„Da ist nicht mehr viel zu retten"

Der Musiker Maxim beschäftigt sich auf seinem neuen Album mit seiner Generation. Es ist kein besonders fröhliches Album. Höchste Zeit für ein klärendes Gespräch.
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Maxim, in deinem Song „1980 - 2010" begräbst du deine Generation. Ist es dafür nicht ein bisschen früh? Klar, denn wir leben ja noch. Im Song geht es auch eher um ein Bild, das für mich schlüssig ist: ich bin 30 Jahre alt geworden, das ist der Zeitraum, der eine Generation umfasst. Und eine Beerdigung deshalb, weil man sich dort von etwas verabschiedet, was vorbei ist. Dort gehen Leute hin, oder auch nicht. Dort werden Reden gehalten. In „1980 – 2010" geht es um mich und meine Gefühle gegenüber meiner Generation. Und vor allem geht es um die Frage: was bleibt einmal von dieser Generation?

Auf dem Grab deiner Generation, singst du, würde kein Name stehen. Warum nicht?
Ich habe viel darüber nachgedacht, aber mir fiel nichts ein. Keine Bewegung, wirklich nichts, was unsere Generation vereinen könnte. Was aber ja auch nicht wirklich schlimm ist. Ich saß nie weinend in meinem Zimmer, nur weil ich kein Teil einer Jugendbewegung war. Das führt allerdings dazu, dass eben kein Name auf dem Grabstein steht. Nur „1980 – 2010".

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Illustration: Julia Schubert

"Wenn man regelmäßig alles von oben betrachtet, gelangt man an einen Punkt, an dem man denkt: da ist nicht mehr viel zu retten": Maxim.

Welche Merkmale, welche Besonderheiten würdest du deiner Generation dennoch zugestehen? Unser Merkmal ist es, dass es kein Merkmal gibt. Unser Merkmal ist unsere Undifferenziertheit. Rückblickend hatte ja jede Generation etwas, wofür sie stand. Wir hingegen wollen uns für nichts wirklich hergeben. Weder für eine bestimmte Musikrichtung, noch für eine spezielle Politik. Wir glauben an viele unterschiedliche Dinge, sind nicht so dogmatisch, schauen uns immer alles genau an und wahren erstmal eine gewisse Distanz. Wir glauben nicht sofort alles. Das finde ich eigentlich auch ganz gut. Klingt aber auch irgendwie unentschlossen. Nein, so meinte ich das nicht. Es gibt einfach nichts, was so gut ist, dass wir uns voll und ganz darauf einigen könnten.

Warum denn nicht?
Unter anderem wohl, weil wir extrem aufgeklärt sind. Wir sind krasse Realisten, sehen die Dinge immer, wie sie wirklich sind. Wir sind nicht mehr naiv. Wir sind keine Hippies und glauben an die Rettung der Welt.

Deiner Generation wird eine gewisse melancholische Seite nachgesagt. Viele sehen einen grauen Schatten als ihren ständigen Begleiter. Auch du scheinst das mit deinen Songs ausdrücken zu wollen.
Ja, das stimmt. Die Gleichaltrigen, die ich kenne, sind zwar an sich keine traurigen Menschen, aber jeder von ihnen weiß ganz genau, was Melancholie bedeutet. Und ein Schatten aus Melancholie trifft es ganz gut. Der liegt da irgendwo, und man kann ihn nicht so recht beschreiben, weiß nicht, was er ist, und auch nicht, wann genau er da ist und wann nicht.

Wie, denkst du, kommt es zu dieser Grundmelancholie?
Ich glaube, dass wir alle relativ viel nachdenken. Nachdenken macht nicht unbedingt fröhlicher. Klar, das Leben ist schön! Es gibt vieles, was ganz wunderbar ist. Aber wenn man regelmäßig alles von oben betrachtet, gelangt man an einen Punkt, an dem man denkt: da ist nicht mehr viel zu retten. Das führt dann zu einem Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Von Sinnlosigkeit. Ein sehr melancholisches Gefühl.

Auch ein Gefühl von Hilflosigkeit?
Ja, kann man so sagen.

Wann hast du dich zuletzt hilflos gefühlt?
In der Vergangenheit eigentlich ständig. Ich mache seit zehn Jahren Musik und konnte meinen Erfolg damit nie kontrollieren. Ich konnte und kann nur immer wieder versuchen, das Bestmögliche zu schreiben und hoffen, dass es nicht nur mir, sondern auch anderen gefällt. Erstmal natürlich einer Minderheit, also den Menschen, die vor bestimmten Türen stehen und mich durchlassen müssen. Das ist lange Zeit nicht passiert.

