Bulimisches Lernen! Herr Wenzel will die Zwischenzeugnisse abschaffen

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Sie sagen, Zwischenzeugnisse seien überholt. Warum? Zwischenzeugnisse sind informationsarm. Da stehen Dutzende von Ziffern drin, die für die meisten Eltern erstens keine Überraschung und zweitens aussageschwach sind. Was heißt eine 3? Eine 5? Noten sind aussageschwach und nur eine generelle Groborientierung. Wie ist es mit Kopfnoten? Die sind das Erbärmlichste, was es gibt. Das Schülerverhalten in Ziffern … nein.

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Illustration: Julia Schubert

Was ist für Sie die Alternative zu Zwischenzeugnisnoten? Ein Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Lehrern. Ich rede gerne - ein romantischer Begriff - von der "Schulfamilie", in der man sich gegenseitig mitteilt. Das geht im Gespräch besser als über ein schriftliches Zeugnis. Aber das ist nun auch nicht außergewöhnlich: Die Schule bietet ja regelmäßig Kontakte an, seien es Sprechstunden oder Elternsprechtage. Wichtig ist mir, dass auch die Eltern das als angenehm empfinden. Ich habe selbst drei Kinder und fühlte mich beim Elternsprechtag wie ein Bittsteller. Deshalb möchte ich heute, dass wir ein Vertrauensverhältnis entwickeln. Das klingt sehr gut, aber auch sehr illusorisch. Das klingt sehr gut. Punkt. Nichts "aber"! Wir müssen uns bemühen, in diese Richtung zu gehen. Nennen sie es eine Vision. Wenn sie als Verbandsvertreter keine Vision haben, werden sie keine Kleinziele erreichen. Ich habe die Vision von einer Schulfamilie, in der niemand mit Sanktionen rechnen muss, in der starke, selbstbewusste und lebensbejahende Menschen wachsen. Wissen Sie, wie lange es schon Zwischenzeugnisse gibt? Ich bin 60 Jahre und hab' meine ersten Zwischenzeugnisse schon vor über 50 Jahren bekommen. Also – die gibt es schon sehr lang.

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Illustration: Julia Schubert

Klaus Wenzel. Nochmal: Was bezwecken Sie damit, wenn Sie fordern, die Zwischenzeugnisse müssten abgeschafft werden? Wir brauchen ein neues Leistungsverständnis in der (bayerischen) Bildungspolitik. Das heißt: Schüler sollen erkennen, dass sie an der Schule Kompetenzen und nicht Ziffernnoten bekommen. Nach dem jetzigen Leistungsverständnis genügt es, dass Schüler ein gutes Kurzzeitgedächtnis haben: Ich nenne es bulimisches Lernen - vorher reinfressen, bei der Probe rauskotzen. Ohne Gewichtszuwachs. Wir wollen in der Schule aber ein "aktives Handlungswissen" vermitteln. Gibt es Beispiele, wo das schon nach Ihrer Vorstellung geschieht? Wir haben auch bei uns positive Ansätze. In der Grundschule in der ersten Klasse gibt es eine sehr gute Beratungskultur - da verzichten wir im ersten Zwischenzeugnis etwa auf Ziffernoten. Und die Waldorfschulen pflegen zum Beispiel eine engere Kooperation zwischen Schulen und Elternhaus. Da werden Kinder in ihrer Entwicklung beschrieben und nicht benotet. Waren Sie selbst auf einer Waldorfschule? Nein, aber als Hospitant bin ich viel in Waldorfschulen gewesen. Und von dort möchten Sie das familiäre übernehmen? Warum nicht?

Text: peter-wagner - Fotos: dpa

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