“Casting is Everything”

Das sagt jedenfalls Milos Foreman. Aber was macht eigentlich ein Casting Director?
caroline-vonlowtzow

Tina Thiele, 29, hat Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Kulturelles Management in Köln studiert. Bereits während ihres Studiums hat sie begonnen im Casting-Bereich zu arbeiten. Sie hat u. a. Niko von Glasows Film „Die Edelweisspiraten“ besetzt, der Mitte November letzten Jahres in die Kinos kam. Mit „Casting“ hat Tina Thiele nun ein Buch veröffentlicht, in dem man alles über die Profibranche nachlesen kann. Zurzeit betreibt sie das Internetportal gesichter-gesucht.de, welches parallel zur Publikation entwickelt wurde. Die Website bietet verlässliche und aktuelle Kontaktdaten und Informationen aus dem Casting-Bereich für qualitative Film- und Fernsehproduktionen.

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Illustration: Julia Schubert

Foto: Juliette Brinkmann Als ich den Titel „Casting“ gelesen habe, dachte ich, es geht in deinem Buch um Casting-Shows. Das kommt aber gar nicht vor. Ich wollte die Geschichte dieses Berufs erzählen und in dem Praxisteil jungen Schauspielern zeigen, wie die Filmbranche funktioniert. Ich besetze keine Casting-Shows. Das ist einfach nicht mein Aufgabenbereich. Ich will auch niemandem in der Disco die Illusion geben, ihr werdet bei mir Stars. Schauspielerei ist ein Beruf, den man über eine lange Zeit lernt. Ich frage mich schon, was aus einem Küblböck und einem Slatko wird oder geworden ist, weil sie erst gehypt und dann plötzlich fallen gelassen werden. Diese Shows interessieren mich nicht. Ich will insbesondere mit Profis arbeiten, weil ich weiß, wenn ich eine Anna Thalbach oder eine Helene Grass für eine Rolle besetze, dann macht die das und kann das auch. Trotzdem spricht man im Zusammenhang mit Filmen von der Regie, vom Drehbuch, manchmal sogar von der Kamera und natürlich immer von den Schauspielern. Von demjenigen, der die Schauspieler aussucht und die Rollen besetzt, hört man aber nie etwas. Ganz so ist es nicht mehr. Wenn man ins Kino geht und Abspänne liest, ist Casting mittlerweile sehr präsent. Aber natürlich, im Vergleich zu Kamera, Schnitt, Drehbuch oder Maske wird es immer noch weniger wahrgenommen. Es gibt auch den Spruch: Sitzt Otto Normalverbraucher im Kino, fällt ihm Casting nur auf, wenn es schlecht ist. Woran liegt das? Du stellst deinem Buch ein Zitat von Robert Altman voran, der gesagt hat, 90 Prozent eines Films ist Casting. Milos Foreman geht sogar noch weiter: „Casting is everything“. Ein Grund ist aber sicher, dass man hier lange gedacht hat, der Beruf des Casting Directors sei ausschließlich aus Amerika übernommen worden. Das stimmt nicht ganz so, denn in der Weimarer Republik hatten wir eine sehr ausgeprägte Kinolandschaft. Aber natürlich, in Amerika hat alles begonnen. Der Beruf des Casting Directors ist dort Anfang der 1920er entstanden, weil sich Berichte über Drogenexzesse und Sexskandale einiger Stars häuften und man die Darsteller kontrollieren wollte. Die Einführung des Tonfilms war ebenfalls sehr wichtig, denn vielen der alten Stummfilmstars wie Mary Pickford versagte die Stimme. Es gab damals noch keine Schauspielausbildung, sondern die Leute wurden von der Straße geholt. Die Filmstudios mussten deshalb neue Stars aufbauen. Das haben die Casting Directors getan und viele Theaterschauspieler wie die Garbo oder Marlene Dietrich nach Hollywood geholt. Wie hat sich der Beruf in Deutschland entwickelt? Auch in Deutschland hat der Tonfilm dazu geführt, dass bspw. auch das Besetzungsbüro der Ufa gegründet wurde. Deren Produzent Erich Pommer hat als erster erkannt, dass man Stars aufbauen muss. Zudem wurden in Deutschland Filme nicht synchronisiert, sondern von vornherein in mehreren Sprachversionen gedreht. Man benötigte also noch mehr Schauspieler und Besetzungsbüros wurden unumgänglich. Erster Besetzungschef der Ufa wurde 1931 Jobst von Reith, ein Regieassistent von Max Reinhardt, der die gesamte Theaterlandschaft kannte und einen Überblick über professionelle Schauspieler hatte. Durch die Nazi-Zeit ist die kreative und unbelastete Besetzung in Deutschland verloren gegangen und auch der Name des Handwerks. Die Kinolandschaft war zerstört und Film als Sündenbock diskreditiert. Profischauspieler spielten fast nur am Theater. Wann hat Casting in Deutschland denn dann wieder Fuß gefasst? Eigentlich erst Ende der siebziger Jahre. Damals haben neben dem Kölner Casting Director Horst D. Scheel die Casting-Stammmütter, wie ich sie immer nenne, Risa Kes, Sabine Schroth und An Dorthe Braker, den Beruf aufgegriffen. Es gab nur 13 