreibe ich die Release Note, in der steht, wo ich das Buch wann gelassen habe. Wenn jemand aus meiner Stadt Interesse hat, kann er es jagen gehen, und im Idealfall erfahre ich auch, wer es gefunden hat, wie es ihm gefallen hat und ob er es wieder freigelassen hat. Warum machst du das? Ein Buch ohne Leser ist nur ein Stapel Papier. Im Bücherregal passiert ihm nichts. In der Wildnis kann es andere Leser finden, die es berühren oder auch wütend machen kann. So entstehen Geschichten, die über die eigentliche Geschichte des Buches hinaus gehen. Ist Bookcrossing ein Sport für Individualisten? Schon eher. Wir haben untereinander eine herzliche Art uns auszutauschen, aber am Ende macht jeder seine Aktionen meist alleine. Aber es liegt auch an den einzelnen Bookcrossern. Man könnte sicher mehr zusammen machen, aber das ist dann was für Fortgeschrittene. Was sind deine Spezialitäten? Ich mache ab und zu einen Themenrelease. Das bedeutet, Ort, Buch und Setting sind aufeinander abgestimmt. Zum Beispiel lasse ich Bilderbücher auf dem Spielplatz frei. Man könnte zum Beispiel auch das „Glasperlenspiel“ am Geburtstag von Hermann Hesse in seinem Geburtsort liegen lassen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Gibt es auch Bücher, von denen du dich nicht trennen kannst? Klar, wenn es ein Buch gibt, dass ich für meinen Seelenfrieden im Regal brauche, dann bleibt das auch da. Wenn nicht, dann raus damit. Dass ist die Idee hinter Bookcrossing. Ich glaube nicht, dass die Bücher besser werden, wenn sie Zuhause herumstehen. Ich lese zum Beispiel auch längst nicht alle Bücher, die ich auswildere. Bookcrossing ist super, um sich bewusst zu werden, dass man die Riesenmasse an verfügbaren Büchern niemals alle lesen kann, auch wenn es vielleicht interessant wäre. Irgendwann stört mich das dann nicht mehr, wenn ich ein Buch doch nicht lese, obwohl ich es mir mal vorgenommen hatte. Und wenn du dann ein tolles Buch ausgesetzt hast und du bekommst gerade von diesem Buch keine Rückmeldung und weißt nicht, wo es gelandet ist? Das ist schon schade, aber andererseits kann der Eintrag ja auch jederzeit noch eintreffen. Manchmal kommt er erst Monate oder Jahre später. Wie viele Bücher lässt du am Tag frei? Das schwankt und ist echt schwer zu sagen. Ich bin jetzt seit vier Jahren dabei. Im Schnitt sind es wohl so drei pro Woche. Woher hast du all die Bücher? Das macht 15 im Monat und 180 im Jahr! Augen offen halten. Flohmärkte, modernes Antiquariat, Kisten, die fürs Altpapier bestimmt sind. Ich bekomme auch Bücher, die andere aussortiert haben und gerne hergeben. Ich habe nicht allzu hohe Ansprüche an die Bücher. Aber keinen Schund. Keinen Kitsch. Keine Handbücher für Windows 3.1. Hast du Freunde bei den Bookcrossern gefunden? Nein, Freunde sind was anderes. Aber es ist ganz schön, Leute zu treffen, die auch ein bisschen verrückt sind, die den gleichen Spleen haben. Da gibt es dann auch einen kleinen Wettbewerb: Wer hat sich die größte Herausforderung in Sachen Bookcrossing gestellt? Zum Beispiel gibt es Leute, die versuchen, in so vielen unterschiedlichen Ländern wie möglich Bücher zu verteilen. Oder alle Städte in Deutschland abzudecken. „Auswildern“, „jagen“, „freilassen“: Eure Sprache klingt ein bisschen nach Abenteuer. Hat Bookcrossing für dich einen Abenteuer-Touch? Ja, schon. Es hat was von Schnitzeljagd, von Flaschenpost, auch von Robin Hood. Das ist ein großes Abenteuerspiel. Robin Hood? Bookcrosser sind schon kleine Weltverbesserer. Sie fasziniert die Idee, mit Büchern Wissen zu verbreiten, die Möglichkeit zu schaffen, sich in eine andere Welt zu denken. Gibt es dir einen Kick, irgendwo ein Buch liegen zu lassen? Man steht unter Adrenalin, wenn man was Verrücktes macht und Leute schauen dabei zu. Und es entstehen tolle Situationen. Neulich habe ich ein Buch im Bus liegen gelassen und eine Frau fragte: „Ist das Ihr Buch?“ Und ich sagte „Nein, das Buch gehört sich selbst“ und stieg aus. Als ich zuhause ankam, hatte sie ihren Fund schon bei bookcrossing.com gemeldet. Macht das süchtig? Manche schon. Und mich auch, ja. Hier beschreibt karin-gespenst selbst ihr schönstes bookcrossing-Erlebnis.

Text: anke-luebbert - Fotos: Anke Lübbert

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