„Dann bin ich eben ein Loser!“ – ein Jungliterat packt aus

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Vor drei Monaten hat David sein Erstwerk publiziert – das Buch heißt „Schöne Verlierer“ und ist vorerst nur über den Print on Demand-Anbieter „Lulu“ zu beziehen. 25 Exemplare von „Schöne Verlierer“ hat der „nebenbei Germanistikstudent“ bis heute abgesetzt, zehn davon haben ihm Kommilitonen und Freunde direkt aus der Hand weggekauft. David im Gespräch mit [i]jetzt.de[/i] über verletzte Eitelkeiten und patente Wege, damit klar zu kommen, nicht gelesen zu werden [b]David, du machst für einen bisher wenig erfolgreichen Schriftsteller einen sehr selbstbewussten Eindruck. Dennoch kokettierst du in „Schöne Verlierer“ andauernd mit der Option des Scheiterns. [/b] Ich war eigentlich immer davon überzeugt, als Schriftsteller meinen eigenen Erwartungen gerecht werden zu können. Da ich aber in erster Linie nicht für mich selbst schreibe, sondern, um von Anderen gelesen zu werden, habe ich mir die Frage gestellt: Wie kann ich mein Buch am besten unter die Leute bringen? Das geht nur mit viel Promotion und ich weiß nicht, inwieweit ich überhaupt vermarktungsfähig bin. Mein Problem ist, dass es mir innerlich widerstrebt, mein Buch und damit mich selbst immerzu als Produkt anpreisen zu müssen, sei es bei potentiellen Lesern, sei es bei Verlagsleuten. Dieser Spagat hat mich teilweise echt verunsichert.

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Illustration: Julia Schubert

David Bies und sein gedrucktes Baby: Dann bin ich eben ein Loser! [b]Der Protagonist deines Buches – sein Name ist Jonas – ist ein von ähnlichen Selbstzweifeln zerriebener Literat. Es scheint, als ob du deine Vita an seiner Figur abgearbeitet hättest. An einer Stelle im Buch zermartert sich Jonas sein Literatenhirn: „Immer wieder der gleiche Gedanke: Was, wenn ich es nicht schaffe?“[/b] Meine Überlegung war die: Was ist, wenn es mir eben nicht gelingen sollte, einen Verlag zu finden und ich auf dem Weg dorthin stecken bliebe? Die Lösung lag für mich auf der Hand: der „Schöne Verlierer“, also die Idee, dass ein Schriftsteller, der ja von Natur aus ständig fiktionalisiert, irgendwann beginnt, sich selbst zu fiktionalisieren und sich in eine Figur fügt, in der er sich als den „Schönen Verlierer“ idealisiert – ein Antiheld, der das Dilemma vom Zwang zur Selbstverwertung und der Bewahrung der eigenen Authentizität überwindet, indem er einfach sagt: Ich will zwar, dass die Leute meine Texte lesen, ich werde mich aber nicht verbiegen, bloß um Absatz zu finden. Mit dieser Haltung konnte ich mich dann auch selbstbewusst daran machen, Manuskripte meines Buches an Verlage zu schicken. [i]Auf der nächsten Seite erzählt dir David, wie er sich an die Verlage rangemacht hat.[/i]


[b]Wie bist du da vorgegangen?[/b] Zunächst habe ich Manuskripte an zwölf etablierte Verlage rausgeschickt, aber ich bekam nur Absagen. Das waren überwiegend Standard-Vordrucke, wo einfach nur der Titel meines Buches eingefügt wurde. Außerdem sahen die Manuskripte ziemlich unberührt aus, also kein Mensch scheint sich das angesehen zu haben. Damals hat mich das schon sehr verletzt, aber inzwischen kann ich es verstehen: Als Einzelkämpfer ohne Referenzen geht man auf den Tischen der großen Verlagslektorate komplett unter.