Schauspieler-Agenturen, die Lizenzen vom Staat hatten, und als Pendant dazu auf der Casting-Seite, die staatliche zentrale Bühnenvermittlung. Als die Privatsender zugelassen wurden, kam das einem medienpolitischen Urknall gleich. Heute gibt es 300 bis 500 Agenturen, die alle ihre Schauspieler vermitteln wollen, und freiberufliche sowie festangestellte Casting Director, die sich frei und objektiv auf dem Markt bewegt und die Schauspieler aussuchen. Du arbeitest selbst im Casting. Wie kam es dazu? Ich habe durch mein Studium die Produktionsfirma Palladio Film kennen gelernt und über die wiederum zufällig den Regisseur Niko von Glasow, der damals gerade an seinem Filmprojekt „Edelweisspiraten“ arbeitete. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen und er hat mich gefragt, was ich mit meinem Studium eigentlich anfangen wolle. Ich hatte damals gerade „Der Name der Rose“ gelesen und den Film von Bernd Eichinger gesehen, der von Sabine Schroth besetzt worden war. Danach wusste ich, das möchte ich machen. Also habe ich Niko von Glasow geantwortet: Ich kann ein Drehbuch auseinander nehmen und dir sagen, wer das spielen kann. Er hat mir dann gesagt, dass man das Casting nenne und mir das Drehbuch zu „Edelweisspiraten“ in die Hand gedrückt. So kam es, dass ich neben meinem Studium meinen ersten Film besetzt habe. Wie bist du dabei vorgegangen? Das war ja deine erste Besetzung. Ich hatte damals noch ein Otto-Normalverbraucher-Wissen über die Schauspielbranche, aber Niko von Glasow hat mir zum Glück geholfen und auch Kontakte zu Risa Kes und Sabine Schroth hergestellt. Ihm war es wichtig, wirklich die passende Person für seine Filmrollen zu finden, aber es mussten keine bekannten Namen sein. Normalerweise liest man das Drehbuch und überlegt sich, wen man vor sich sieht. Jeder hat ja unterbewusst eine Vorstellung davon, wie ein Banker aussieht oder ein Bäcker. Als Casting Director hat man dann die Wahl: breche ich diese Grammatik, um wieder den einzelnen Menschen interessant zu machen oder eben nicht. Bei „Edelweisspiraten“ kam noch dazu, dass der Film im Zweiten Weltkrieg spielt. Braungebrannte Bodybuilder-Typen passen da nicht. Ich habe dann Schauspieler-Agenturen kontaktiert, Hunderte von Katalogen gewälzt, mir Demobänder und Fotos angesehen und sehr viele Schauspieler persönlich vorsprechen lassen. In Deutschland wird meist über Fotos oder Videobänder besetzt, aber dabei geht viel verloren. Bela B. von den Ärzten zum Beispiel, der den „Bombenhans“ spielt, hatte ein Agentur-Videoband eingeschickt und der Regisseur war nicht gleich überzeugt. Wir haben nach einem Konzert noch einnmal eigene Aufnahmen von Bela gemacht und sie dem Regisseur gezeigt und danach war klar: Bela ist es. Bei „Edelweisspiraten“ spielen viele Laien mit. Wie hast du die gefunden? Ich bin mit dem Regisseur durch über 60 Schulen gegangen und wir haben uns Tausende von Jugendlichen angesehen, um am Schluss vier Jungs auszuwählen. Gerade im Kinder- und Jugendbereich muss man sehr sorgfältig casten: man muss die Jugendlichen anleiten, ihnen klar machen, dass das ein einmaliges Projekt ist und sie danach keine Superstars sind. Ich habe sie während des dreimonatigen Drehs in St. Petersburg betreut und ihnen mit der Schule geholfen, weil die Bedingung der Eltern war, dass sie durch den Film in der Schule keine Probleme bekommen. Wir hatten extra einen pensionierten Mathelehrer aus Köln dabei. Auch nach dem Dreh sind wir noch regelmäßig gemeinsam ins Kino gegangen, damit sie langsam Abstand gewinnen und um bei ihnen nachzuhorchen, wie es ihnen geht. Du bist in den Casting-Bereich reingerutscht, aber gibt es eigentlich auch einen Ausbildungsweg? Eigentlich nicht. Die meisten sind Quereinsteiger. Sabine Schroth (die Tochter des Schauspielers Carl Heinz Schroth) war sehr viel im Theater und hat dort schon immer Besetzungsvorschläge gemacht. Ursprünglich war sie Dolmetscherin, hat dann in Amerika beim Film gearbeitet und dort den Beruf des Casting Directors entdeckt. Was ist denn wichtig, wenn man Casting Director werden will? Man braucht starke Nerven, Diplomatie, Leidenschaft, Liebe zu Schauspielern, bzw. Menschen allgemein, manchmal aber auch ein dickes Fell. Man muss natürlich unheimlich viel ins Kino und Theater gehen, alles wissen und den Nachwuchsbereich immer im Auge haben. Wer geht von den Schauspielschulen ab, wer könnte in Frage kommen usw. Der Traum eines jeden Casting Directors ist natürlich, einen zukünftigen Star zu entdecken. Casting von Tina Thiele, 332 Seiten, ist im Verlag UVK erschienen und kostet 19 Euro 90.

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