"Darauf habe ich gewartet": Ein junger Liberianer über den Prozess gegen Charles Taylor

Am letzten Montag begann der Prozess gegen einen der schlimmsten afrikanischen Kriegsverbrecher, dessen Name mit Begriffen wie Blutdiamanten, Kindersoldaten und Massenmorde verbunden ist: gegen den ehemaligen Präsidenten Liberias Charles Taylor. Der erste Prozesstag vor dem UN-Sondertribunal für Sierra Leone in Den Haag versank allerdings gleich in Chaos, da der Angeklagte sich weigerte, zu erscheinen. Charles Taylor war nicht nur verantwortlich für 15 Jahre Bürgerkrieg und mehrere 100.000 Tote in Liberia, sondern unterstützte auch die Rebellen-Gruppen in Sierra Leone. Diese töteten, mordeten und vergewaltigten, vielen Männern und Frauen hackten sie Hände, Nasen oder Ohren ab. Ziel war es, Terror zu verbreiten und die Kontrolle über Diamantenfelder zu erlangen. jetzt.de sprach mit Semantics King Jr, 27, über den Auftakt des Prozesses und die Hoffung, die er in die seit 2006 regierende Präsidentin Ellen Sirleaf Johnson setzt. Semantics ist Journalist und musste zehn Jahre im Exil leben. Mittlerweile lebt er wieder in Monrovia, der Hauptstadt Liberias.
kristin-matousek

Wann hast du Liberia verlassen und wohin bist du geflüchtet? Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, kam ich als Flüchtling nach Ghana. Dort habe ich bis vor einem Jahr gelebt und meine eigene kleine Zeitung gegründet, um all die anderen Flüchtlinge zur Lage in Liberia auf dem Laufenden zu halten. Wie hast du den Auftakt des Prozesses gegen Charles Taylor empfunden? Ich habe lange auf den Tag gewartet, an dem die Verhandlungen gegen Charles Taylor beginnen und doch habe ich immer gehofft, dass es ein fairer Prozess wird. Dass Charles Taylor nicht zum ersten Verhandlungstag erschienen ist, und sein Anwalt das Mandat niederlegte zeigt, wie wenig Reue er empfinden muss.

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Illustration: Julia Schubert

Charles Taylor Welchen Ausgang erhoffst du dir von diesem Prozess? Was mich wütend macht, ist, dass Charles Taylor nicht für die Verbrechen in Liberia angeklagt wurde, sondern für seine Unterstützung der Rebellen in Sierra Leone. Wenn dieser Prozess tatsächlich ein gerechter Prozess sein soll, dann muss er auch für das bestraft werden, was er meinem Land angetan hat. Seit Januar 2006 wird Liberia als erstes afrikanisches Land von einer Frau regiert, von Ellen Sirleaf Johnson. Sie gilt als schlagfertige Hoffungsträgerin für das Land. Wie siehst du das? Ein Mann, der damals, 1991, für den Tod meiner Familie verantwortlich war, ist Prince Johnson. Und genau dieser Mann sitzt heute als Senator in Ellen S. Johnsons Kabinett. Jewel Harward Taylor, die Ehefrau von Charles Taylor, ist ebenfalls Senatorin. Und es gibt eine ganze Reihe von ehemaligen Kriegsherren, die autoritäre Positionen in Liberia haben. Solange diese Menschen in Liberia Einfluss haben, wird sich nicht viel ändern. Woran glaubst du, liegt das? Auch wenn Charles Taylor verhaftet wurde und heute vor Gericht steht, hat er noch immer einen immensen Einfluss in Liberia. Ihm gehört zum Beispiel das größte liberianische Mobilfunk-Unternehmen, Cellcom. Unter solchen Umständen ist es für unsere Präsidentin nicht gerade leicht unser Hauptproblem, die Korruption, zu bekämpfen.

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Illustration: Julia Schubert

Semantics während eines dreimonatigen Stipendiums an einer Journalistenschule in den USA, bei dem er neben dem Weißen Haus auch das Pentagon besuchte Versprichst du dir etwas davon, dass Ellen S. Johnsons am G8-Gipfel erschienen ist? Natürlich hoffe ich, dass sie etwas erreichen konnte. Es ging, wie immer, um Schuldenerlass. Aber um diese Schulden erlassen zu bekommen, muss Ellen S. Johnson den G8-Nationen einen Grund dafür geben. Da es aber immer wieder zu Eklats innerhalb ihres eigenen korrupten Kabinetts kommt, bezweifle ich, dass sich die G8 auf diesen Deal einlassen werden. Wie siehst du deine weitere Zukunft in Liberia? Ich bin Journalist und von Pressefreiheit ist hier leider nicht viel zu sehen. Noch immer marschieren Kämpfer die Straßen von Monrovia entlang und es gibt viele Momente, in denen ich Angst habe, sie könnten mir etwas antun. Und doch hoffe ich, dass wir es langfristig schaffen, unter demokratischen Bedingungen zu leben. Foto: privat, dpa

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