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Illustration: Julia Schubert

Da ist das Ding: Schöne Verlierer [b]Und doch gibt es Buchverlage, die scheinbar willkürlich potentielle Neuautoren anbaggern.[/b] Genau, da heißt es dann: Verlag soundso sucht Autoren jetzt und sofort. Aber diese Verlage finanzieren sich ausschließlich über die so genannten Zuschüsse der Autoren, da kannst du für ein lausiges Lektorat und für den Druck einer von denen vorgegebenen Mindestauflage eine fünfstellige Eurosumme hinblechen. Wenn´s blöd läuft, bleibst du dann auf der Hälfte deiner Bücher sitzen. Diese Druckkostenzuschuss-Verlage sind reine Dienstleister und haben keinerlei Interesse daran, dass sich dein Buch verkaufen lässt, weil du das Buch ja eh selbst finanzierst. Deshalb stecken sie auch kein Geld ins Marketing. [b]Du hast „Schöne Verlierer“ dann im „Print on Demand“-Modus (PoD) von Lulu rausgebracht – dem Youtube für Literaten, in Deutschland seit ein paar Monaten verfügbar: Lulu ist ein Open-Source-Portal des ewigen Free-Software-Revoluzzers Bob Young (Ex-Chef des Linux-Vermarkters Red Hat!), der damit dem konventionellen, seiner Meinung nach für Autoren extrem nachteiligen Verlagswesen die Zähne zeigen will. Kannst du uns das Prinzip Lulu mal erklären? [/b] Die Macht des Verlegens geht mit Lulu zurück in die Hand der Autoren. Bei Lulu gibt es keinerlei Vorschusszahlungen oder sonstige Gebühren, und auch keine Mindestauflage. Man legt den Preis fest, behält alle Urheberrechte und bekommt am Ende 80 Prozent der Erlöse nach Abzug der Druckkosten. Auch technisch ist das easy zu handeln: Man stellt sein Werk als pdf-File ins Netz, sucht sich ein passendes Layout aus, den Versand übernimmt Lulu. Allerdings gibt es kein Lektorat und kein Marketing.

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Illustration: Julia Schubert

Kampfansage an die Verlage: lulu.com [b]Die Promotion machst du in Eigenregie?[/b] Naja, hauptsächlich quatsche ich Leute aus meinem Umfeld an und verteile Flyer in den Cafés im Prenzlauer Berg und in Berlin Mitte. Leider ist Lulu noch kaum bekannt bei den Leuten, was schon mal hinderlich sein kann. Ich habe zum Beispiel bei verschiedenen Berliner Lokalblättern angefragt, ob es möglich wäre, eine Anzeige für mein Buch zu schalten, aber da hieß es nur: Wir haben im Moment keinen Platz dafür. Um die Ecke wurde eine neue Eisdiele eröffnet, dafür war dann eine ganze Seite Platz. Außerdem ist Lulu noch nicht wirklich an den deutschen Markt angepasst, sprich mein Buch wird in Amerika gedruckt, es kommen also Versandkosten dazu von 3,30 Euro. Auch die Zahlungsmethode ist unpraktisch: Kreditkarte oder Paypal. Aus meinem Freundeskreis weiß ich aber, dass kaum einer Kreditkarte hat oder sich mit Paypal auskennt. Das bringt´s einfach nicht, wenn Leute per Zufall mein Buch entdecken, und dann kommen sie mit den von ihnen bevorzugten Zahlungsmethoden nicht weiter. [i]Was David noch stört an Lulu, kannst du auf der nächsten Seite nachlesen.[/i]


[b]Kritiker bemängeln, dass Lulu eine hemmungslose Inflation von Druckware befördern würde, und herkömmliche Qualitätsstandards auf der Strecke blieben. Du selbst ereiferst dich in „Schöne Verlierer“ darüber: „Dabei glaubte plötzlich jeder, ein Buch schreiben zu müssen!“[/b] Da ist was dran. Leider ist die Qualität bei Lulu halt nicht immer so topp. Wenn du die Klappentexte durchsurfst und merkst, dass viele Autoren allein da vier Rechtschreibfehler drinnen haben, dann denkt man schon, also ein Lektorat wäre da nicht verkehrt gewesen. Von der literarischen Qualität ganz zu schweigen. [b]Bob Young ist überzeugt davon, dass Lulu das Potential dazu hat, „die Welt so zu verändern wie seinerzeit Gutenbergs Erfindung, der Buchdruck.“[/b] Ich halte das für etwas hoch gegriffen. Lulu kann sicherlich eine gute Ergänzung zum herkömmlichen Verlagswesen sein, das wird aber immer bestehen bleiben. Allein wegen der Connections zum Buchhandel brauchst du mittelfristig die traditionellen Verlage. Daher werde ich wegen meinem nächsten Roman auch noch mal bei denen anfragen. Wenn´s wieder nicht klappen sollte, dann bleibe ich eben ein schöner Verlierer.

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