Über diese mehr oder weniger erfolglose Zeit als Musiker hast du den Text „Kaiserschnitt" geschrieben. Darin heißt es, du wärst „süchtig nach Ideen", könntest aber einfach „nicht zünden". Vielleicht auch ein Wesenszug deiner Generation?
Es gibt ja dieses Berlin-Syndrom: die Leute haben tausend Projektideen, setzen sie aber nie um. Bei mir ist es anders. Wenn ich eine Idee habe, kann ich sie auch umsetzen. Ich brauche ja nicht viel dazu, eigentlich nur meine Gitarre. Es gibt allerdings immer wieder Phasen, in denen ich einfach keine Ideen habe, sie aber brauche, um mein Leben mir gegenüber zu rechtfertigen. Und um es zu finanzieren.

Im Text schreibst du von deinem Geld, das nur zu einer Hälfte dir, zur anderen deinen Eltern gehöre. Wie fühlt sich diese Abhängigkeit für dich an?
Ich habe schon früh Backing-Vocal-Jobs übernommen, war zum Beispiel mit Nosliw viel unterwegs. Davon konnte ich leben. Damals, mit Anfang 20, brauchte ich ja auch nicht so viel Geld wie jetzt. Als ich ein paar Jahre später aber musikalisch in eine andere Richtung ging und ein manche Dinge nicht so funktionierten, wie geplant, musste ich wieder von meinen Eltern unterstützt werden. In dieser Zeit habe ich immer wieder überlegt, ob ich alles an den Nagel hängen und doch lieber studieren sollte. Ich mag es überhaupt nicht, von meinen Eltern abhängig zu sein.

Hätte es eine Alternative gegeben?
Das Problem ist: wenn man so intensiv Musik macht, wie ich es in den letzten zehn Jahren gemacht habe, ist das unheimlich zeitaufwendig. Hätte ich nebenher noch gejobbt, würde ich jetzt nicht da stehen, wo ich stehe. Ich habe extrem hart gearbeitet, mich nie ausgeruht. Ich habe mich jeden Tag an den Schreibtisch gesetzt, auch wenn ich manchmal wochenlang auf ein leeres Blatt gestarrt habe.

Hatten deine Eltern immer Verständnis dafür?
Ja, sie waren super. Ihr Gedanke war wohl auch: wenn er studieren würde, müssten wir ja auch was bezahlen. Es war ja auch nicht so, dass sie mir mein komplettes Leben finanziert haben. Ich habe immer auch selbst Geld verdient.

http://www.youtube.com/watch?v=t4UgXz1zw5I Die erste Single "Staub" aus Maxims gleichnamigem Album, das am Freitag erschienen ist.

Wie ist es heute?
Die Existenzangst bleibt mein ständiger Begleiter. Ich kenne auch niemanden, der das macht, was ich mache, und diese Angst nicht hat. Das liegt sicher daran, dass der Beruf Musiker in Deutschland nicht so angesehen ist wie in anderen Ländern. Wenn man in Frankreich sagt, man sei Chansonnier, finden die meisten das ziemlich okay. Wenn man in England sagt, man spiele in einer Rockband – normal. Aber wenn man in Deutschland erzählt, man mache Musik, kommt sofort die KMDL-Frage: Kann man davon leben?

In einem Song auf deinem Album beschreibst du dich als „Hupe im Stau" und als „Pfennig ohne Glück". Wie viel Glück brauchtest du, um deine Karriere in Schwung zu bringen und letztlich ganz davon leben zu können?
Ich hatte nicht viel Glück. Aber auch kein wirkliches Unglück. Ich glaube, ich hatte das, was ich verdient habe.

Wie meinst du das?
Es gibt Musiker, deren Debüt schon durch die Decke ging. Dazu gehört Talent, aber auch eine Menge Glück. Ich würde behaupten, dass mein erstes Album auch nicht komplett talentfrei war, aber ich habe es damit eben nicht geschafft, weiter zu kommen. Im Nachhinein bin ich froh, dass das nicht geklappt hat, denn ansonsten hätte ich nicht den steinigen Weg gehen müssen, den ich danach gegangen bin. Ich hätte nicht so hart arbeiten müssen und bestimmt nicht das Album geschrieben, dass ich geschrieben habe.

In „1980 bis 2010" heißt es: „Es geht ein Traum begraben, doch er wird weiterleben." Wovon träumst du noch?
Manchmal denke ich: ich bin der Mittelpunkt der Welt. Das denkt sicher jeder auf seine Art, das will unser Ego einfach so. Und natürlich will es Bestätigung. Mir ist aber vollkommen klar, dass ich von oben betrachtet nur eine Ameise bin und natürlich nicht der Mittelpunkt der Welt. Nichts desto trotz sehne mich nach Geltung, als Mensch und als Musiker. Das ist nicht immer sexy, aber so ist es nun mal. 

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